Ich wei, was Ihr von mir erwartet, aber ich will kein vermehrtes Leid unter meinem Volk. Ich will keinen offenen Krieg riskieren. Herr der Ringe, Die zwei Trme
Theoden
 
Home
Suche
Fanclub
Fanclubleitung
Fanarts
FanFics
FAQs und Regeln
- by Lindir
- by Perian Maethor
Abenteuer des Todo Braunlock
Abenteuer des Todo Braunlock II
Rotes Buch der Westmark
Humor
Lyrik
Linkliste
Wettbewerbe
LotR-FC.de Award
Downloads
Impressum


TK24.de


Menü: Home / Fanclub / FanFics / - by Perian Maethor / Abenteuer des Todo Braunlock II
DIE ABENTEUER DES HOBBITS TODO BRAUNLOCK II

Kapitelübersicht



« Kapitel I - XX

XXI. Die Suche nach den Hobbits

XXII. Vom Regen in die Traufe

XXIII. Das Gefecht am Brandywein

XXIV. Das Fest Vorjul

XXV. Der erste Schnee

XXVI. Auf hoher See

XXVII. Der Wurfwettbewerb

XXVIII. Der Vorposten

XXIX. Die Verschwörung (new)

XXX. Die verhängnisvolle Entscheidung (new)
XXXI. Der Widerstand (new)

XXXII. Wanderung in Waldende (new)

















XXI. Die Suche nach den Hobbits

Das örtliche Gasthaus im hiesigen Langgrund war an diesem Abend gut besucht. Zahlreiche Hobbits, davon vornehmlich Ältere, hatten sich eingefunden um bei Bier und Pfeifentabak einen gepflegten Plausch zu halten. Natürlich waren auch hier die neuerlichen Ereignisse im Auenland Thema Nummer Eins. Man zeigte sich sehr besorgt über die Entwicklungen, welche die eigene Heimat heimgesucht hatte. Auch der Überfall auf Froschmoorstetten und den verschwundenen Landsleuten blieb nicht unerwähnt. Zu den Gästen zählten Ottokar, Ehemann von Primula Bolger, der Bäckersfrau. Des Weiteren waren da Archi Schönkind, der örtliche Postkurier und Mosco Kattun, der Gemischtwarenhändler des Ortes zugegen. Der Händler war zugleich als der größte Tratschmund hier bekannt. Zu gern brachte er Gerüchte und Halbwahrheiten in Umlauf. Dafür war er zwar nicht gerade beliebt, doch scherte er sich nicht um negative Meinungen über die eigene Person. Gemeinsam saßen sie an einem Tisch und unterhielten sich lebhaft.

"Ich sage es euch, Leute. An alle dem trägt unser Herr Bürgermeister Mitschuld!", warf Mosco wütend ein. Alles sah ihn nach dieser Äußerung ungläubig an. Jeder wusste, dass er Willigar Stolzfuß nicht mochte. Warum, das konnte keiner so richtig nachvollziehen, doch ließ der Händler keine Gelegenheit aus, um über diesen her zu ziehen.
"Wie kommst du darauf, Mosco?", wurde er gefragt.
"Warum? Na haben denn all diese schlimmen Ereignisse nicht erst mit seinem Amtsantritt begonnen?" Ottokar schüttelte verständnisvoll den Kopf.
"Das sehe ich nicht so. Unser neuer Bürgermeister ist ein netter Mann und tut was er kann." Für die Bemerkung erntete er einen bösen Blick seines Gegenübers.
"Was heißt er tut was er kann? Es hat inzwischen doch jeder mit mitbekommen, dass weder er noch seine Männer bisher in der Lage waren, das üble Gesindel aus unserer Gegend fernzuhalten. Jetzt sind auch noch Landsleute entführt worden. Also wenn ihr mich fragt, Willigar Stolzfuß hat auf diesem Posten nichts verloren."
"Wer fragt schon nach deiner Meinung!", erwiderte Ottokar patzig.
"Also ich finde das in jedem Fall alles nicht natürlich.", mischte sich Archi Schönkind ein. "Erst die Einbrüche, dann der Überfall und nun noch die Entführungen. Irgendetwas Großes ist hier im Gange, wenn ihr mich fragt!" Mosco sah ihn mitleidig an.
"Hört! Hört! Nachbar Schönkind sieht schon wieder Gespenster. Fang bloß nicht wieder mit deinem Gerede von einer Verschwörung oder so was an. Das höre ich mir jetzt schon seit Tagen an.", spöttelte der Händler. Der Kurier verkniff sich eine Bemerkung, widmete sich stattdessen demonstrativ dem Krug Bier vor ihm auf dem Tisch.
"Jetzt hört auf zu streiten, Männer!", rief Ottokar die beiden Kontrahenten auf. "Wie auch immer. Etwas hat sich verändert, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Was mich aber eigentlich am Meisten an den Vorgängen beunruhigt, ist der Umstand, dass es sich bei den Strolchen um Angehörige des Großen Volkes handelt. Bisher war ich in dem Glauben gewesen, dass sie Freunde unsres Volkes seien und ihre schützende Hand über uns halten. Dass ausgerechnet ihren Reihen nun diese Räuber und Entführer stammen hat mich ein wenig erschüttert."
"Mich nicht, mein werter Ottokar!", fuhr der Händler ihm sofort ins Wort. "Ich war schon immer der Meinung gewesen, dass man ihnen nicht trauen dürfe." Der Bäckermeister schüttelte abermals unverständlich den Kopf. Er hatte das Misstrauen des Nachbars gegenüber dem Großen Volk noch nie verstanden. Er selbst hatte eine gute Meinung über die Menschen. Zwar tauchten diese nur hin und wieder in seinem Laden auf, zu weit abseits lag der hiesige Ort. Doch hatten sie sich stets bei ihrem Besuch freundlich und tadellos ihm gegenüber verhalten. Andererseits hatte er von seitens Mosco nichts Anderes erwartet.
"Gibt es überhaupt jemanden, dem du eigentlich traust?", fragte er sein Gegenüber unwirsch.
"Ja! Und zwar mir und meinem hervorragende Geschäftssinn!", antwortete der Händler ungeniert.

Der Bäcker musste über soviel Arroganz lächeln. Das Gespräch verebbte für einen Moment Weile. Man prostete sich trotz der vorherigen Streitigkeiten freundlich zu und leerte die Krüge.
"Sagt mal, wo ist eigentlich unser guter Till Tuk?" Mit dieser Frage nahm Mosco das Gespräch wieder auf. Seine Tischnachbarn hoben die Schulter.
"Ich weiß es leider nicht.", meinte Ottokar achselzuckend. "Du etwa Archi?". Der Angesprochene verneinte.
"Nein! Aber vielleicht ist ihm ja was dazwischen gekommen. Sonst ist er eigentlich immer abends hier zu gegen.", erwiderte dieser.
"Apropos Till Tuk. Ich habe heute seinen Jungen und Braunlock Junior mit dem Wagen an meinem Laden vorbei kommen sehen, Leute!", erwähnte der Händler beiläufig.
"Und was ist daran so Besonderes, Herr Nachbar?", wollte Archi neugierig wissen.
"Na weniger die jungen Leute, die darauf saßen, sondern viel mehr das, was sie spazieren fuhren. Ihr werdet es mir nicht glauben, aber es sah mir nach einem Art Boot aus.
"Boot?", entfuhr es den Mündern der anderen Hobbits. Moscos Gesicht war es deutlich anzumerken, wie stolz er darauf war, mit einer Neuigkeit aufwarten zu können.
"Ja es schien ein Seegefährt zu sein, mit dem man das Wasser befahren kann." Der Postmeister musste schlucken.
"Sie wollten doch nicht etwa eine Bootsfahrt machen?", fragte Ottokar nach. Der Händler wog nachdenklich den Kopf. "Da bin ich mir nicht so sicher. Tuk Junior ist doch dafür bekannt, dass er immer mal wieder Unfug im Sinn hat, oder Leute?"

In diesem Moment wurde die Eingangstür aufgestoßen. Die Gäste sahen auf. Der Besucher war niemand Anderes als Till Tuk selbst.
"Na seht ihr! Da ist ja der werte Tuk", rief Archi freudig vom Tisch her. Doch dieser schien nicht auf ein Bier vorbei gekommen zu sein, was seinem Gesichtsaudruck zu entnehmen war. Der Nachbar, sonst lustig und humorvoll, wirkte an diesem Abend sehr nervös und angespannt. Das Gemurmel im Gastraum verebbte von einer Minute zu Anderen. Stattdessen blickte man den Gast erwartungsvoll an. Dieser sah sich derweil hektisch um, bevor er sein Schweigen brach.
"Todo und mein Junge sind verschwunden, Leute!". Nach dieser Bemerkung verwandelte sich die eben noch ausgelassene Stimmung in betretenes Schweigen. Fassungslosigkeit machte sich unter den Hobbits breit. Dass das Unheil nun seine Klauen auch nach den Bewohnern dieser stillen Örtchen ausstrecken würde, war für die Meisten unvorstellbar. Andererseits waren Tills Worte unmissverständlich gewesen. Keiner wagte zunächst etwas zu sagen. Keiner außer dem Händler, der sich eine Bemerkung nicht verkneifen konnte.
"Vielleicht treiben sie auch nur etwas Unfug, Meister Tuk!" Diese Äußerung hätte er besser unterlassen, denn sofort erntete er dafür einen bitterbösen Blick. Der Gast wandte sich an seine Landsleute.
"Wir müssen die Jungs umgehend suchen. Wir müssen sofort einen Suchtrupp aufstellen!" Zwar hegten alle Anwesenden volles Mitgefühl mit dem Vater, doch verspürte keiner die wirkliche Lust in der Dunkelheit nach zwei Hobbits suchen zu müssen. Nicht nach alle den Ereignissen der vergangenen Tage, die sich im Auenland zu getragen hatten. Es war der Wirt, der diesen Gedanken der Hobbits Worte verlieh.
"Hört Till! Versteh mich nicht falsch aber wir sollten besser bis zum Morgen warten. Du weißt selbst, dass es in der augenblickliche Situation nicht gut ist, eine nächtliche Suche zu starten."

Trotz seiner Furcht verstand er die Bedenken seiner Landsleute. Till stimmte widerwillig zu und verließ dann ohne ein weiteres Wort das Gasthaus wieder. Innerlich hoffte er, dass es am nächsten Tag nicht zu spät war. Als der nächste Morgen anbrach verbreitete sich die Nachricht vom Verschwinden der Jungen wie ein Lauffeuer im Ort und seiner Umgebung. Zum Erstaunen der Tuks versammelten sich im Laufe des Vormittags zahlreiche Männer aus allen Orten der Umgebung auf dem Dorfplatz. Daneben hatten die besorgten Eltern auch ihre Verwandten im Bockland verständigt. Wohl auch aus dem Wissen heraus, dass diese für ihre Unermüdlichkeit und Tapferkeit bekannt waren und kein Risiko scheuten. Die eingetroffenen Männer waren mit Heugabeln, Äxten oder Sensen bewaffnet. Zweifellos stellten diese im Falle einer möglichen Auseinandersetzung mit Strolchen keinen wirksamen Schutz dar, aber waren besser als Nichts. Auch führte man Suchhunde mit, die als Fährtenleser dienten. Natürlich beteiligte sich Till Tuk an der Suche nach den Jungen. Zwar war seine Frau anfangs nicht begeistert gewesen, doch hatte sie seinem Wunsch schließlich nachgegeben.

In den frühen Mittagstunden machte sich dann endlich der organisierte Suchtrupp auf den Weg. Obwohl die Sonne schien, war den Männern allesamt alles Andere als wohl zumute. Irgendwie erschien es den Meisten inzwischen als lastete ein Fluch über ihrer Heimat. Die schlimmen Ereignisse schienen nicht abreißen zu wollen. Vornweg an der Spitze der Gruppe lief Till Tuk. Man marschierte entlang des Ausläufers des Brandywein Richtung Osten und hielt unentwegt Ausschau nach den Vermissten. Dem Vater gingen derweil tausend Gedanken durch den Kopf. Immer wieder fragte er sich, was die Jungs bewogen hatte, sich in ein solches Abenteuer zu stürzen. Er schwor sich innerlich seinen Jungen mal richtig übers Knie zu legen, wenn er ihn wieder fand. Zunächst aber blieb die Suche erfolglos. Obwohl man immer wieder die Hunde losschickte um eine Fährte zu finden, kehrten diese einige Zeit ohne Ergebnis zurück. Am Abend des Tages erreichten die Männer die Mündung zum Brandywein. Nach einer bisher erfolglosen Unternehmung legten die Hobbits eine Rast ein. Sie beschlossen an diesem Ort zu nächtigen, nicht ohne einen Wachmann abzustellen. Man versammelte sich später um ein eilends entfachtes Lagerfeuer und bereitete das Mahl vor. Das aus Brathähnchen und Tüften bestehende Mahl hob die trübe Stimmung der Gruppe ein wenig. Die Meisten der Männer fanden Ruhe in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen trafen die Hobbits zu ihrer großen Freuden auf ihre Landsleute aus Buckelstadt. Ihr Anführer war Tills Bruder Illberik Tuk, der einige Männer aus seiner Sippe mitgebracht hatte.
"Hallo Illberik! Schön, dass du gekommen bist. Wir können jede Unterstützung gebrauchen." Mit diesen Worten begrüßte Till seinen Verwandten, der den Gruß erwiderte.
"Ganz meinerseits! Als ich deine Nachricht erhielt, sind unsre Männer und ich sofort aufgebrochen." Tills Blick blieb an den mitgebrachten Waffen der Verwandten aus seiner Sippe hängen. Es veranlasste ihn zu einer amüsanten Bemerkung.
"Sag Bruder, ziehen wir eigentlich in den Krieg?" Dabei wies er auf die Bögen und Dolche, welche die Männer mit sich führten. Illberiks Blick wurde sofort ernst.
"Ja, meiner Ansicht nach tun wir das!", erwiderte Illberik finster. "Wir haben von den Ereignissen im Auenland erfahren. Wir wollen nicht, dass Bockland das Gleiche passiert. Merimac Brandybock hat die bewaffneten Einheiten an den Grenzen nach Bekannt werden drastisch verstärken lassen. Jeder Eindringling wird erledigt." Man wusste wohl, dass Tuks und Brandybocks wenig zimperlich mit ihren Feinden umgingen. Nicht immer zum Wohlgefallen der anderen, eher friedlichen, Auenlandbewohnern. "Ich nehme an ihr habt noch keine Fährte gefunden, oder?", fragte der Buckelstädter anschließend. Till verneinte zu Illberik Enttäuschung. Der Tuk dachte einen Moment nach. "Wir sollten den Brandywein südwärts absuchen, Männer! Wenn die Jungs irgendwo gestrandet sind, dann werden wir sie sicher finden."

Gemeinsam setzten die Hobbits ihren Weg fort. Erneut wurden die Hunde los geschickt um eine Spur der Vermissten zu finden. Zu aller Überraschung wurden die Tiere schließlich fündig. Plötzlich kehrte Tills Zuversicht zurück, Todo und seinen Sohn lebend wieder zu finden. Die Hunde führten die Truppe zu den verstreut umher liegenden Überresten eines Floßes. Sie befanden sich in der Nähe der Brandyweinbrücke. Zu aller Enttäuschung aber wurde außer den Wrackteilen nirgends Einer der Jungen gefunden. Allerdings stieß man in der nahen Umgebung auf die Überbleibsel eines stattgefundenen Kampfes. Davon zeugten der tote Körper eines Wolfes und Blutspuren am Boden. Rasch stellte man fest, dass sie nicht von dem Tier stammten. Dieses war wohl erschlagen worden.

Mit steinerner Miene kniete sich Till nun nieder und besah sich das getrocknete Blut. Ein Frösteln lief ihm über den Rücken, während er verzweifelt mit Blicken die Umgebung absuchte. Schließlich blieb sein Blick auf das nahe Felsmassiv haften. 'Ob sie die Jungen noch lebend finden würden? Diese Frage beschäftigte ihn unaufhörlich. Dabei horchte er in sich. Ein Gefühl, wie es wohl nur ein Vater empfinden kann, verriet ihm, dass die Beiden bestimmt noch am Leben waren. Vielleicht verletzt aber nicht tot. Von hinten trat plötzlich sein Bruder heran und legte ihm einen Arm auf die Schulter.
"Mach dir keine Sorgen, Bruder! Wir werden die Beiden schon finden, gleich wie lange es dauern mag. Vergiss nicht, Ferdi ist auch ein Tuk wie wir. Und als Solcher ist er zäh und widerstandsfähiger als anderer unsrer Landsleute. Er wird schon durch kommen, davon bin ich überzeugt."
"Dein Wort in Gottes Ohren, Illberik!", erwiderte Till tonlos und erhob sich wieder. Dann setzte die Gruppe ihre Suche fort.

Zur Kapitelübersicht

XXII. Vom Regen in die Traufe

Die beiden Freunde tasteten durch den schmalen Gang vorwärts. War es zunächst dichte Dunkelheit, die sie umgab, entdeckten sie in der Ferne einen flackernden Lichtschein. Vorsichtig und möglichst lautlos bewegten sie sich fort. Schließlich wussten sie nicht, was sie erwarten würde. Ferdi unterdrückte dabei so gut es ging den explodierenden Schmerz in seiner linken Schulter, der ihm inzwischen regelrecht den Atem raubte. Der Lichtschein vor ihnen wurde immer größer. Am Ende erreichten sie das Ende des Loches und stellten fest, dass sie sich auf der Anhöhe eines Abhanges innerhalb einer Höhle befanden. Von hier oben hatten sie einen guten Überblick über das Geschehen unter sich. Das Licht stammte aus zahlreichen Fackeln, die in den Boden gerammt worden waren. Ihr Blick fiel auf eine Feuerstelle, über der vor kurzem etwas gebraten worden war. Überall auf dem Boden lagen Überreste von kleinen Tieren wie Kaninchen oder Hasen herum. Das weckte den Hunger der Hobbits, hatten sie doch schon lange Stunden nichts mehr gegessen. Am Liebsten wären die Beiden umgehend herab gesprungen, um wenigstens etwas Essbares zwischen die Zähne zu bekommen. Sie ließen es dennoch tunlichst bleiben, denn die Tiere waren nicht das Einzige was hier herum lag.

Die jungen Hobbits zählten mindestens zwanzig große Männer, die zusammen gesunken am Boden lagen. Ihr Schnarchen verriet den Jungen, dass diese tief und fest schliefen. Ihrem wilden Aussehen nach waren sie sicher keine friedliebenden Wesen. Dafür sprachen auch die Waffen, welche diese Menschen an den Gürteln trugen oder neben ihnen am Boden lagen. Mit denen wollten die Beiden keine Bekanntschaft machen.

In diesem Moment vernahm Todo erneut das mühsam unterdrückte Stöhnen seines Freundes. Ihm wurde wieder bewusst, dass er schnell etwas finden musste, womit er zumindest die Wunde reinigen konnte. Ansonsten würde Ferdi unweigerlich an einer Blutvergiftung sterben. Dieser Gedanke trieb ihn zur Eile an. Hilfe suchend sah er sich um. Zwischen den Leibern der Schlafenden entdeckte er herum liegende Flaschen. Er hoffte, dass es sich beim Inhalt um Wasser oder Alkohol handelte. Um sie aber zu fassen zu bekommen, musste er herab. Dieser Gedanke aber wiederum erfüllte ihn mit Unbehagen. Wie schon erwähnt, gehörte er nicht gerade zu den mutigsten Hobbits, aber die Sorge um seinen Freund ließ ihn doch die vorhandenen Zweifel vergessen. Er flüsterte seinem Kumpel sein geplantes Vorhaben zu. Dieser nickte zwar zustimmend, aber bat Todo vorsichtig zu sein. Dann machte er sich daran möglichst lautlos den Abhang hinab zu klettern. Dabei musste er auf das Geröll Acht geben, wenn er nicht abrutschen wollte. Gänzlich lautlos ging der Abstieg nicht von Statten. Hier und da lösten sich kleine Steine und kullerten gen Erdboden. Glücklicherweise übertönte das Schnarchen der Männer die dabei verursachten Geräusche. Nach einer scheinbaren Ewigkeit erreichte der Hobbit sicher und unbemerkt den Höhlenboden. Leise schlich er mit klammem Gefühl auf die schlafenden Menschen zu. Sein Herz pochte aus Furcht immer schneller.

Nicht desto trotz bewies er in diesem Augenblick mehr Mut als Verstand, als er sich behutsam neben Einem der schlafenden Männer niederkniete und seine Hand nach einer umher liegenden Flasche ausstreckte. Er nahm sie in die Hände und roch daran. Zu seiner Freude handelte es sich bei dem Inhalt eindeutig um Alkohol. Soweit ihm bekannt war, sollte es zum Desinfizieren von Wunden hervorragend geeignet sein. Für einen Moment harrte er in dieser Position aus und blickte sich um. Dabei entdeckte er plötzlich mehrere kleine Geschöpfe, die zusammen gesunken in einer Ecke saßen und ebenfalls schliefen. Er brauchte nicht Eins und Eins zusammen zu zählen um festzustellen, dass es sich dabei um Landsleute handelte. Es war für wahr eine Überraschung. Ihm fielen automatisch die vermissten Hobbits aus Froschmoorstetten ein und mit ihnen sein verschollener Vater. Ob er sich unter ihnen befand? Ungeahnte Hoffnung ergriff plötzlich von ihm Besitz und ließ ihn jede Vorsicht vergessen.

Von oben herab beobachtete Ferdi nervös das Tun seines Freundes, der sich inzwischen der Gruppe der Gefangenen näherte. Sie trugen Fesseln an Füßen und um die Hände Es versetzte Todo einen schmerzlichen Stich sie so zu sehen. Es war ein elendiger Zustand, in dem sich seine Landsleute befanden. Was waren das nur für Scheusale, die so etwas taten? Wut über die Menschen keimte in ihm auf. Leider musste er trotz näherem Hinsehen feststellen, dass sich sein Vater nicht unter ihnen befand. Trotzdem ballte er in diesem Augenblick beide Fäuste. Am Liebsten hätte er sie sofort befreit, doch eine Stimme in seinem Kopf hielt ihn zurück. Sie warnte ihn davor unüberlegt zu handeln. Das konnte die Situation eher zu spitzen als entschärfen. Zudem musste er jetzt erst seinem Freund helfen. So riss er sich mühsam zusammen und begann die Anhöhe hoch zu klettern. Das war nicht minder mühsam als der vorherige Abstieg. Schweißnass kam er mitsamt Flasche oben an. Er kroch zu Ferdi, der inzwischen an der Höhlenwand lehnte und schwer nach Luft rang. Vorsichtig entfernte Todo den notdürftigen Verband um die Schulter seines Freundes. Er feuchtete den Lappen mit Alkohol an und betupfte damit die Wunde. Ferdi schaffte es eben noch einen Schmerzenschrei zu unterdrücken, so brannte diese nach Kontakt mit dem Alkohol. Zudem trat neues Blut aus der Verletzung aus. Todo legte die Flasche auf den Boden, riss ein weiteres großes Stück aus seinem Hemd und verband damit die desinfizierte Wunde.

Nach einer Weile öffnete Ferdi wieder die Augen. Er betrachtete zunächst seinen Kumpel und begann schief zu grinsen.
"Warum grinst du so?", fragte der Freund etwas irritiert.
"Hm, wenn du dich so weiter deiner Kleidung entledigst, wirst du dir noch irgendwann eine Lungenentzündung holen. Oder zum Gespött des Auelandes werden.", erwiderte Ferdi leise lachend. Todo verdrehte zwar die Augen, war aber erleichtert, dass es seinem Gefährten offenbar wieder besser ging. Zugleich dachte er aber auch an die gefangenen Hobbits, die unbedingt Hilfe benötigten. Er berichtete seinem Kumpel von seiner Beobachtungen, die er gemacht hatte. Beide dachten verzweifelt über eine Möglichkeit nach, die Gefangenen befreien zu können. Es war kein leichtes Vorhaben, das zu bewerkstelligen war, denn immerhin hatte sie es mit mindestens zwanzig Strolchen zu tun.

Woran Todo dabei nicht mehr dachte, war die abgelegte Flasche, die gefährlich nah am Rand lag. Und genau diese geriet nun durch eine unbedarfte Fußbewegung des einen Hobbits in Bewegung und rollte über den Rand des kleinen Plateaus. Mit einem nicht minder lauten Scheppern landete sie auf dem Höhlenboden und zerbrach dabei. 'Oh je', dachten sich beide Jungen zeitgleich. Todo hätte sich angesichts seiner Trotteligkeit am Liebsten zugleich in den Hintern gebissen. 'Warum bloß hatte er nicht mehr an das leere Gefäß gedacht?' Für Selbstvorwürfe war es nun zu spät. Einige der Strolche wurden vom Lärm aus dem Schlaf gerissen und sprangen sofort auf . Zu ihnen gehörte auch Darios, der Anführer. Er und seine Männer sprangen sofort auf die Beine und griffen instinktiv zu den Waffen. Verwirrt blickten sie sich um, konnten aber zunächst nichts Auffälliges entdecken. Dann aber entdeckten sie die zerbrochene Flasche am Boden. Ganz so dumm wie sie wirkten, waren sie nicht. Blitzschnell kombinierte ihr Chef Darios. Das Ding konnte nicht einfach zerbrechen, also muss es herab gefallen sein. Diese Überlegung veranlasste ihn umgehend nach oben zu blicken. Wenn sie von dort oben herab gepurzelt war, wie kam sie dann überhaupt dort hoch?
"Männer! Da oben muss jemand sein. Seht sofort nach!", rief er ihnen umgehend zu. Diesen Befehl vernahmen auch die zwei Hobbits, denen ihr Sitzplatz jetzt doch ungemütlich wurde. Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht mehr, denn der erste Strolch befand sich bereits auf dem Weg zu ihnen. Todo sprang auf die Beine und schnappte sich einen fetten Steinbrocken. Er holte aus und warf. Mit einem satten Klatschen traf das Geschoss sein Ziel. Ein schmerzhaftes Geheul drang dem Mann aus dem Mund, als er von der Wucht des Treffers von den Füßen geholt wurde. Der Hobbit konnte sich ein Ausruf der Freude nicht verkneifen, als er den Mann herab kullern sah.

Darios war außer sich vor Wut über die Unfähigkeit, die sein Mann an den Tag legte. Gerade wollte er neue Befehle erteilen, als sein eigener Chef am Schauplatz auftauchte. Dieser erfasste mit wenigen Blicken das Geschehen.
"Was zum Teufel ist hier los, Darios?", fauchte er ärgerlich seinem Untergeben zu.
"Verzeiht werter Telpeth aber da oben auf dem Plateau befinden sich zwei weitere Hobbits", erwiderte Darios kleinlaut. Sein Gegenüber starrte hinauf und erblickte einen der jungen Hobbits. Über das Gesicht des Mannes huschte ein teuflisches Lächeln.
"Na wunderbar!" rief er aus. "Noch ein Hobbit der uns ins Netz geht."

Die zwei jungen Männer auf dem Plateau hatten den Wortwechsel ebenfalls vernommen. 'Wunderbar' hatte dieser Typ verlauten lassen. Sie selbst fanden die Situation alles andere als wunderbar. Sie schienen regelrecht vom Regen in die Traufe geraten zu sein. Draußen lauerten wilde Wölfe und hier drinnen mussten sie sich mit einer Meute von üblen Strolchen herum plagen. 'Das waren wirklich keine sonnigen Aussichten', dachte sich nicht nur Todo. Er hatte so angestrengt dem Wortwechsel der Männer gelauscht, dass er dabei vergessen hatte, die nahe Umgebung im Auge zu behalten. So hatte sich in der Zwischenzeit ein weiterer Strolch den steilen Abhang hochgearbeitet. Erst Ferdis alarmierende Ruf ließ den Freund wieder auf die Gefahr aufmerksam werden. Erneut griff der Hobbit nach einem Steinbrocken und zielte auf den Gegner. Dieser war aber durch das Schicksal seines Vorgängers gewarnt und wich dem Geschoss rechtzeitig aus. Todo fluchte. Soeben erklomm der Mann das kleine Plateau und wollte sich auf den Hobbit stürzen. Dieser hielt zu Ferdis Verwunderung plötzlich einen Dolch in der Hand. Als der Strolch sich auf seinen Freund warf, zückte dessen Hand mit der Waffe automatisch vor. Der Gegner stieß einen erstickten Schrei aus, als sich der Dolch in seine Brust bohrte. Entsetzt sprang seine Gegenüber zurück und ließ die Waffe sofort fallen. Der Mann bäumte sich nochmals auf, bevor er qualvoll starb.

Der Hobbit erblasste und zitterte plötzlich am ganzen Körper. Er war regelrecht aufgewühlt und konnte noch gar nicht begreifen, was soeben geschehen war. Er, ein friedliebender und aufrichtiger Hobbit, hatte erstmals in seinem Leben einen Menschen getötet. Diese schreckliche Gewissheit musste er erstmal verdauen. Er war so mit sich selbst beschäftigt, dass er den bewundernden Blick nicht wahrnahm, den ihm sein verletzter Kumpel zuwarf. Darios und sein Chef hatten das Geschehen verfolgt. Telpeth stampfte nun wütend mit den Füßen auf und ließ seine Wut freiem Lauf.
"Ihr verdammten Nichtsnutze! Könnt ihr denn nicht mal mit einem Halbling fertig werden?", giftete er die Männer an. "Bogenschützen! Holt endlich diesen Zwerg von den Füßen!", brüllte er den eigenen Männern zu. Diese spannten umgehend ihre Bögen und zielten auf Todo. Dieser warf sich noch rechtzeitig zu Boden und entging so der Salve Pfeile, die über seinen Kopf hinweg fegte.
"Sag Ferdi, was sollen wir jetzt machen? Hier kommen wir doch niemals lebend heraus." Der Angesprochene hob die Schultern.
"Ich weiß es nicht." Anschließend lächelte er gequält. "Aber eines muss ich dir schon sagen. Du hast dich tapfer geschlagen, das bewundere ich. Ganz so wie ein Tuk." Diese Äußerung entlockte auch seinem Gefährte ein stolzes Lächeln.

Doch für eine weitere Unterhaltung blieb keine Zeit. Schon waren weitere Männer auf dem Weg zu ihnen hinauf. Todo dachte nach. Es fiel ihm schließlich nur eine brauchbare Lösung ein. Die Flucht. Allerdings konnte es nur einem von ihnen gelingen. Um dies nämlich zu ermöglichen, musste der Andere die Strolche vom Plateau weglocken. Da sein Freund verletzt war, lag es wohl an ihm selbst dies zu tun. Diese Idee stieß bei Ferdi nicht auf viel Gegenliebe, doch fügte er sich widerwillig. Schweren Herzens verabschiedeten sie sich voneinander und trennten sich.

Während der Tuk in Richtung des schmalen Durchlasses kroch, nahm Todo den entgegen gesetztem Weg. Mit schnellem Schritt huschte er an der Strolchen vorbei. Diese zeigten sich über die unerwartete Reaktion aus ihrem Konzept gebracht.
"Fangt mich doch wenn ihr könnt, ihr langen dünnen Strohköppe!", rief der Hobbit ihnen lachend zu. Unten angekommen jagte er im Zickzackkurs zwischen den Beinen der Männer vorbei Richtung Höhlenausgang. Der große Chef inmitten der Truppe stieß die übelsten Flüche aus. Todo streckte ihm demonstrativ die Zunge aus und hechtete zum Ausgang. Um Haaresbreite entging er dabei einer neuen Salve Pfeile, die man ihm als Antwort für seine Frechheit hinterher schickte. Bevor er in den dunklen langen Gang eintauchte, sammelte er schnell noch ein paar faustgroße Steine auf. Kaum war er paar Meter gelaufen, umgab ihn auch schon undurchdringliche Schwärze. Der anfängliche Mut schwand. Wie sollte er denn den Ausgang finden, wenn er noch nicht mal die Hand vor Augen sah. So stolperte er mehr als das er ging. Als er zurückblickte sah er bereits den Lichtschein von Fackeln, begleitet von harschen Befehlen, die sich auf ihn zu bewegte. Wie sehr hätte er sich jetzt eine Solche gewünscht. Andererseits hätte ihr Licht ihn sicher schnell verraten. In seiner augenblicklichen Not fiel ihm nichts Besseres ein, als sich zu verstecken und abzuwarten. Vielleicht ergab sich ja die Gelegenheit ihnen unbemerkt zum Höhlenausgang zu folgen. So ging er in Deckung und verhielt sich mucksmäuschenstill.

Wenig später erreichten die Strolche den Ort unfern seines Versteckes.
"Der Winzling wird ohne Licht nicht weit kommen. Also haltet die Augen offen, Männer!", hörte er Darios lachend sagen. 'Von wegen, du Dummbeutel!', dachte sich der Hobbit vergnügt. Offenbar unterschätzten diese Menschen ihn und sein Volk. Während die Großen sich durch den Lärm gleichsam eines Elefanten verrieten, konnte er sich indes lautlos heran schleichen. Todo wartete ab bis die Truppe vorbei war. Dann verließ er sein Versteck und folgte ihnen auf sichere Distanz. Nach einem ewig erscheinenden Marsch erreichten die Strolche, gefolgt vom Hobbit, den Höhlenausgang.

Das Licht des anbrechenden Tages fiel in den Gang hinein. Das verlieh dem kleinen Mann neue Hoffnung. Zugleich zog sich warnend die Haut auf seinem Nacken zusammen. Er drehte sich herum und sah zu seinem Erschrecken, dass hinter ihm die zweite Gruppe aus Männern nahte. Es waren Telpeth und seine Gefolgschaft. Noch hatte der Lichtschein derer Fackeln ihn nicht erfasst, was aber nur eine Frage von Minuten war. Also wurde es höchste Eisenbahn, dass er sich verdrückte. Diesmal war es jedoch nicht mehr so leicht. Im Licht des Tages würde er sofort entdeckt werden. Zudem hatten sich vor ihm die Strolche vor dem Eingang versammelt und machten keine Anstalten sich vom Platz zu bewegen. Zurück konnte der junge Mann nicht, daher blieb nur die Flucht nach vorne. Er nahm all seinen Mut zusammen und spurtete los. Kaum erfasste ihn das Licht des Tages, als ihn Darios und seine Meute entdeckten.
"Da ist der Halbling, Männer! Ergreift ihn endlich!", schrie der Anführer. Abermals tauchte der Hobbit zwischen den Beinen der Männer hindurch. Hände griffen nach ihm um ihn zu packen. Dem Kleinen gelang es auch diesmal sich ihrem Zugriff zu entziehen und er erreichte unbeschadet das freie Gelände. Nun aber wusste er nicht mehr weiter. Auf freiem Feld waren seine Beine zu kurz, als das er den Menschen entkommen konnte. Er wünschte sich in diesen Augenblicken die Flügel eines Vogels, aber er war nur ein Hobbit. Also nahm er die Beine in die Hand und rannte weiter. Die Strolche waren ihm bereits dicht auf den Fersen. Plötzlich vernahm Todo ein aufgeregtes Wiehern. Er sah auf und erblickte ein kleines Pferd, das auf ihn zu trabte. Beim Näher kommen des Tieres erkannte er zu seiner Überraschung, das es sich dabei um ein Pony handelte. Er bekam große Augen, als er es erkannte. Es war seine Peonie, die ihm freudig wiehernd entgegen kam. 'Wie in Gottes Namen kam sie hier her?', ging es dem Hobbit durch den Kopf. Was er nicht bemerkte war der große Vogel, der auf der Spitze des Felsmassiv Platz genommen hatte und die Szene aufmerksam beobachtet. Der Hobbit dachte nicht lange nach sondern schwang sich auf das wartende Pony. Nun galt es Fersengeld zu geben.

Zur Kapitelübersicht

XXIII. Das Gefecht am Brandywein

Die Gruppe der Hobbits um Till und Illberik Tuk wollte gerade ihre Suche fortsetzen, als einer der Männer die kleine schwankende Gestalt auf dem Felsvorsprung über ihnen entdeckte. Sofort machte er die Anderen darauf aufmerksam. Alle Köpfe ruckten hoch und sahen das Gleiche. Die kleine Gestalt hielt sich die Schulter, während sie mehr torkelte als ging. Dann verließen sie die Kräfte und sie sackte in sich zusammen. Sofort machten sich die beiden Brüder an den Aufstieg. Als sie den Vorsprung erklommen hatten, fanden sie die kleine Gestalt regungslos auf dem Boden liegend vor. Auf einen Blick stellten beide fest, dass es sich um Ferdi Tuk handelte. Sofort eilte sein Vater besorgt zu ihm und kniete sich vor ihn.
"Oh Gott mein Junge. Was ist bloß passiert?" Sein Sohn öffnete langsam die Augen. Als er in die Augen seines Dad sah, lächelte er verkrampft. Der blutgetränkte Verband an seiner Schulter war unübersehbar. Till bekam sofort einen furchtbaren Schrecken. Auch sein Bruder kniete sich hernieder und begutachtete die Wunde des Jungen näher.
"Hm, ich glaube, es sieht schlimmer aus als ist. Wenn mich mein Auge nicht trügt, dann handelt es sich dabei um eine Bisswunde." Der tote Wolf fiel ihnen spontan ein. Der verletzte Hobbit indes versuchte etwas zu sagen, was ihm aufgrund der Schwäche sehr schwer fiel.
"Lass gut sein, mein Junge. Du solltest dich jetzt nicht anstrengen." Der Sohn aber schüttelte energisch den Kopf. Er flüsterte den Name seines Freundes und von der Gefahr in der sich dieser befand. Als er dann noch die üblen Männer vom Großen Volk erwähnte, sprang Illberik auf und machte eine grimmige Miene, bei der es einem Beobachter Angst und bange werden konnte. Zugleich ballte der die Fäuste.
"Na warte! Wenn ich dieses Menschengesindel zwischen die Finger bekomme, ergeht es ihnen schlecht." Trotz des berechtigten Zorns rief sein Bruder ihn zu Besonnenheit auf. Er mochte es nicht wenn ein Hobbit, gleich ob ein Auenländer oder Bockländer, solche furchtbaren Worte in den Mund nahm. Trotz der vergangenen Ereignisse waren die Menschen des Königreiches über Jahrhunderte immer ihre Freunde gewesen. Natürlich kannte er zugleich auch das tiefe Misstrauen seiner Sippe gegenüber dem Großen Volk, das seit der Besetzung des Auenlandes nie ganz gewichen war. Till bat seinen Bruder ihm beim Hinab tragen des Verletzten zu helfen. Gemeinsam brachten sie den Jungen sicher nach unten. Sofort holte man frisches Wasser und Tücher um Ferdis Wunde zu versorgen.

Während sich die Brüder um den Verwundeten kümmerten, behielten anderen Landsleuten die nahe Umgebung im Blickfeld. So kam es, dass sie plötzlich eine Bewegung wahrnahmen. Schnell identifizierte man es als ein kleines Pferd, das sich rasch der Brücke näherte. Auf ihr hockte eine kleine Gestalt, die Mühe hatte sich auf dem Rücken des Tieres zu halten. Da diese noch nicht genau zu erkennen war, gingen die Männer vorsichtshalber in Gefechtsposition. Auch die Brüder wurden auf das Geschehen aufmerksam. Alles wartete gebannt was geschehen würde. Soeben passierte das Pferd die Brücke. Zu aller Überraschung war es bloß ein Pony, auf dem ein Hobbit saß und sich verkrampft festhielt. Die Männer ließen erleichtert die Waffen sinken. Während ihnen der kleine Reiter nicht bekannt war, erkannte Till Tuk ihn sofort. Zu seinem Erstaunen handelte es sich um Todo Braunlock, den Nachbarsjungen. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Kurz vor der Gruppe stoppte das Pony schließlich abrupt, während sein Begleiter unsanft zu Boden fiel. Er rappelte sich umgehend auf und blickte sich um. Zu seinem Glück waren es die eigenen Landsleute, die ihn noch immer verwundert ansahen. Der junge Hobbit entdeckte unter ihnen die Tuks und lief ihnen lächelnd entgegen.
"Hallo Till! Gott sei Dank, dass ich dich wieder sehe." Seinem Gegenüber fehlten angesichts dieser Begrüßung zunächst die Worte. Dann verschwand das Lächeln aus dem jungen Gesicht.
"Wo ist Ferdi! Wir müssen ihm schnell helfen." Nun war es der ältere Herr, der wissend lächelte. Er wies auf den Verletzten der unweit von ihnen auf einer hölzernen Bahre lag. Sofort rannte der Junge zu dem Verwundeten und hockte sich neben ihm nieder. Er griff nach der Hand seines Freundes, die schon ganz kalt geworden war. Dieser blickte aus müden Augen sein Gegenüber an. Sie sprachen zwar nicht miteinander, war doch Ferdi momentan dazu nicht in der Lage, dennoch sprachen ihre Blicke Bände

Dann hörte man den alarmierenden Ausruf einer der Männer. Alles heftete seine Blicke auf eine kleine Staubwolke, die sich unlängst näherte. Todo sah es ebenfalls und sprang auf.
"Das sind die Strolche, die unsre Landsleute gefangen halten!", rief er den Anderen zu. Illberik Tuk zögerte nicht lange und erteilte umgehend die Anweisung, man solle sich auf dem nahen Felsmassiv positionieren. Er wollte diesem Gesindel einen freudigen Empfang bereiten. Nichts desto trotz herrschte unter allen Anwesenden alles andere als Freude darüber, dass erneut Blut vergossen werden könnte. Wie befohlen bezogen die Männer auf den Felsen Stellung. Alle, außer der junge Todo, denn ihm wurde eine besondere Aufgabe zuteil. Man bat ihn sich neben sein Pony zu legen und Bewusstlosigkeit vorzutäuschen, was ihm so ganz und gar nicht zu sagte. Andererseits war es die einzige Möglichkeit um die sich nähernden Gegner in Sicherheit zu wiegen.

Widerwillig tat er wie ihm befohlen. Möglichst verkrümmt legte er sich unweit seiner Peonie auf dem Boden und erwartete die Ankunft der Reiter. Diese überquerten soeben die Brücke und bemerkten das stehende Pony sowie seinen am Boden liegenden Reiter. Der Anführer und seine Truppe stoppten ihre Pferde. Einige stiegen ab und näherten sich mit gezückten Waffen dem Hobbit. Jetzt wurde es ihm ein wenig brenzlig. Sollten die Männer die Täuschung durchblicken, konnte es noch haarig für ihn werden. Soweit kam es aber glücklicher Weise nicht. Plötzlich war ein scharfer Ruf zu vernehmen, dann prasselten unzählige Pfeile auf die Männer ein. Diese waren darauf nicht vorbereitet und gerieten zuerst in Panik. Sofort sprang Todo auf und sprintete in Deckung.
"Dies ist eine Finte, Männer! Greift zu den Waffen!", brüllte der Anführer wütend. Noch wussten sie nicht mit wem sie es zutun hatten, also blieb man vorsichtig. Die Bogenschützen unter den Reitern beantworteten den Angriff ebenfalls mit einem Pfeilhagel. Er galt aber vielmehr zum Schutz der Männer, welche die Order erhielten den Bergabhang hinauf zu klettern. Die Hobbits erkannten die Gefahr, die ihnen bei ihrer Entdeckung drohte. So taten sie alles Erdenkliche um den Feind von den Berghängen fernzuhalten. Trotzdem gelang es einigen Strolchen zu ihren Verstecken vorzudringen. Als diese ihren Feind erkannten, brachen sie in ein spöttisches Lachen aus.
"Herr! Hier halten sich nur ein paar Halblinge versteckt.", rief einer von ihnen dem Anführer zu. Dieser brach ebenfalls in ein dunkles Gelächter aus.
"Der Tag wird ja immer besser. Also holt sie aus ihren Löchern und bringt sie mir." Erstmals schwand auch den Tuks die Hoffnung. Gegen die bewaffneten Männer um sie herum sahen ihre Chancen schlecht aus. Dennoch waren sie nicht bereit sich kampflos zu ergeben.

Ob es Glück oder Zufall war, konnte man nicht sagen. Gerade in diesem Augenblick nämlich näherte sich eine große Schar von Reitern dem Schauplatz. Es waren mindestens 500 Mann, gekleidet in silbernen Rüstungen und ausgestattet mit schweren Waffen. Sie befanden sich unweit des Flusses, als sie den Kampflärm vernahmen. Ihr Anführer stoppte umgehend den Zug und beobachtete aus sicherer Entfernung das Geschehen. Er sah eine Gruppe Reiter, die mit Bögen schossen. Andere erklommen den Berghang. Er war sich noch sicher was sich hier abspielte, daher zögerte er zunächst. Das änderte sich aber als von einer Minute zu anderen. Einer der fremden Männer stand am Hang und hielt mit beiden Händen ein zappelndes Etwas demonstrativ in die Höhe hielt. Schon aus dieser Entfernung war zu erkennen, dass es sich dabei nicht etwa um einen Zwerg handelte. Es war ein Hobbit, das stand für den Beobachter fest. Das veranlasste den Anführer der Einheit umgehend zu handeln. Zugleich ertönte ein Horn, das über weite Entfernungen zu hören war. Auch die Angreifer und ihr Chef vernahmen es und hielten in ihren Kampfhandlungen innen. Erschrocken starrte alles auf den großen Zug aus fremden Soldaten, das sich soeben in Bewegung setzte.

Unbekannt waren sie Telpeth und seiner Gefolgschaft dennoch nicht. Er erblickte das große Banner, welches einer der Soldaten trug. Ein weißes Banner bestickt mit einem verästelten Baum. Daher bestand kein Zweifel für ihn, dass es Soldaten Gondors waren, die auf sie zukamen. Große Furcht ergriff ihn und er beschloss umgehend die Flucht zu ergreifen. Soweit kam es aber nicht, denn Gondors Männer kamen über ihn und seine Männer wie ein Sturm. Mühelos brachten sie die feindlichen Bogenschützen zu Fall. Die anderen Strolche versuchten zwar über den Berg zu flüchten, doch wurden sie einer nach dem Anderen abgeschossen. Entsetzt blickte Telpeth auf das, was von seiner Schar übrig geblieben war. Zeit zum Nachdenken blieb ihm aber nicht, da sein eigenes Leben nun in Gefahr war. Der Anführer der gondorianischen Einheit nahm nämlich nun ihn ins Visier. Telpeth versuchte noch Reißaus zu nehmen, doch sein Pferd gehorchte ihm nicht mehr. Ihm blieb nichts anderes übrig als sich dem Kampf zu stellen. Er zog sein Schwert und erwartete den Angreifer. Ein wilder Zweikampf entbrannte, dem die Hobbits und Gondors Männer gebannt zusahen. Beide Anführer lieferten sich ein spannendes Schwertduell. Schließlich holte Gondors Sohn den Gegner mit einem gekonnten Hieb von den Beinen. Dieser verlor sein Schwert und blieb verletzt auf dem Rücken liegen. Zuletzt holte der Andere zum Schlag aus und versetzte ihm den Todesstoß.

Gespenstige Ruhe kehrte ein und der siegreiche Mann kniete sich vor den Toten. Er zog diesem den Helm vom Kopf und atmete erleichtert auf. Es war der Mann nach dem er lange gesucht hatte: Der abtrünnige Statthalter Telpeth, der soviel Leid verursacht hat. Nun endlich war er tot. 'Was aber hatte er mit dem Auenland zu schaffen gehabt?', überlegte sich der junge Mann. Irgendwie bezweifelte er, dass Telpeth aus eigenem Antrieb gehandelt hatte. Ein Gefühl sagte ihm, dass der Übeltäter im Auftrag eines Anderen gehandelt hatte. Leider konnte er den Toten dazu nicht mehr befragen.

Er erhob sich langsam und drehte sich um. Die Hobbits beobachteten ihn neugierig, als er den eigenen Helm auszog und sein wahres Anlitz zum Vorschein kam. Ein junges heroisches Gesicht mit schulterlangem braunem Haar kam darunter zum Vorschein. Die Soldaten verneigten sich vor ihm, während die Hobbits mit fragenden Gesichtern da standen. Keiner kannte ihn. Allerdings einer unter den Zuschauern glaubte ihn schon mal gesehen zu haben. Dem jungen Todo kam der Mann irgendwie bekannt vor. Er löste sich von seiner Gruppe und ging neugierig auf den Fremden zu. Während er sich dem Krieger näherte, kehrten die Erinnerungen zurück. Wenige Schritte vor ihm blieb der Hobbit stehen und sprach den Gondorianer an.
"Ich kenne euch, Herr! Da bin ich mir sicher." Sein Gegenüber runzelte zunächst die Stirn, dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
"Hm, wenn ich mich recht entsinne, ich dich auch. Bist du nicht der kleine Kerl, der mit seinem älteren Herrn bei unserem Besuch in Bockenburg vor uns her gefahren ist?" Todo nickte.
"Dann seid Ihr sicher Herr Esrilmir, der Sohn des Königs von Gondor, oder?" Die im Hintergrund herum stehenden Landsleute bekamen nun große Augen, als sie das vernahmen. Der Thronfolger schmunzelte über den Titel, mit dem ihn der junge Mann bedachte hatte.
"Ja, das bin ich. Ich bin erstaunt, einen so netten kleinen Hobbit an solch ungastlichen Ort zu treffen." Sein Gegenüber zuckte mit den Achseln.
"Da stimmen ich Euch zu. Viel lieber wäre ich jetzt auch daheim in meinem gemütlichen Heim. Schließlich gibt es nichts Schöneres als am Kamin zu sitzen, Pfeifenkraut zu rauchen und seine Gedanken auf die Reise zu schicken."
"So, so und wohin gehen diese Reisen, junger Hobbit?", fragte Esrilmir nach.
"Hm, wenn Ihr mich so fragt. Eure Heimat hat mich schon immer sehr interessiert. Hab mal in Michelbinge ein Buch entdeckt, dass sich mit Eurem Land beschäftigt. Ich hätte es gern mitgenommen, aber Vater hat es nicht gerne gesehen." Dieser junge Auenländer war ganz nach seinem Geschmack befand der Gondorianer je länger sie miteinander sprachen.
"Na ja wer weiß, aber vielleicht wird dich dein Weg irgendwann in meine Heimat führen. Die Weiße Stadt in der mein Vater und ich leben ist zwar sicher nicht schön wie dein Zuhause aber trotzdem eine Reise wert" fuhr Esrilmir lachend fort. Till Tuk verfolgte gerührt die Unterhaltung. Selbst der sonst eher misstrauische Illberik empfand plötzlich etwas Sympathie mit dem Mann aus Gondor.
"Ja, vielleicht. Aber nicht ohne meinen liebsten Freund Ferdi", erklärte Todo mit ernster Miene. Seinem Gegenüber entging der traurige Unterton des kleinen Mannes nicht, mit dem er das sagte.
"Was ist mit ihm?", hakte Esrilmir mitfühlend nach.
"Er ist schwer verwundet. Wisst, ich habe große Angst um ihn.", antwortete der Hobbit, wobei er zu Boden starrte.
"Wo ist er, mein Junge? Etwa hier?" Der junge Mann nickte zögerlich.
" Dann führe mich zu ihm!" Todo horchte auf und blickte auf.
"Könnt Ihr ihm helfen, Herr?" Der Mann aus Gondor wog nachdenklich den Kopf.
"Ich werde es zumindest versuchen, junger Hobbit."

Umgehend führte er den Königssohn zum höher gelegenen Felsvorsprung, wo der Verwundeten gebettet lag. Der große Mann kniete sich vor der Bahre des Verletzten und besah sich die Wunde. In der Tat würde es nicht einfach sein. Während Todo sich auf einen Stein hockte, griff Esrilmir nach einem braunen Beutel, den er stets bei sich trug. Er beinhaltete allerlei Kräuter. Er ließ sich etwas Wasser und eine Schale bringen. Dann bat er den Hobbit ein kleines Feuer zu machen. Nachdem dieses entfacht war, stellte der Mann die Schale Wasser in die Glut und warf einige Kräuter hinein. Nach einiger Zeit nahm er sie aus dem Feuer und ließ die Flüssigkeit etwas abkühlen. Gebannt verfolgten die Zuschauer, wie der Gondorianer ein Tuch in die Flüssigkeit tauchte und damit die Wunde des Jungen bestrich. Dabei begann er unverständliche Worte vor sich hin zu murmeln. Ein wenig erinnerte die Szene an das Treiben eines Schamanen, der versuchte einen Kranken zu heilen.

Es verstrichen Stunden bis das Murmeln verstummte und der Königssohn sich erschöpft erhob.
"Nun kleiner Mann. Dein Freund hat viel Lebenswillen in sich, das habe ich gespürt. Ein Anderer hätte dies wohl nicht überlebt. Er bedarf zwar noch viel Pflege aber er wird durchkommen." Diese hoffnungsvollen Worte seines Gegenübers erfüllten den Hobbit mit unbeschreiblicher Erleichterung. Dankbar blickte er den Mann an, der sich an die staunenden Landsleute wandte. "Der Übeltäter und sein übles Gesindel ist tot. Ich denke dass nun Ordnung in eurem Land wieder hergestellt ist. Auch wenn Mancher unter euch angesichts der dunklen Tage zu Recht oder Unrecht gezweifelt hat, meine lieben Hobbits. Gondor und sein Volk stehen unbeirrt zu ihrem Wort eure Grenzen zu schützen. Das verspreche ich euch nochmals an dieser Stelle. Und nun zeigt mir den Ort an dem die anderen Hobbits gefangen gehalten werden!"

Wenig später erreichten die Soldaten Gondors mit Hilfe von Hobbit Todos die verborgene Höhle. Schnell waren die verbliebenen Strolche außer Gefecht gesetzt und die anwesenden Hobbits befreit. Überglücklich fielen sich später die Landsleute in die Arme. Allerdings bemerkte Todo zu seinem Bedauern, dass der zweite Anführer namens Darios mitsamt wenigen Männern verschwunden war. Zudem war Fillibert Braunlock nicht unter den Gefangenen, was seinen Sohn betrübte. Trotzdem war er glücklich zusammen mit seinem Freund heimkehren zu können. Für das Erste hatte er die Nase voll von solchen Abenteuern. Er wollte sich zukünftig nur noch um Ferdi und die Tabakfelder seines alten Herrn kümmern. An der Brücke des Brandywein verabschiedeten sich die Angehörigen beider Völker und traten die Reise nach Hause an.

Zur Kapitelübersicht

XXIV. Das Fest Vorjul

Die Hobbits kehrten, in Begleitung von Illberik Tuk und seinen Männern, nach Langgrund zurück. Als sie den Ortseingang passierten, erwartete sie eine große Überraschung. Entlang der Hauptrasse hatten sich sämtliche Bewohner, ob Groß oder Klein, versammelte und bereiteten den Ankömmlingen einen stürmischen Empfang. Schon lange bevor sie eintrafen, waren die Nachrichten über die vergangenen Ereignisse bisher vorgedrungen. Doch diese waren viel zu erschöpft um das Geschehen richtig wahrzunehmen. Daher beschleunigte man seine Fahrt nach Hause um der irren Meute aus Landsleuten zu entkommen. Die Familie der Tuks galt zunächst ihrem verwundeten Sohn die wichtigste Sorge. Zwar war er dem Tod von der Schippe gesprungen, doch über den Berg war er noch lange nicht. Tills Bruder und seine Männer blieben noch ein paar Tage. Gemeinsam plauderte man bei gutem Essen und Bier über alte Zeiten. Dann traten die Verwandten wieder ihre Heimreis nach Buckelstadt an. Todo war in den nächsten Wochen und Monaten fast ein ständiger Gast im Hause. Er wachte bei Tag und manchmal bis in die späte Nacht am Bett seines kranken Freundes, bis die Hausherrin in Sorge um sein Wohl den Jungen an diesem Abend heim schickte. Schließlich war ihr ein kranker Sohn genug. Zu später Stunde saßen beide Eltern am Kaminfeuer. "Was glaubst du, mein Schatz? Gebe er nicht einen liebevollen Ehemann her?", meinte Amirilla an einer Tasse Tee nippend.
"Wer?", wollte Till wissen.
"Na Todo Braunlock eben.", fügte sie hinzu. Er zog an seiner Tabakpfeife und zauberte aus dem Rauch ein paar Kringel in die Luft.
"Wie kommst du denn jetzt darauf, Frau?", fragte er nach. Sie schüttelte etwas verständnislos den Kopf.
"Wie ich darauf komme? Na, weil ich Augen im Kopf habe und sehe wie sehr er sich um seinen Freund, unsren Sohn, kümmert. Da könntest du dir mal eine Scheibe abschneiden. Herr Gemahl."
"Dann heirate ihn doch, meine Liebe!", erwiderte er spitz. Daraufhin sah sie ihn böse an. "Ganz ruhig bleiben, werte Frau! Es war nicht so gemeint!", fügte er beschwichtigend hinzu. Zusätzlich setzte er ein nettes versöhnliches Lächeln auf. "Natürlich entgeht mir Todos Fürsorge um unsren Jungen nicht. Andererseits weiß ich aber auch, dass er bisher mit Frauen nichts am Hut hat." Er erhob sich, nahm einen Holzklotz und warf diesen ins Feuer. Dann nahm er wieder Platz und lehnte sich zurück.
"Und woran könnte das liegen?", nahm seine Frau das Gespräch wieder auf. Till wiegte sein Haupt. "Ich weiß nur so viel. Fillibert hat mir mal davon berichtet, dass der Junge sehr an seiner verstorbenen Mutter gehangen hat. Er hat sie wohl sehr geliebt. Seit diesem Tag verhält er sich eher distanziert gegenüber gleichaltrigen Mädchen. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen, Frau. Nun ist auch noch sein Vater verschollen. Daher kann ich wohl verstehen, dass er sehr an Ferdi hängt und nicht von seiner Seite weicht." Amirilla sah es nicht anders und nickte zustimmend. "Trotzdem hoffe ich auch inständig, dass er eines Tages eine Frau trifft, der er ein guter Ehemann sein wird. Ja ich wünsche es ihm von Herzen." meinte Till abschließend.

Eigentlich hatte die Familie gehofft, schon bald wieder in den gewohnten Alltag zurückkehren zu können, doch in den nächsten Tagen erwartete die Heimkehrer schon die nächste Überraschung. Aus allen Teilen des Auenlandes trafen plötzlich unzählige Briefe ein. Ganz zum Leidwesen der Kuriere, die mit der zeitnahen Zustellung kaum noch nachkamen. Die Flut von Dankesschreiben oder Genesungsgrüßen, die an Todo Braunlock und seine Nachbarn gerichtet waren, überwältigten die Hobbits. Von einem Tag zum Anderen wurden sie zu besonders geachteten Bewohnern des Landes erklärt. So etwas hatte es seit Anfang des neuen Zeitalters nicht mehr gegeben. Sie gaben ihr Bestes um die zahllosen Briefe zu beantworten, doch schließlich vermochten auch sie kaum noch mit der Post fertig zu werden. Von einem Tag zum Anderen war plötzlich halb Langgrund damit beschäftigt, ihnen dabei behilflich zu sein. Angesicht dieser Anteilnahme vergaßen die Heimkehrer rasch die Schrecken der Vergangenheit.

Eines Vormittags kam dann auch noch ein weiterer Kurier in den Ort geritten. Er gehörte nicht zu den Einheimischen, das verrieten schon seine Größe und die edle Kleidung. Neugierig beobachteten die Bewohner ihn dabei, wie er zunächst zielstrebig auf das Haus der Tuks zu steuerte. Als er dort ein Paket abgeliefert hatte, ging er weiter zum Haus der Braunlocks. Sein kleiner Hausherr befand sich gerade beim zweiten Frühstück, als es an der Tür klopfte. Als er sie öffnete, blickte er geradewegs in das Gesicht eines Menschen. Zu Todos Verwunderung stellte er sich als königlicher Kurier aus Gondor vor und überreichte dem jungen Mann ein Päckchen. Der Hobbit bot ihm an auf einen Tee zu bleiben, doch der Kurier winkte dankend ab und entfernte sich wieder.

Todo ging ins Haus und stellte das Paket auf den Tisch. Wissbegierig entfernte er die schlichte Verpackung. Als sein Inhalt zum Vorschein kam, weiteten sich seine kleinen Augen. Er blickte auf ein in edelsten braunen Leder gebundenes Buch in seinen Händen Es trug eine goldfarbene Aufschrift, worunter sich das eingravierte Wappen Gondors befand. "Die Annalen des Königreich der Dunedain" lautete der Titel. Als er das Buch öffnete, fand er auf der Seite einen kleinen Text in schwungvoll geschriebenen Buchstaben: "Für einen kleinen wackeren Hobbit alles Gute auf seinem Lebensweg. Das wünschen ihm Gondors Volk und sein König!". Darunter befanden sich die Unterschriften von Esrildur und seinem Thronfolger. Der junge Mann war sichtlich bewegt, als er diese kurzen Zeilen las. Mit einem solchen Geschenk hatte er nicht gerechnet. Drum eilte er umgehend zum Haus seiner Nachbarn, um es seinem Freund zu zeigen. Fast hätte er dabei die Hausherrin über den Haufen gerannt, als diese die Tür öffnete. Mit einem knappen "Hallo" huschte er an ihr vorbei und fand Ferdi in dessen Bett sitzend vor. Vor ihm auf der Bettdecke befand sich ebenfalls ein geöffnetes Paket. Nachdem Todo ihm sein Geschenk präsentiert hatte, tat sein Freund dasselbige. Daraus kam ein kunstvoll verzierter Dolch mitsamt Lederscheide zum Vorschein. Braunlock junior staunte nicht minder über den Gegenstand, den ihm sein Gefährte da zeigte. Zwar war laut Ferdis Worte der Vater über das Präsent zunächst nicht begeistert gewesen, hatte ihm gegenüber aber keine weitere negative Bemerkung gemacht.
Wie vorausgesagt, kehrte wieder Ruhe und Ordnung ins Auenland zurück. Kein Strolch wagte es mehr seine Bewohner zu belästigen. Dafür sorgten auch die Soldaten, die Gondors König entsandt hatte um die Grenzer des Landes zu unterstützen. Der Winter kam und mit ihm nahte das wohl wichtigste Ereignis des Jahres, nämlich der Jahreswechsel. Nach auenländischem Kalender wurden sowohl der letzte als auch der erste Tag eines Jahres als die Jultage bezeichnet. Ein neues Jahr im Auenland begann übrigens am 2. Januar entsprechend des unsrigen Kalendersystems. Wie erwähnt, es war alljährlicher Anlass für ein besonderes Fest. In diesem Jahr aber sollte es ein noch Schöneres als all die Jahre zuvor werden. Vor allen Dingen in Langgrund sollte es ein besonderes Fest werden. Zu diesem Ereignis kamen die zahlreichen Familien aus allen Teilen des Landes zusammen, um gemeinsam bei einem festlichen Gelage und anschließenden Tanz das neue Jahr einzuläuten. Die Sippe der Tuks, denen Till angehörte, hatte sich bislang zu diesem Ereignis immer in ihrem Groß-Smial in Buckelstadt getroffen. Dieses Jahr aber hatte er vorgeschlagen, Langgrund als Ort der Zusammenkunft zu wählen. Die anderen Mitglieder des Clans waren nach anfänglichen Debatten untereinander schließlich einverstanden gewesen. Nicht ganz ohne dass das Sippenoberhaupt Ebrahim Tuk ein Machtwort hatte sprechen müssen. Er war nämlich nicht nur Tills Vater sondern zugleich auch der amtierende Thain vom Auenland. Dieser Ehrentitel wurde schon seit ungezählten Generationen vom Clan der Tuks begleitet.

Natürlich war von vornherein klar gewesen, dass Tills Anwesen sich selbst als Ort der Veranstaltung nicht eignete. Daher hatte man sich darauf verständigt, das Treffen im kürzlich errichteten Dorfgemeinschaftshaus als das größte Gebäude des Ortes stattfinden zu lassen. Natürlich waren auch die anderen Bewohner eingeladen worden daran teilzunehmen. Die Liste der Gäste belief sich auf 300 Personen. Mehr passten in das Gemeinschaftshaus auch nicht hinein. Bei der Ausrichtung der Feierlichkeiten ließ sich die Tuk- Sippe nicht lumpen. Der Festraum wurde auf das Schönste dekoriert. Kunstvoll gehaltenes Geschirr und Silberbesteck wurde herbei transportiert. Es wurde Unmengen von Fleisch, Gemüse und Süßwaren aus allen Landesteilen bestellt um die Gäste bei guter Laune zu halten. Auch reichlich Bier, Wein und andere alkoholische Getränke wurden rechtzeitig angeliefert. Till und sein schon vorher angereiste Bruder Illberik beaufsichtigten die Vorbereitungen.

Dann war der freudige Tag endlich gekommen. Die Hobbits Ferdi und Todo erschienen; wie es bei so einem Anlass Brauch war, in ihrer Festkleidung. Der junge Braunlock trug dieselbe, die ihm sein Vater einst anlässlich des Besuchs in Bockenburg hatte anfertigen lassen. Sie saß noch immer perfekt. Etwas aufgeregt war er schon an diesem Tag, denn so viele Tuks an einem Ort hatte er noch gesehen. Auch Ebrahim Tuk kannte er bisher nur aus Ferdis Erzählungen. Pünktlich zum Beginn der Feier erschien der ehrenwerte Thain, gefolgt von anderen Mitgliedern der Sippe. Zunächst folgte eine nicht enden wollende Begrüßungswelle unter den zahlreichen Verwandten.

Todo stand derweil etwas verloren herum und fühlte sich irgendwie deplaziert. Etwas neidvoll wohnte er, abseits stehend, dem Begrüßungszeremoniell bei. Er spürte etwas. Etwas was er fast schon vergessen hatte. Plötzlich fühlte er sich ein wenig einsam. Dies musste sein Freund bemerkt haben, denn dieser tippte seinen älteren Herrn an und flüsterte ihm etwas zu. Till sah daraufhin beschämt zu Todo herüber und gab dem Thain umgehend einen Wink ihm zu folgen. Beide Herren kamen auf den jungen Hobbit zu. Ferdis Vater entschuldigte sich mehrmals und machte miteinander bekannt.
"Darf ich dir vorstellen. Das ist unser ehrenwertes Familienoberhaupt Ebrahim Tuk und gleichsam Thain vom Auenland." Dieser neigte unüblicher Weise für einen Tuk leicht das Haupt vor dem Jungen, bevor er diesem dann lächelnd die Hand reichte.
"Du also bist also der junge Todo Braunlock. Ich freue mich sehr dich kennen zu lernen. Ich habe bereits von dir gehört. Auch davon, wie viel du für meinen Enkel getan hast. Du hast ihm das Leben gerettet und dafür danke ich dir von Herzen!" Sein kleineres Gegenüber bekam aus Verlegenheit kein vernünftiges Wort über die Lippen. Und der Thain fügte hinzu: "Ich habe auch von deinem Unglück gehört, was nicht nur mich zutiefst berührt hat. Da spreche ich für unsre gesamte Sippe. Natürlich werden wir all unsrem Einfluss geltend machen, um etwas über den Verbleib deines Vaters herauszufinden. Das verspreche ich dir mein Junge!". Todo der seine Sprache wieder fand, bedankte sich für die Anteilnahme.

Anschließend wandte sich das Familienoberhaupt an alle eingetroffenen Gäste mit den Worten: "Nun meine lieben Freunde und Verwandten. Die lange Reise hat nicht nur mich sehr hungrig werden lassen, will ich mal annehmen. Also lasst uns zur Tat schreiten." Das hörten alle Anwesenden natürlich gern und ließen sich nicht mal zweimal bitten. Man nahm an der festlich gedeckten Tafel Platz. Todo und Ferdi wurde die Ehre zuteil unmittelbar neben dem Oberhaupt zu sitzen. Die zahlreichen köstlichen Speisen, die auf dem Tisch standen, ließen einem schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. Wie es aber seit jeher Brauch im Auenland war, oblag es dem Organisator des Festes mit einer kleinen Rede das Festbankett zu eröffnen. So erhob sich Ebrahim Tuk und bat um kurze Aufmerksamkeit. "Meine lieben Hobbits, die ihr hier versammelt seid. Nach einem doch recht turbulenten Jahr für uns alle, freue ich mich euch alle gesund und munter wieder zu sehen. Insbesondere gilt das für meinen anwesenden Enkel Ferdi, der eine schwere Zeit erlebt hat. Dass er nun genesen ist und unter uns weilt, macht mich besonders glücklich." Dabei sah er zu neben ihm sitzenden Enkel. Die Anwesenden spendeten stürmischen Beifall. Dann bat der Thain nochmals um Ruhe. Er deutete er auf den anderen jungen Hobbit, worauf sich alle Augen auf Todo richteten. Dieser wäre jetzt am Liebsten unter den Tisch gekrochen, weil er solche Aufmerksamkeit überhaupt nicht gewohnt war. "Und diesem jungen wackeren Hobbit verdanken wir es. Daher gilt ihm meine besonderer Anerkennung und mein Dank." Diesmal erhoben sich die Gäste von ihren Bänken und applaudierten. "Genug der Reden! Hiermit erkläre ich das Bankett für eröffnet", rief Ebrahim Tuk, sodass es alle vernehmen konnten. Sofort stürzten sich die zahlreichen Gästen auf die vielerlei leckeren Speisen, die dargeboten wurden. Auch Todo war hungrig geworden und stopfte sich den Teller voll.

Ein Kichern ließ ihn aufmerksam werden. Er sah sich nach dessen Ursprung um. Dabei entdeckte er eine junge Hobbitdame, die schräg gegenüber saß und ihn belustigt bei der Einnahme der Mahlzeit beobachtete. Sie musste wohl den Eindruck haben, dass es sich bei ihm um einen gefräßigen Landsmann handelte. Während er weiter aß, konnte er seine Augen nicht von ihr lassen. Sie trug hellbraunes und schulterlanges dichtes Haar. Dazu grünblaue Augen und rosige Wangen. Ihr samtfarbenes schönes Gesicht verriet Lebensfreude und Humor. Das machte sie ihm auf Anhieb sehr sympathisch. Im selben Moment musste er husten und hätte sich vor lauter Anstarren beinah noch verschluckt. Das schien die junge Frau noch mehr zu amüsieren. Etwas beschämt wandte er sich von ihr ab und widmete sich voll seinem Teller. Ab und zu wanderte sein Blick wieder zu ihr hinüber, so hingerissen war er von ihrem Anblick. Als er den Teller schließlich geleert hatte, wandte er sich an seinen Freund, der gerade mit dem Leeren eines Krug Bier beschäftigt war.

"Sag Ferdi, wer ist die junge Dame dort?" wollte Todo neugierig wissen und deutete auf sie.
"Oh, das ist meine Cousine Aurelia. Sie lebt in Buckelstadt. Ist sie nicht ein hübsches Mädel?", erwiderte dieser grinsend.
"Ja das ist sie", schwelkte Braunlock junior. Sein Gefährte begann zu schmunzeln.
"Oha, da ist doch einer nicht etwa verliebt?" Todo versuchte diesen Verdacht sofort zu zerstreuen, in dem er vehement verneinte. Ganz schien Ferdi ihm das nicht zu glauben, doch wollte er sein Gegenüber nicht unnötig aufziehen.

Stattdessen erhob dieser sich ganz plötzlich, schob das Geschirr beiseite und sprang auf den Tisch. Sein Großvater, wie auch die anderen Verwandten, verstörte das etwas. Ganz zum Vergnügen des Enkels, der das eigene Verhalten eher lustig fand. Es lag wohl an den mehreren Krügen Bier, die er sich inzwischen schon einverleibt hatte. Ehe sich sein Gefährte Todo versah, packte ihn Ferdi am Arm und zog ihn ebenfalls auf den Tisch. Dieser schnappte sich einen vollen Krug und drückte diesen seinem verdutzten Freund in die Hand.
"Auf uns und unsre geliebte Heimat! Trink mein Freund, denn so jung kommen wir sicher nicht mehr zusammen. Ein Hoch auf das Auenland!", rief Ferdi lautstark und hakte sich bei Todo ein. Im nächsten Moment begannen beide zu tanzen, was aber letztendlich vielmehr einem Umherhüpfen glich als einem Tanz. Gleichzeitig begann Tuk junior das Lied vom alten, fröhlichen Krug und dem Mann im Mond zu trällern. Das zwang den Großvater zu einem breiten Lächeln und auch die übrigen Gäste stimmten freudig mit ein. Das ging so eine Weile bis Ferdi plötzlich das Gleichgewicht verlor und vom Tisch fiel. Dabei riss er seinen Freund mit sich, sodass sie über einander auf den Boden landeten. Das veranlasste die Anwesenden in ein tosendes Gelächter auszubrechen, während die beiden Hobbits sich mühsam aufrappelten. Erst Ebrahim Tuk laute Stimme vermochte die Ruhe im Raum wieder her zustellen.
"Nun meine lieben Hobbits. Wie ihr seht, haben unsre Jungen, übereifrig wie sie sind, mir den nächsten Programmpunkt schon vornweg genommen", ließ der Thain lachend verlauten. "Nach dem köstlichen Mahl sollten wir jetzt vielleicht etwas die Tanzbeine schwingen. Was meint ihr Leute?". Ein einsilbiges Ja aus allen Mündern brannte dem Oberhaupt der Tuks als Antwort entgegen. "Na dann lasst den Tanz beginnen. Musik bitte!" Die kleine Musikkapelle, die man geordert hatte, begann zu spielen. Frauen, Männer und Kinder erhoben sich von den Plätzen und suchten sich einen geeigneten Tanzpartner aus.

Auch Ferdi, der mehr schwankte als gehen konnte, wollte sich eine Dame schnappen, doch sein Großvater hielt ihn zurück.
"Du mein lieber Enkel solltest besser sitzen bleiben, bevor noch mehr zu Bruch geht." Dieser öffnete den Mund um zu protestieren, doch der Thain ließ keinen Widerspruch zu. Der junge Mann gehorchte widerwillig und verfolgte das Geschehen von der Bank aus. Während dessen näherte sich die junge Hobbitdame Aurelia verführerisch lächelnd dem noch unschlüssigen Todo. Dieser hätte zwar gern in diesem Moment das Weite gesucht, doch die junge Frau stand bereits vor ihm.
"Hallo Todo! Willst du mich nicht zum Tanz bitten!", fragte sie auffordernd. Der Hobbit wurde rot und verlegen. Das ermutigte Aurelia zu einem erneuten Lächeln, dem ihr Gegenüber aber nicht länger widerstehen konnte. Zögerlich nahm er sie bei der Hand und sie gesellten sich gemeinsam zu den anderen Tänzern. Seine ersten Tanzschritte wirkten zwar noch unbeholfen, doch seine Partnerin half ihm die Scheu zu überwinden. Auch Till und Amirilla taten es ihnen nach. Hin und wieder beobachteten sie während des Tanzes die zwei jungen Menschen.
"Ich glaube, dein Wunsch wird in Erfüllung gehen, liebe Frau.", flüsterte Till der Gemahlin ins Ohr. Wie sie die zwei so sah, glaubte sie dies inzwischen auch. Ihr Sohn indes saß schmollend am Tisch und verfolgte ebenfalls den Tanz seines Freundes mit der Cousine. Nicht ganz ohne Neid betrachtete er die Beiden, wie sie durch den Raum schwebten. Schließlich war er der, dem die jungen Frauenherzen des Ortes zu Füßen lagen. Andererseits nahm er es Todo nicht krumm, sondern gönnte es diesem aus tiefsten Herzen. Er nahm sich noch ein Krug Bier und spülte seinen augenblicklichen Frust damit herunter. Die Stunden verflogen im Nu und Mitternacht stand kurz bevor. Die Anwesenden unterbrachen ihr lustiges Reigen. Alle nahmen sich ein Glas Rotwein und fieberten dem Beginn des neuen Jahres entgegen. Dann war es endlich soweit. Die Uhr schlug Mitternacht. Der Thain hob das Glas und rief gut hörbar: "Ich wünsche euch, meine lieben Landsleute und Verwandten, ein gutes neues Jahr. Möge es uns Glück und dauerhaften Frieden bescheren!" Anschließend stieß man gemeinsam an und hielt für einen Moment inne. Man gedachte mit ernster Miene den Toten und den Vermissten unter den Hobbits, die es bei den Überfällen der Vergangenheit gegeben hatte. Wenig später aber kehrte die allgemeine Fröhlichkeit zurück und feierte ausgelassen den Beginn des neuen Jahres.

Zur Kapitelübersicht

XXV. Der erste Schnee

Nach einigen Tagen kehrte der Alltag nach Langgrund zurück. Nicht gänzlich, denn es hatte den ersten Schnee im neuen Jahr gegeben. Innerhalb eines Tages verwandelte sich die Gegend in eine wundersame weiße Winterlandschaft. Das bereitete vor allen Dingen den Kindern des Ortes herrliche Vergnügen. Trotz der herein gebrochenen Kälte machten sie sich umgehend daran Schneemänner zu bauen oder lustige Schneeballschlachten zu veranstalten.

Auch Todo hielt es nicht im Haus. Glücklicher Weise lag nicht zu hoch Schnee, als es einem Ausritt im Wege gestanden hätte. Zusammen mit seinem Pony Peonie brach er also zu einem kleinen Spaziergang auf. Natürlich kreisten seine Gedanken seit Tagen nur um das Hobbitmädchen Aurelia. Seit dem Julfest konnte er an nichts anderes mehr denken, so sehr hatte die Begegnung mit ihr seine Sinne vernebelt. Erstmals seit dem Tod seiner Mutter empfand er wieder so etwas wie Gefühle für eine fremde Frau. Sie hatte ihn mit ihrem Lächeln verzaubert. Zwar waren sie durch ihre verschiedenen Wohnorte getrennt, hatten sich aber erste Briefe ausgetauscht. Darin hatte auch Aurelia erstmals ihre wachsenden Gefühle für ihn beschrieben, was den Hobbit völlig aus der Bahn geworfen hatte Sie hatte versprochen ihn so bald wie möglich zu besuchen.

Während Todo ganz mit seiner ersten großen Liebe beschäftigt war, hatte Ferdi die Tage genutzt um zusammen mit Grigori Blecker ein neues Gefährt zu entwickeln. Nicht so außergewöhnlich wie das Floß aber dafür hervorragend für eine Fahrt im Schnee geeignet. Auch dieses bot Platz für zwei Personen. Es war aus stabilem Holz gebaut und besaß Metallschienen. Gerade von seinem Spaziergang zurückgekommen, traf Todo seinen Kumpel mitsamt dem Schneegefährt vor seinem Zuhause wartend.
"Grüß dich Todo! Wo hast du dich denn solange herumgetrieben", wollte sein Freund neugierig wissen.
"Na ich habe einen kleinen Spaziergang zusammen mit Peonie gemacht, wenn es dir nichts ausmacht.", antwortete dieser.
"Und das ohne mich? Aber warum hast du nicht auf mich gewartet?", fragte der Kumpel leicht vorwurfsvoll.
"Oh tut mir leid. Ich hab wohl vergessen dass wir miteinander verheiratet sind.", erwiderte Braunlock junior lachend und sprang vom Pony.
"Mit dir verheirat? Ich glaub wohl eher, dass du mit Peonie verheiratest bist", entfuhr es Ferdi mit ironischer Stimme. Sein Kumpel tätschelte sein Pony, dem dies sichtlich gefiel.
"Hm, ja sie gehorcht mir aufs Wort und widerspricht niemals." Diese Aussage veranlasste den Anderen zu einer spitzen Bemerkung.
"Das wirst du bei einem Tuk wie mir aber niemals erleben!" Daraufhin lachten beide amüsiert über ihre eigenen Worte.
"Sag mal, was schleppst du da mit dir rum?", fragte Todo und deutete auf das Schneegefährt.
"Nun, Herr Nachbar, das ist etwas ganz Besonderes. Hab ich mit Grigori zusammengebaut." Der Hobbit runzelte die Stirn.
"Aber hoffentlich nicht wieder so ein Gefährt, das uns um Kopf und Kragen bringt." Ferdi schüttelte schnell den Kopf.
"Ganz sicher nicht. Dafür kann man damit wunderbar einen hohen Abhang herab fahren. Ich habe es schon mal ausprobiert und es macht großen Spaß. Willst du es nicht mal ausprobieren?" Zwar betrachtete der Hobbit das Gefährt etwas skeptisch, aber vertraute in die Worte seines Freundes.

Er brachte das Pony eben noch in den Anbau, dann machten sich beide auf. Nach kurzer Zeit entdeckten sie in der nahen Umgebung einen hohen schneebedeckten Hügel, der für die beabsichtigte Fahrt hervorragend geeignet schien. Zusammen erklommen sie ihn und nahmen gemeinsam auf dem Schneegefährt Platz. Nun konnte die Fahrt beginnen. Ferdi stieß den Schlitten, wie wir sagen würden, mit den Beinen los. Sekunden später passierte es die höchste Stelle und gewann rasant an Geschwindigkeit, als es den Abhang herab glitt. Todo musste sich an den Schultern des Freundes festhalten, sonst wäre er soeben hinab gepurzelt. Der eisige Wind blies den Jungen um die Ohren, während sie den Hügel herab sausten. Ferdi bereitete es sichtliches Vergnügen, denn er johlte und grölte vor Freude. Der Schlitten befand sich schon dicht vorm Fuße des Abhangs, als ein hervorstehender Stein aus dem Schnee auftauchte und ihnen den Weg versperrte. Allerdings zu spät, denn das Gefährt war nicht mehr zu bremsen. So kam es unweigerlich dazu, dass sich der Schlitten beim Passieren des Hindernisses mitsamt Jungen überschlug. Die Hobbits indes landeten unsanft auf dem Hosenboden. Fluchend rieb sich Todo das schmerzende Hinterteil.
"Das zu deinen tollen Einfällen, Herr Tuk!", schimpfte der Hobbit. Seinem Gegenüber war es nicht anders ergangen, doch nahm es mit mehr Humor.
"Hab dich nicht so! Es hat enormen Spaß gemacht.", erwiderte der Freund fröhlich."Und kein Abenteuer ohne Blessuren möchte ich meinen.", ergänzte er frech. Als Antwort flog ihm dafür ein Schneeball entgegen. Es dauerte nicht lang, dann war eine wüste Schlacht im Gange, an dessen Ende man ein Knäuel aus zwei Hobbits sich durch die weiße Pracht wälzen sah. Müde schleppten sich die beiden durchgefrorenen jungen Männer am frühen Abend in Richtung Zuhause. Als sie Till und Amirilla bibbernd vor der Tür stehen sahen, amüsierten sich die Tuks köstlich. Schnell wurden die Beiden in warme Decken gehüllt und vor den Kamin gesetzt. Die Hausherrin brachte ihnen einen heißen Tee, der einer Wohltat gleich kam. Erst als Todo bei einem netten Plausch mit den Nachbarn sich ausreichend aufgewärmt hatte, verabschiedete er sich schließlich und kehrte erschöpft in sein Heim zurück.

Am nächsten Morgen erschien der örtliche Kurier mit einem Brief bei Braunlock junior. Zu dessen großen Freude kam er von Aurelia. Noch größer wurde diese, als sie darin ankündigte, ihn bald besuchen zu wollen. Eines schönen Tages war es dann endlich soweit. Es war der 2. Tag des Monats Februar als sich in den frühen Mittagstunden ein Pferdewagen dem Haus der Tuks näherte. Schon in der vergangenen Nacht hatte Todo kein Auge zu machen können, so aufgeregt was er gewesen. Er sah durch das kleine Fenster den Wagen die Anhöhe hochfahren. Sofort verließ er das Haus und gesellte sich zum Empfangskommitee. Diese hatten ebenfalls schon die Ankunft der Verwandten bemerkt und sich bereits am Tor aufgestellt. Auf dem Wagen saß Aurelia in Begleitung ihres Vaters Olof, der das Pferd vorm Tor zum Stehen brachte. Todo eilte sofort um das Gefährt herum und reichte der Hobbitdame die Hand. Sie ergriff diese lächelnd und stieg vom Wagen herab. Ihr Vater stieg ebenfalls herab und begrüßte auf herzliche Weise seine wartenden Verwandten.
"Hallo mein lieber Till. Wie geht es dir und deiner Familie? Wie ich feststelle; hat sich kaum etwas seit meinem letzten Besuch verändert." Er sah zu Ferdi herüber. "Außer vielleicht Tuk junior. Ist ein richtig strammer Bursche geworden, wie ich sehen kann." Man schüttelte Hände.
"Das ist fürwahr wahr, Olof. Es ist lange her seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Schade, dass du zum Julfest nicht da warst." Sein Gegenüber hob bedauernd die Augenbrauen.
"Tja leider hatte ich wichtige Geschäfte außerhalb des Landes zu erledigen gehabt. Aber meine Tochter Aurelia hat mir alles erzählt." Die Erwähnte erschien soeben in Begleitung von Todo. Aufmerksam musterte der Tuk den jungen Mann. "Und du musst der junge Braunlock sein, von dem meine Tochter unablässig erzählt.", fügte er breit lächelnd hinzu. "Es freut mich dich mal kennen lernen zu können. Ich hab auch von deinen mutigen Taten gehört. Ich bin beeindruckt und freue mich für Aurelia, einen so wackeren Hobbit zum Freund zu haben." Nachdem man noch die Anderen begrüßt hatte, baten die Gastgeber die Verwandten ins Haus. Aurelia wiederum wollte aber umgehend Todos Zuhause sehen. Mit der Zustimmung ihres Vaters, machten beide einen Abstecher zu seinem Elternhaus. Gemeinsam betraten sie es und die junge Frau nahm sofort neugierig sein Innenleben ins Augenmerk.
"Wie gefällt es dir? Sicher ist es nur ein schlichtes Heim, aber ich fühle mich hier sehr wohl." Aurelia blieb stehen und betrachtete aufmerksam das Mobiliar und die vielen Gemälde.
"Sei nicht so bescheiden, Todo! Ich finde dein Zuhause wunderschön und richtig gemütlich." Diese Bemerkung freute ihn umso mehr. Zumal er zuerst befürchtet hatte, dass es ihr, als Angehörige einer aristokratischen Familie, nicht gut genug sein könnte. Sie aber verstand es seine Befürchtungen rasch zu zerstreuen. Sie mochte zwar eine Tuk sein, doch jegliche Arroganz aufgrund ihrer Abstammung war ihr fern.

Vor einem Gemälde blieb sie stehen und betrachtete die zwei Personen, die darauf abgebildet waren. Die Ähnlichkeit mit ihrem jungen Freund war unübersehbar.
"Sind das deine Eltern?" erkundigte sie sich. Ihr Begleiter nickte.
"Ja, die Frau auf dem Bild ist die werte Tusnelda Braunlock, meine Mutter. Und der Herr ist mein Vater Fillibert." Dies erwähnte er mit einem Anflug aus Traurigkeit, was Aurelia nicht entging.
"Ich hörte um das Schicksal deines Vaters. Hast du denn bisher gar nichts über ihn in Erfahrungen bringen können?", fragte sie nach, wobei sie großes Mitgefühl empfand. Er schüttelte den Kopf.
"Leider überhaupt nichts." Sie deutete auf die Frau auf dem Bild.
"Und was ist mit deiner Mutter?" Todo stellte sich neben sie.
"Sie ist leider viel zu früh verstorben." Daraufhin sah sie aufmerksam an.
"Das tut mir leid. Muss sicher nicht leicht sein, wenn man so alleine leben muss, oder?" Er zuckte mit den Schultern.
"Na ja, ich hab mich inzwischen damit arrangiert." Sie spürte dass ihm das Thema unangenehm war, also unterließ sie weitere Fragen dieser Art. Beiläufig sah sie auf die Uhr.
"Oh, ich glaube man wartet auf uns, Wir sollten hinüber gehen."
"Stimmt, dein Vater wird sich sicher schon fragen, was wir hier solange treiben.", erwiderte er, wobei sich seine Miene wieder entspannte. Gemeinsam verließen sie sein Heim und gingen zum Haus der Nachbarn. In der Tat wurden sie beide schon ungeduldig erwartet. Die Anderen hatten es sich inzwischen schon an dem reichlich gedeckten Tisch bequem gemacht. Aurelia nahm neben ihrem Vater Platz, während er sich nebst seinem Freund Ferdi niederließ.

Während man sich dem Mahl zuwandte, erkundigte sich Till Tuk wissbegierig nach Neuigkeiten aus der Welt des Großen Volkes. Sein Verwandter Olof, dessen geschäftliche Tätigkeiten ihn auch öfters ins Nördliche Königreich führten, leerte zunächst erst seinen Teller. Danach zündete er sich eine Pfeife an. Anschließend gab er bereitwillig Auskunft.
"Eigentlich nichts was für uns Auenländer von Interesse sein könnte. Unsre Grenzen sind nun durch die Präsenz der königlichen Soldaten gut geschützt. So schnell wird sich kein Strolch mehr hier her wagen. Außerhalb unsrer Heimat sieht es allerdings anders aus. Nichts desto trotz hörte ich auf meinen Reisen von seltsamen Vorkommnissen. Häufig in Verbindung mit dem Namen der Hauptstadt des nördlichen Königreiches Dun Maroth." Die Anwesenden wurden ganz Ohr.
"Und was erzählt man sich von ihr? Es soll ja eine prunkvolle Stadt sein, wie ich hörte." Olof nickte.
"O ja das ist sie in der Tat, mein werter Till. Nach dem Sturz des abtrünnigen Telpeth, hat der König einen neuen Statthalter namens Meneldil eingesetzt. Er hat die alte Ordnung wieder hergestellt. Inzwischen aber werden die Handelswege rund um die Stadt immer unsicherer. Seltsame Gestalten sind auf ihnen unterwegs, von denen man sagt dass sie nichts Gutes im Schilde führen sollen. Glücklicher Weise bin ich denen persönlich noch nicht begegnet. Begleitet wird ihr erneutes Auftauchen von mysteriösem Verschwinden von Personen vielerorts." Die Anwesenden lauschten aufmerksam den Ausführungen des Verwandten. Jeder machte sich seine eigenen Gedanken über das Gehörte. Die Erwähnung vom Verschwinden von Personen weckte allerdings insbesondere bei Todo eine verstärkte Aufmerksamkeit. Automatisch dachte er daran, dass noch immer einige Landsleute vermisst wurden, wozu sein eigener Vater gehörte.
"Weiß man denn wer diese Typen sind", erkundigte er sich bei seinem potenziellen Schwiegervater.
"Es wird gemunkelt, dass es sich dabei um die Anhänger einer verbotenen Bruderschaft handeln soll. Diese ominöse Bruderschaft hatte zu Zeiten Telpeths die Straßen Dun Maroths unsicher gemacht." Olof war dabei anzumerken, dass es ihm bei Erwähnung dieser seltsamen Menschen nicht wohl zumute war, also wechselte er umgehend das Thema. Er hob er seinen Krug mit Bier. "Aber lassen wir das! Viel lieber möchte ich wissen, was sich hier so getan hat, Leute! Also lasst hören!" Die kleine Gesellschaft saß noch lange zusammen und plauderte über alles Mögliche. Es war reichlich spät, als man sich voneinander trennte und zur Ruhe ging.

Zur Kapitelübersicht

XXVI. Auf hoher See

Umbar, die Stadt der Korsaren. Sie war Hauptort des kleinen Reiches, welches unter dem Kommando des Kapitän Telcin?th stand. Es war ein Gebiet an der Küste des Harad und umfasste unter anderem ein Kap und eine Bucht, in der ein befestigter, natürlicher Hafen (Die Anfurten von Umbar) lag. Gegründet worden war es 2280 des Zweiten Zeitalters von den Nachkommen der rebellischen Dúnedain. Diese waren aus Gondor während des Thronfolgestreits in den Jahren 1432-1447 des Dritten Zeitalter geflohen. Bis dahin wurde es von ihren Schwarzen Númenórianischen Verwandten bewohnt, die vor der Ankunft der Rebellen in Umbar lebten. Unter Führung des Ausnahme-Kapitäns Angamaitë und dem kraftvollen Teldûmeir hatten sich die Korsaren in der Bucht von Belfalas und an den Südküsten einst als vorherrschende Macht etabliert, deren ungeheure Flotten von allen gleichermaßen gefürchtet worden war. Das Gebiet der Korsaren war strategisch so günstig gelegen, dass sie sowohl viele Rohstoffe zur Verfügung hatten als auch Zugang zum nahe gelegenen lebenswichtigen Flusstal und zum Großen Meer besaßen. Inzwischen stand den Korsaren auch wieder eine mächtige Seestreitkraft zur Verfügung, mit der sie Gondor vor möglichen Angriffen vom Meer aus unterstützte. Aus Dank für diese Unterstützung hatte Armeledur I. einst den Seeleuten wieder die Rechte eines autonomen Stadtstaates verliehen. Das etwas zur Geschichte des Ortes.

Am Hafen des Ortes lag unter Anderem die stolze Handelskogge Doristoles vor Anker. Sie war aus massiven Holz und Eisen erbaut und war ein Zweisegler. Sie bot ausreichend Platz für etwa hundert Männer sowie den umfangreichen Gütern und Waren, die mit ihr transportiert wurden. Regelmäßig steuerte sie die bedeutendsten Häfen wie Dol Amroth oder Lond Daer an. Kapitän des Schiffes war der junge Echelios, Sohn des Stadtoberhauptes Telcin?th. Er war ein meisterhafter Navigator, der schon so manch Unwegsamkeit bewältigt hatte. Zudem wusste er mit den Piraten fertig zu werden, die neuerdings wieder ihr Unwesen auf der westlichen See trieben. Echelios war aber nicht nur ein gescheiter Seemann, sondern hegte auch eine große Vorliebe für das Kartenspiel. Wenn er nicht gerade auf See war, hielt er sich all abendlich in der kleinen Spelunke "Zum Klabautermann"auf und spielte mit einigen Landsleuten Poker. Auch an diesem Abend vor der neuen Überfahrt hockte er in der verrauchten Gaststätte. Obwohl die Einsätze oftmals recht hoch werden konnten, entschied er zumeist das Spiel für sich.

Ein seltsamer Fremder betrat die verqualmte Spelunke und näherte sich zielstrebig dem Tisch, an dem der Navigator mit seinen Männern hockte. Zunächst nahm niemand Notiz von ihm, bis sich dieser laut räusperte.
"Seit ihr Kapitän Echelios?"Der Angesprochene war aber so vertieft in sein Spiel, dass er die Frage zuerst nicht wahrnahm. Der Fremde wiederholte seine Frage. Nun hörte der junge Mann die Worte. Er hasste es, wenn man ihn beim Pokern störte. Erst recht, wenn es zu seinen Gunsten stand. Daher ignorierte er den Fremden zunächst wissentlich und konzentrierte sich vielmehr auf das gute Blatt in seiner Hand. Der Andere wiederholte ein drittes Mal seine Anfrage, diesmal aber lauter und vehementer.
"Ja das bin ich, wenn es recht ist. Nun aber verschwindet endlich und stört mich nicht weiter!", erwiderte Echelios ohne aufzublicken. Anders als erhofft ließ sich der Mann nicht abwimmeln, sondern blieb vor dem Tisch stehen.
"Du bist an der Reihe, Marcos", brummte der Navigator ungeduldig.
"Ich muss mit Euch sprechen!", mischte der Fremde ein. Erstmals blickte der Angesprochen verärgert auf und musterte den Sprecher. Zu seiner Verwunderung handelte es sich bei diesem um einen alten Mann, der einen verschlissenen bläulichen Mantel trug. Ein langer spitzer Bart schaute unter seiner Kapuze heraus. Eisblaue klare Augen sahen eindringlich auf den Kapitän herab. Die armselig wirkende Verkleidung des Mannes bewegte sein Gegenüber zu einer spöttischen Bemerkung.
"Was sollte ich denn mit einem Bettler oder Hausierer zu besprechen haben. Verkriecht Euch in Euer Loch, woraus Ihr meiner Meinung nach geschlüpft seid, alter Mann." Er und die übrigen Männer am Tisch brachen zugleich in ein lautes Gelächter aus. Die Augen des Alten blitzen auf.
"Spottet ruhig wie es Euch beliebt, Kapitän! Doch so einfach werdet Ihr mich nicht los." Echelios warf seine Karten auf den Tisch. Nun hatte man ihm das Spiel verdorben. Er griff sich seinen noch halbvollen Krug Bier und trank davon.
"Was in Gottes Namen wollt Ihr denn noch von mir, Väterchen?", brummelte er genervt.
"Ihr müsst mich auf Eurem Schiff mitnehmen.", antwortete der alte Herr. Dafür erntete er ein erneutes Gelächter aus zahlreichen Mündern.
Als man sich wieder beruhigt hatte, sagte der Navigator ruhig und mit Bestimmtheit: "Das kommt überhaupt nicht in Frage, alter Mann. Ich besitze eine Handelskogge, aber kein Passagierschiff. Außerdem ist es ein Fahrt durch gefährliche Gewässer, also was sollten wir uns mit unnützer Fracht beladen." Obwohl den alten Herrn dieser Begriff in Verbindung mit seiner Person innerlich erzürnte, bewahrte er äußerliche Ruhe.
"Es wäre nicht zu Eurem Nachteil, wenn ich Euch begleiten dürfte.", erwiderte der Fremde. Der Kapitän sah ihn aus großen Augen an.
"Ach ja und welcher Vorteil sollte das sein? Ihr erscheint mir nicht als Jemand, der gerade mit Reichtümern ausgestattet ist. Also selbst wenn ich dazu bereit wäre, Euch mitzunehmen. Womit wolltet Ihr das denn bezahlen, mein Herr?" Sein Gegenüber tat einen Schritt vor, wobei er sich auf einen langen Stab stützte.
"Als Lohn wird Euch ein wohl gesonnener Wind rasch an Euer Ziel bringen", erfolgte die Antwort. Der junge Kapitän brach erneut in ein schallendes Gelächter aus, wurde dann aber rasch ernst.
"Das ist nicht viel, aber irgendwie gefallt Ihr mir trotzdem, alter Mann. Daher will ich mal ein Auge zudrücken. Aber seid morgen früh pünktlich am Ankerplatz meines Schiffes!" Damit war das Gespräch für ihn beendet. Der Fremde entfernte sich und die Männer widmeten sich wieder ihrem Spiel.

Am nächsten Morgen betrat Echelios, gefolgt von seinen Männern, seine geliebte Doristoles, auf die soeben die letzten Waren aufgeladen wurden. Das Gespräch mit dem Alten vom gestrigen Abend hatte er inzwischen schon vergessen. Er glaubte auch nicht, dass dieser wirklich kommen würde. Nachdem die restliche Fracht verstaut war, gab er seinen Jungs die Anweisung die Segel zu setzen. In diesem Augenblick erschien zur Überraschung des Kapitäns der alte Mann an Deck.
"Seid willkommen auf meinem stolzen Schiff, alter Mann!", rief er dem neuen Passagier mit heiterer Stimme zu, der sich sofort neugierig umsah. "Noch ist es nicht zu spät um es Euch noch mal zu überlegen. Wie schon erwähnt, es wird eine gefährliche Fahrt.", fügte Echelios warnend hinzu.
"Danke für die wichtige Information. Aber ich habe in meinem Leben schon ganz andere Situation gemeistert, junger Mann.", erwiderte der Alte unbeirrt und wandte sich ab.
"Na wie Ihr wollt", meinte der Kapitän. "Also Männer. Holt den Anker ein und lasst uns aufbrechen!", rief er den Anderen fröhlich zu. Wenig später setzte sich die Handelskogge in Bewegung und verließ den schützenden Hafen von Umbar. In der Tat herrschte heute ein günstiger Wind, der sie rasch auf das weite Meer hinaustrug. Die blauweißen Segel mit den aufgedruckten gekreuzten Säbeln, dem Banner des Reiches, waren über weite Strecken gut erkennbar. In den nächsten Stunden durchquerte das Schiff ohne besondere Zwischenfälle die ruhige See.

Nachdem der alte Mann seinen ausgiebigen Rundgang über das Seegefährt beendet hatte, kehrte er zurück an Deck und hielt Ausschau gen Westen. Nichts außer dem tiefblauen Horizont war dort zu entdecken. Dennoch wusste er, dass sich dort etwas befand, was sich menschlichen Augen verbarg. Hinter undurchdringlichen Nebelbänken und geheimnisvollen Zauberinseln befand sich sein einstiger Wohnort, dessen Anblick er manchmal ein wenig vermisste. Ein Platz mit endlosen weißen Stränden, so weit das Auge erfassen konnte. In diesem Augenblick erschien es ihm als könne er die leisen klaren Gesänge des Alten Volkes hören, welche die Luft jenes seligen Ortes Tag für Tag erfüllten. Es erschien ihm auch als könne er das Sprudeln der zahlreichen Quellen hören, deren goldenes Wasser die kleinen Flüsse des wunderbaren Landes speiste. Nicht zu vergessen, die herrliche Pflanzen, die dort wuchsen und mit ihrem süßen Geruch die Luft erfüllten. Während er gedankenverloren in die Ferne blickte, hatte sich der junge Kapitän unbemerkt an seine Seite gesellt.
"Ist es nicht ein herrlicher Ausblick? Ich selbst liebe das Meer und seine Geruch. Gerade seine Unberechenbarkeit ist eine wahre Herausforderung, welche es jedem Seemann abverlangt, der es befahren will. Was meint Ihr?" Diese Worte rissen den Alten aus den eigenen Grübeleien.
"Ja das ist es.", murmelte er zustimmend.

Er verstand den jungen Mann zwar durchaus, wusste zugleich aber auch um die vernichtende Kraft, die aus dem Meer erwachsen konnte. Davon zeugte das winzige Gebilde das soeben am Horizont erschien. Aus der Nähe glich es einem aufgerichteten mahnenden Fingerzeig. Der Berg Meneltarma, Überbleibsel einer versunkenen Welt und Heimat eines stolzen Volkes an das sich nur noch Wenige erinnerten.
Zugleich rief sein Jahrtausend altes Gedächtnis jene schrecklichen Bilder ab, die er selbst niemals vergessen würde. Es war vor langer, langer Zeit gewesen. Damals hatte er sich gerade am Strand seiner alten Heimat befunden, als die riesige Flotte am Horizont erschien. In den nächsten Augenblicken verstummten die friedlichen Gesänge des Ersten Volkes um ihn herum und Freuden verwandelten sich in Furcht und Angst. Wenig später, nach dem Eintreffen der Schiffe, kam ein furchtbarer Sturm auf und verwandelte die See in ein wildes Ungeheuer. Riesige Wellen erhoben sich und verschlangen die Flotte samt ihren Besatzungen. Als wenn dies nicht schon furchtbar genug war, fiel es dann auch noch über ein blühendes Land her und begrub es mitsamt seinen verlorenen Bewohnern. Befehligt vom Allmächtigen persönlich hatte es seine entsetzliche Kraft bewiesen.

"Was ist mit Euch, alter Mann?", hörte er eine Stimme neben sich fragen. Diese rief ihn in die Gegenwart zurück und er schob die dunklen Bilder beiseite. "Geht es Euch gut?" wurde er erneut gefragt. Der alte Mann wandte sich seinem Gegenüber zu.
"Danke aber mir fehlt nichts, junger Mann. Es sind nur Erinnerungen an eine einstige Heimat, die mich quälten. Das soll Euch aber nicht stören." Der Kapitän wurde neugierig.
"Woher kommt Ihr denn, wenn man fragen darf?" Sein Gegenüber sah ihn plötzlich traurig an.
"Aus einem Land, das dieser Welt entrückt ist. Das sollte Euch genügen!" Ohne ein weiteres Wort der Erklärung ließ er den Navigator und begab sich unter Deck.

Schließlich brach die abendliche Dämmerung herein. Noch immer blies ein hervorragender Wind, der das Schiff rasch voran brachte. Eine kleine Gruppe Männer wurde zum Wachdienst an Deck abkommandiert, während die Übrigen einschließlich des Kapitäns sich eine Mütze Schlaf gönnten. Es war um Mitternacht als der Wachhabende auf der Ausguckplattform plötzlich etwas Außergewöhnliche bemerkte. Er richtete das Fernrohr auf das bemerkte Objekt und sah hindurch. Er konnte ein kleineres Schiff erkennen, das sich ihnen näherte. Zuerst hielt er es für ein gewöhnliches Frachtschiff und unterließ es Meldung zu machen. Wenig später tauchten aber weitere kompakte Objekte am Horizont, die alle Kurs auf die Doristoles hielten. Der Mann wurde nun misstrauisch und spähte erneut durch das Fernrohr. Was er erblickte, ließ ihn nach Luft schnappen. Es waren keine Frachter, die sich dem eigenen Seegefährt näherten, wie er zuerst vermutet hatte. Vielmehr stellte er nun anhand ihrer gut sichtbaren Beflaggung fest, dass es sich dabei um Piratenschiffe handelte. Umgehend schlug er mittels Läuten einer Glocke Alarm. In der nächtlichen Stille klang sie doppelt so laut wie am Tag. Die schlafende Mannschaft und ihr Kapitän waren sofort hellwach und verließen hektisch die Ruheräume unter Deck. Manch einer unter ihnen war noch ganz schlaftrunken und verwirrt. Als man an Oberdeck eilte, erblickten sofort alle Anwesenden die Ursache des Alarms. Zeitgleich sahen sie die drei düster wirkenden Galeeren, die sich dem eigene Schiff näherten. Der Navigator erfasste blitzschnell die neue Situation. Er ahnte, dass sie nicht in friedlicher Absicht unterwegs waren. Das verriet ihm das Manöver, welches sie soeben vollführten. Waren sie zuvor nebeneinander gesegelt, änderte sie nun ihren Kurs und nahmen die Doristoles plötzlich in die Zange. Echelios dachte sofort an Magnus, den Schwarzen Korsar, und seine barbarische Meute. Er war diesem finsteren Zeitgenossen noch nie persönlich begegnet, doch kannte er den fürchterlichen Ruf dem diesem vorauseilte. Die Geschichten, die man sich in seiner Heimat über den Korsar und seine Greueltaten erzählte, waren alles andere als friedfertig. Seit geraumer Zeit machte Magnus die westliche See schon unsicher. Woher er stammte, war nicht genau bekannt. Er und sein menschenverachtendes Gesindel hatten in der Vergangenheit schon unzählige kleinere Frachtschiffe überfallen, ihre Besatzungen ermordet und sich deren Fracht unter die Nägel gerissen haben. Es waren nicht wenige Kapitäne, die er selbst gut gekannt hatte. Doch konnte er sich nicht sicher sein ob es sich wirklich um den Schwarzen Korsar handelte. In diesem Moment erschien auch der alte Mann an Deck.
"Geht unter Deck! Es ist hier draußen zu gefährlich für Euch!", rief ihm Echelios zu. Anders als erhofft aber rührte sich der Mann nicht von der Stelle. Der Kapitän wiederholte seine Aufforderungen, aber noch immer machte der Andere nicht den geringsten Eindruck, als wolle der Warnung Folge leisten. So ließ ihn Echelios stehen und erteilte stattdessen seinen Männern Befehle ihre Stellung einzunehmen. Sollte der Gegner versuchen das Schiff zu entern, würde man ihnen das nicht so leicht machen.

Im nächsten Augenblick löste sich eine der kleinen Galeeren aus dem Halbkreis und schob sich lautlos an die Handelskogge heran. War es eben noch dunkel an dessen Deck gewesen, entflammten plötzlich unzählige Lichter an Bord. Gehalten wurden die vielen Fackeln von grimmig ausschauenden Männern, von denen nicht wenige schwarze Kopftücher trugen. Wenige Meter vor der Doristoles stoppte das Schiff. Es gehörte nicht zu den neuesten Modellen der Schifffahrt, wirkte aber deswegen nicht minder beweglich oder manövrierbar. Seine Segel waren in den Farben Schwarz und Rot gehalten. Die Besatzungen auf beiden Seiten musterten sich sorgsam. Kein Wort wurde unter einander gewechselt. Die Spannung zwischen den Gegnern lag spürbar in der Luft. Dann kam Bewegung in die Reihe der Piraten. Zwischen ihnen bildete sich ein Durchgang, durch den sich soeben eine weitere Person schob. Diese schritt langsam durch die Reihen der Männer und stellte sich gut sichtbar am Vorderdeck auf. Die Person war von kräftiger Statur und hatte schwarze Haare, die zu einem dicken Zopf gebunden waren. Zudem hatte sie einen Oberlippenbart, der sichelförmig auf beiden Seiten der Mundwinkel wuchs und am Kinn zusammenlief. Während eines der Augen unter einer Klappe verborgen war, starrte das Zweite den jungen Navigator der Doristoles und seine Mannschaft heimtückisch an. Es schien als wollte er sein Gegenüber bis in dessen tiefste Seele nach möglichen Schwächen abtasten. Echelios aber blieb ungerührt und ließ sich äußerlich keine Schwäche anmerken. Es war sein Gegenüber, der schließlich das Schweigen brach.
"Sieh an, noch einer dieser tollkühnen Seemänner aus Umbar, die sich in unsere Gewässer wagen. Ich kann es nicht glauben." Der Angesprochene glaubte sich verhört zu haben.
"Eure Gewässer? Das ist doch sicher ein schlechter Scherz, will ich meinen." Sein Widersacher schüttelte das Haupt.
"Ist es nicht, meiner törichter Freund. Ihr befindet Euch auf unserem Territorium." Echelios verzog grimmig das Gesicht.
"Und wer seid Ihr, der Ihr das ungestraft behauptet?" Der Rivale hob die Augenbraue.
"Was? Ihr wisst nicht wer ich bin? Dann seid Ihr noch dümmer als ich zunächst annahm. Ich bin Magnus, der Schwarze Korsar!"

Nun war es heraus. Damit bestätigte sich der Verdacht, den Umbars Mann bereits gehegt hatte. Er schwieg und dachte nach. Dies schien dem Rivalen offenbar zu lange zu dauern. Er hielt es zudem fälschlicher Weise für Unsicherheit des Gegenübers.
"Hat es Euch etwa die Sprache verschlagen, junger Seemann?", erkundigte sich der Korsar nach der Ursache des Schweigens.
"Nein, Ihr Halunke. Hab mir noch etwas Zeit genommen, um mir das Gesicht des Mannes genau einzuprägen, auf dessen Konto der Tod von zahllosen unschuldigen Seemännern geht." Diese Bemerkung veranlasste Magnus zu einem hässlichen Lachen.
"Na und? Gefalle ich Euch, Herr Kapitän?" Echelios nickte andächtig.
"Ja, aber noch mehr wird es mir gefallen, wenn Ihr endlich am Galgen baumelt." Dem Korsar schmeckte diese Drohung überhaupt nicht. Grimmig verzog er die Mundwinkel.
"Und Ihr haltet Euch für den, dem dies gelingen wird? Dass ich nicht lache!"

Der im Hintergrund stehende alte Mann verfolgte den heftigen Wortwechsel. Er bewunderte den Mut und die Selbstsicherheit des jungen Navigators, mit denen er dem gefährlichen Pirat entgegen trat. Die meisten anderen Menschen wären wohl aus Furcht eher davon gelaufen. Trotzdem bezweifelte er insgeheim, dass dies ausreichen würde um den Korsar zu bezwingen. Magnus war ein ebenso erfahrener Seemann wie der Mann aus Umbar. Er verstand ebenso viel von Nautik wie sein Gegenüber. Daher war er stets seinen bisherigen Widersachern eine Nase voraus gewesen. Das Verstummen des Korsars ermutigte Echelios, nach zu legen. Es war ihm nicht bewusst, wie sehr die Situation auf der Kippe stand und wie schnell diese zu seinen Ungunsten umschlagen konnte.
"Na; was ist, Magnus? Hat es nun Euch etwa die Sprache verschlagen?", rief der junge Kapitän forsch. Plötzlich trat in das Auge seines Gegenübers ein gefährliches Funkeln.
"Ihr haltet Euch wohl für sehr mutig. Aber nur ein Narr wie Ihr könnte dies ernsthaft von sich glauben.", erklärte der Andere. "Doch bevor ich Euch mit den Füßen zertrete, nennt mir noch Euren Namen, Kapitän?" Sein Gegenüber ließ nicht lange mit der Antwort auf sich warten und erklärte stolz.
"Ich bin Echelios!" Dem Korsar war die Überraschung darüber deutlich anzusehen. Von einer Sekunde zur Anderen trat ein seltsames Glitzern in sein Auge.
"Sieh an, das ist also der Sohn von Teclin?th. Hervorragend, denn das wird mir eine ordentliche Stange Lösegeld bescheren. Da bin ich mir sicher.", ließ der Pirat sofort verlauten.
"Freut Euch nicht zu früh, Halunke!", erwiderte sein Gegenüber prompt. "Zu lange schon habt Ihr diese Gewässer Euer Unwesen getrieben. Es wird Zeit, dass Ihr dafür bezahlt." Magnus konnte den Spott nicht unterdrücken, den er empfand.
"Das ich nicht lachen. Dein Volk? Meinst du den jämmerlichen Haufen, der sich dem Willen des Königreichs Gondor unterworfen hat? "Echelios ließ den Vorwurf der Untertänigkeit nicht so stehen.
"Wir sind keine Untertanen, sondern ein freies und stolzes Volk." Der Schwarze Korsar schmunzelte und fuhr unbeirrt in seiner Hetzrede fort. "Von einem unabhängigen Volk kann hier wohl nicht die Rede sein, das sei dir gesagt.", spöttelte er weiter. "Stolz waren Eure Vorfahren, die einst an der Seite mächtigerer Herren gekämpft haben. Jene die ihre mächtige Kriegsflotte gegen jene entsandt hatten, denen Ihr heute dient. ", fügte er hinzu. Der junge Kapitän wusste durchaus worauf der Korsar anspielte.
"Ihr meint sicher damit den dunklen Herrn, der seinen Untergang der eigenen Überheblichkeit und Arroganz verdankte. Diesen nennst du einen mächtigen Herrn. Was konnte es für unser Volk Schlimmeres geben, als diesem Satan zu dienen." Aus Echelios Worten sprach pure Verachtung. "Du irrst, wenn du glaubst mich mit deinen Hetzreden umgarnen zu können. Gondor und Umbar sind Verbündete. Das werden sie bleiben solange beide Reiche währen, wenn es nach mir geht."

Magnus, der Schwarze Korsar, erkannte, dass er keine Zweifel streuen konnte, die ihm von Vorteil sein könnten. Daher zögerte er keinen weiteren Moment und befahl seinen Piraten die Doristoles zu kapern.
Auch Echelios zögerte nicht länger und rief zu den Waffen. Wie schon erwähnt war Magnus mit allen Wassern gewaschen und hatte einige Asse im Ärmel, von dem er nun Gebrauch machte. Im nächsten Moment sah die Besatzung der Handelskogge einem waren Lichtermeer gegenüber. Unzählige in Flammen gesetzte Pfeile waren vom anderen Segler her auf sie gerichtet. Der Kapitän der Doristoles hatte damit nicht gerechnet und sah blitzartig seine Chancen schwinden. "Auf Männer! Setzt ihren Kahn in den Brand und entert es. Lasst keinen am Leben!", hörte man den Schwarzen Korsar brüllen.

Plötzlich geschah etwas, womit die Piraten nicht gerechnet hatten. Unbemerkt von allen Anwesenden hatte sich eine dichte Nebelwand genähert und schob sich im nächsten Augenblick zwischen die feindlichen Schiffe und der Doristoles. Magnus und seine Männer zeigten sich zunächst irritiert. Welch Zauberwerk war hier am Werk? Man konnte kaum die Hände vor Augen sehen. Zwar hatte der Korsar mit dieser neuerlichen Erscheinung nicht gerechnet doch war er keineswegs bereit den feindlichen Kapitän und seine Leute ziehen zu lassen. Schließlich war er ein entfernter Nachkomme der Schwarzen Numenórer. Zu seinem Bedauern konnte aufgrund der miserablen Sicht keinen Kontakt zu den übrigen Schiffen herstellen. So war er auf sich gestellt.

Auch Kapitän Echelios und seine Besatzung waren von dieser unvorhersehbaren Wende überrascht worden. Anders aber als der Korsar und seine Meute konnte er trotz des Nebels die Umrisse der kleinen Galeere seiner Widersacher noch sehen. Wie das möglich war konnte er sich selbst nicht erklären. Nicht desto trotz war es ein günstiger Umstand den er zu nutzen beabsichtigte. Er musste dem Korsaren wie auch immer den Garaus machen. Darum gab er seinem Rudermann das Zeichen die Kogge seitlich an das gegnerische Schiff vorbei zu lenken. Man wollte sich von hinten dem Piratenschiff nähern. So lautlos wie möglich führte man das Manöver aus, während auf der anderen Seite ein Haufen ratloser Piraten auf ihrem Kahn herum stand. Als die Doristoles diesen umrundet und sich lautlos nah genug an ihn heran geschoben hatte, gab Echelios das Signal zum Angriff. Völlig überrascht und perplex zeigten sich die Gegner als sie die fremden Männer mit gezückten Klingen auf ihr eigenes Schiff stürmen sahen. Im nächsten Moment entbrannte ein wüster Kampf an Bord. Auch Magnus hatte damit gerechnet aber griff sofort zur Waffe und mischte sich unter die Kämpfenden. Auch Telin?ths Sohn ließ es sich nicht nehmen und eilte herüber. Die Piraten wurden nach und nach zurückgedrängt. Umbars Männer warfen zudem brennende Fackeln auf Deck, sodass die Galeere an verschiedenen Stellen Feuer fing. Schließlich entdeckte der Kapitän den Korsar Magnus unter den Kämpfenden und stürmte auf ihn zu. Die beiden Widersacher lieferten sich abseits der Anderen ein wildes Duell. Inzwischen hatten auch die Segel des Schiffes Feuer gefangen. Minuten später zerbarst einer der Masten und krachte auf die Reling. Dabei begrub er nicht nur einige Piraten unter sich. Als sich der Kampfverlauf zu Gunsten des jungen Kapitäns zu wenden schien, tat Magnus etwas Unvorgesehenes. Statt weiter zu kämpfen floh der Korsar und sprang Kopfüber ins kaltes Wasser der See. Sofort überlegte Echelios ob er dem Korsar nachsetzen sollte, doch besann sich eines Besseren und unter ließ es. Inzwischen waren die meisten Piraten tot und das Schiff brannte lichterloh. Es wurde für ihn und seine Männer Zeit es zu verlassen. Unter leichten Verlusten in den eigenen Reihen eilten die Überlebenden auf die Doristoles zurück. Auf Befehl des Kapitäns drehte die Kogge sofort Richtung Norden ab. Soeben lichtete sich auch wieder der Nebel und die Besatzungen der übrigen Piratenschiffe beobachteten fassungslos den Untergang der Galeere ihres Anführers. Da sie ihren Herrn Magnus nun für tot hielten und führerlos waren, verließ sie die Lust auf eine weitere Konfrontation mit der Doristoles. Sie drehten ab und ließen die Handelskogge ziehen.

Während dieser Zeit hatte der alte Mann unbewegt und mit verschlossenen Augen am Hinterdeck gestanden. Erst nach einiger Zeit öffnete er diese wieder. Er hatte kaum mitbekommen was inzwischen geschehen war. Als er aufblickte, waren sowohl die Nebelwand wie auch die Piratenkähne aus seinem Sichtfeld entschwunden. Er sah den jungen Navigator mit stolzem Gesichtsausdruck auf sich zu eilen.
"Habt ihr das auch gesehen, alter Mann?", wurde er gefragt. Der Alte hob unwissend die Schultern.
"Was sollte ich denn gesehen haben, junger Mann?" Sein Gegenüber blickte ihn die Stirn runzelnd an.
"Na, unsren Sieg über die Piraten. Wir haben es diesem Magnus und seine Meute ganz ordentlich gegeben. SeinSchiff ist versunken und er ist verschwunden. Wie auch diese Nebelwand. Wie aus dem Nichts war sie erschienen und ebenso ist sie verschwunden.", erklärte ihm daraufhin Echelios. Der Alte schüttelte bedauernd den Kopf.
"Oh, da muss ich etwas abwesend gewesen sein. Tut mir Leid!", erwiderte er. Der Kapitän entfernte sich. Der alte Mann hatte bewusst verneint um den jungen Korsar nicht zu beunruhigen. Jedoch in seinem Innersten war ihm bewusst, dass eine längst vergessene Zauberkraft durch ihn gewirkt hatte. Dieses rief die Erinnerungen an ein vergangenes Leben zurück, das er noch unter Seinesgleichen verbracht hatte. Auch damals hatte er oft Zauber eingesetzt, die er aber nach seinem Gang ins Exil nie wieder verwendet hatte. Das hatte er nicht ohne Grund vermieden, denn er wusste, dass ihr Einsatz ihn verraten und einen alten ungeliebten Gefährten auf seine Fährte führen würde. Er hoffte sehr, dass dies nicht durch seine vorherige Tat zunichte gemacht worden war. Andererseits wiederum hatte es keinen anderen Ausweg gesehen, dem jungen Navigator und seiner Besatzung das Leben zu retten. Insbesondere weil er in dem Korsar einen Hoffnungsträger dieser Welt sah. Zukünftig musste, wenn möglich, jeglichen Einsatz solcher Mittel vermeiden, das schwor er sich. Nachdem er noch eine Weile den nächtlichen Sternenhimmel betrachtete hatte, ging er schließlich unter Deck.

Zwei Tage später erreichten die Doristoles und ihre Besatzung ohne weitere Zwischenfälle den kleinen Hafen Lond Daer. Im Zweiten Zeitalter war er mal bedeutsamer Anlaufpunkt der Schiffe der Menschen von Westernis gewesen. Inzwischen steuerten ihn nur noch wenige Schiffe an. Die Stadtbevölkerung ernährte sich im Wesentlichen von der Seefischerei, die hier betrieben wurde. Der Ort befand sich im Landstrich Minhiriath und war dem Nördlichen Teil des Königreiches angegliedert. Als die Handelskogge am Kai anlegte, verließ der alte Herr das Schiff, nicht ohne sich aber von Kapitän Echelios zu verabschieden.
"Nun mein werter Mann aus Umbar trennen sich unsre Wege." Der junge Mann nickte etwas betrübt.
"Ja, obwohl ich es inzwischen ein wenig bedauere, alter Mann.", erwiderte sein Gegenüber.
"Und entschuldigt mein unbedachtes Verhalten bei unserer ersten Begegnung." Der Alte lächelte versöhnlich.
"Macht Euch darum keine unnötigen Gedanken. Das habe ich außerdem längst vergessen." Der Navigator ließ sein Blick um den Ort schweifen.
"Wohin werdet Ihr nun gehen, mein Herr?", fragte er neugierig.
"Das weiß ich selbst noch nicht genau, wenn ihr es genau wissen wollt.", antwortete der Mann. Der Kapitän lachte auf.
"Wie? Ihr wisst selbst noch nicht genau wohin. Das klingt ein wenig merkwürdig." Der Angesprochene zog nachdenklich die Stirn in Falten.
"Hm, vieles erscheint mir so in diesen neuen Tagen." Der alte Mann sprach fürwahr in Rätseln.
"Na ja, mir steht es sicher nicht zu Euch mit Fragen zu bedrängen. Ich hätte vielleicht nur gern gewusst, ob man sich vielleicht einmal wieder sehen wird." Der alte Mann wandte sich zu ihm um.
"Nichts ist gewiss, junger Kapitän. Allerdings ist es möglich, dass sich unsre Wege eines Tages abermals kreuzen. Bis dahin wünsche ich Euch alles Gute und kehrt gesund zurück. Euer Vater wird euch brauchen. Doch nun lebt wohl!" Man verabschiedete sich freundschaftlich voneinander und trennte sich.

Der Alte begab sich in den Fischerort und mischte sich unter die Einheimischen. Trotz seines seltsamen Aufzuges erregte er wenig Aufsehen, was ihm ganz lieb war. Er spazierte entlang des Hafenbereiches und beobachtete das hektische Treiben. Neben der Handelskogge aus Umbar lagen noch zahlreiche kleinere Schiffe oder Kähne im Hafen. Einige ihrer Besitzer waren gerade damit beschäftigt ihre Ausbeute an Fischen in Holzkisten an Land zu schaffen. Ihren verschwitzten Gesichtern war die Anstrengung anzusehen, die mit dieser Tätigkeit verbunden waren. Andere indes waren dabei in See zu stechen. Hier und da bemerkte er auch ein paar junge Burschen, die an den Ankerplätzen der Boote herumlungerten. Nicht weit vom Hafenbereich befand sich ein großer Marktplatz mit zahlreichen Ständen an denen die Händler ihre Seeköstlichkeiten zum Verkauf anboten. In der Luft lag der Geruch von Fisch und Meeressalz. Ein wildes Stimmengewirr drang von dort herüber. Interessiert beobachtete er die Händler und ihre potenziellen Käufer dabei, wie diese miteinander lamentierten und um den besten Preis feilschten. Ihm selbst war nicht nach dem Kauf von Fisch, also ließ er den Markt links liegen und tauchte stattdessen in eine der vielen kleinen Gässchen von Lond Daer unter.

Dicht an dicht drängten sich die schmalen altertümlichen Fachwerkbauten. Links und rechts der Gasse. Es war für den alten Mann ein ungewohnter Anblick nach der langen Zeit, die er unter Zeltbewohnern zugebracht hatte. An die lange Gasse schloss sich ein großer Platz an, in dessen Mitte sich ein Brunnen befand. Aus den Mündern von sechs steinernen Fischstatuen schossen unaufhörlich kleine Wasserfontänen heraus, dessen Flüssigkeit in einem tiefer liegenden runden Becken floss. Drum herum hielten sich Frauen und Männer auf und hielten einen gemütlichen Plausch. Von dem alten Herrn nahmen sie wenig Notiz. Als er den Platz umrundet hatte, vernahm er plötzlich aus einer der umliegenden Gassen das Wiehern eines Pferdes, das vom wütenden Schimpfen eines Mannes begleitet wurde. Es erweckte aus unerklärlichen Gründen die Neugier des Alten. So bog er in die Gasse ein, aus welcher der Lärm drang stammte und stand schon bald vor dem Tor eines großen Gutshofes. Rechts auf dem Gelände befand sich ein prächtiges Wohnhaus aus Fachwerk. Zur Linken sah er zahlreiche Pferdeställe, vor dessen Eingang eine Gruppe Männer stand. Sie umringten einen schwarzen Hengst, der mit den Hufen um sich schlug und sich wie ein tollwütiges Tier aufführte. Einer der Männer hielt ihn an den Zügen fest und konnte gerade noch dem heran rasenden Hufschlag ausweichen.
"Verdammt und zugenäht! Bringt das Vieh endlich zur Räson, Männer. So werde ich es niemals an den Mann bringen können.", schimpfte ein kleiner pummeliger Mann mit rötlichen Haar und Oberlippenbart, der etwas abseits der Gruppe stand.
"Aber Malvis! Wir tun unseres Besten aber dieser Hengst ist eben unbezähmbar.", verteidigten sich die Anderen. Der Chef wollte solche Worte nicht hören. Für ihn gab es kein Tier, das unbezähmbar war. Man musste es nur mit harter Hand führen, dann spurte es schon. Da war er sich sicher. Schließlich war er selbst lang genug Pferdehändler, um das wissen zu müssen. Erst vor einer Woche war er in Besitz dieses prächtigen Tieres gelangt. Bestimmt würde es eine hübsche Summe Goldmünzen einbringen, wenn er es an den Mann brachte. Bis es aber soweit war, musste der Hengst allerdings erstmal gefügig gemacht werden. Dies hatte sich vom ersten Tag als äußerst schwierig erwiesen und Malvis einiges Kopfzerbrechen bereitet.
"Dann bringt ihm Gehorsam bei! Notfalls auch mit der Peitsche, bis es endlich pariert.", polterte er wütend. In diesem Moment war unbemerkt von den Anwesenden der alte Herr hinzu getreten. Er hatte das stolze Tier eine Weile beobachtet und Gefallen an ihm gefunden. Zudem benötigte er ein Reittier für seine weitere Reise.
"Haltet ein, Ihr Leute!", schallte es den diskutierenden Männern entgegen. Abrupt verstummten die Anwesenden und wandten sich sofort dem Sprecher zu. Als Malvis, der Pferdehändler den Fremden erblickte, verengten sich seine Augen.
"Wer seid Ihr? Und was habt Ihr hier zu suchen?", rief er dem Alten mit barscher Stimme zu. Dabei stemmte er beide Fäuste in die Hüften. Die übrigen Männer musterten eher amüsiert den seltsam gekleideten Fremden und konnten sich ein leises Lachen nicht verkneifen.
"Verzeiht mein Eindringen aber ich habe Eure bösen Worte vernommen und musste einschreiten. Niemand, auch Ihr, nicht solltet einem Tier so etwas antun.", sagte das Gegenüber ruhig aber bestimmend. Malvis Kopf schien aus Zorn über diese Anmaßung doppelt anzuschwellen.
"Was geht es Euch an, was ich mit meinen Tieren anstelle. Also seht zu, dass Ihr Euch vom Platze macht. Sonst lasse ich Euch Vagabund gewaltsam entfernen." , erwiderte der Händler ungehalten. Der Alte ließ sich auch diesmal nicht abwimmeln.
"Tut was Ihr nicht lassen könnt. Doch bitte ich Euch mich vorher anzuhören.", bat er den Händler. Malvis stand für einen Moment unschlüssig da und dachte nach. Obwohl dieser Fremde vom Aussehen her eher wie ein alter Landstreicher wirkte, umgab ihn eine merkwürdige Aura. Sie wirkte auf alle Anwesenden ein und besänftigte die erhitzten Gemüter. Entsprechend weniger barsch fiel die Antwort des Händlers daraufhin aus.
"Also gut, dann lasst hören. Allerdings ist meine Zeit begrenzt."
Sein Gegenüber nickte und begann: "Vielleicht ist es Euch entgangen, mein Herr, aber Euer Tier ist ein frei lebenden Geschöpf. Es gehört zu einer edlen Rasse, die schon lang vor Eurer Zeit die Weiten dieser Welt durchstreiften. Es liebt die Freiheit über alles und wird daher eine Gefangenschaft niemals tolerieren. Ihr könnt tun was Ihr wollt, aber weder Peitsche noch heißes Eisen werden es gefügig machen." Die Worte des Mannes hatten auf gewisse Weise etwas für sich, doch überzeugten sie Malvis nicht ein bisschen. Denn wenn er so dachte, konnte er sein Geschäft gleich an den Nagel hängen. Konnte der Alte ihn ruhig versuchen mit seinen betörenden Worten zum Umdenken zu bewegen. Trotzdem würde er das Tier niemals in die Freiheit entlassen. Das machte er auch dem Sprecher umgehend klar.
"Nett sind Eure Worte, das kann man schon sagen. Nicht desto trotz gehört der Hengst mir und ich kann damit machen was mir beliebt.", erwiderte er uneinsichtig. Sein Gegenüber wunderte sich nur über solche Starsinnigkeit.
"Was nützt Euch denn dieser Besitz wenn Ihr es nicht zähmen könnt? Welcher Mensch wird so tollkühn sein und Euch so ein wildes Tier abkaufen um anschließend erschlagen zu werden?", wurde Malvis gefragt. Der Angesprochene dachte über diese Worte nach. Dabei musste er sich innerlich eingestehen, dass der Fremde gar nicht so Unrecht hatte. Was nützte einem das schönste Pferd, wenn es keiner kaufen würde? Der Andere schien seine Gedanken erraten zu haben, denn er unterbreitete dem Pferdehändler sofort einen Vorschlag. "Wie wäre es, wenn ich mein Glück bei Eurem Tier versuchen würde? Vielleicht kann ich es ja besänftigen." Als die Männer diese Idee vernahmen, lachten sie los. Malvis sah den Fremden belustigt an.
"Hab ich richtig gehört? Ihr wollt Euch diesem tollwütigen Tier wirklich nähern und es zähmen?" Der Alte bejahte daraufhin. Der Händler sah ihn zunächst an, als habe er einen Verrückten vor sich. Dann deutete er auf das Tier. "Na wie Ihr wollt. Beweist uns das! Und weil ich eine Vorliebe für eine solche tollkühne Idee habe, will ich Euch das Pferd überlassen, wenn es Euch gelingen sollte."

Der alte Mann setzte umgehend sein Vorhaben in die Tat um und näherte sich langsam dem wilden Hengst. Während die Übrigen zurückwichen, tat er unbeirrt einen Schritt nach dem Anderen auf das Tier zu. Dieses reagierte zunächst noch wütender als zuvor. Wie verrückt tanzte es wiehernd auf der Stelle, hob immerzu die Vorderbeine und schlug mit seinen Hufen aus. Es war wirklich ein gefährliches Unterfangen, sich dem Geschöpf gerade jetzt zu näher. Der Alte aber schien sich nicht zu fürchten, sondern blieb erst dicht vor dem Hengst stehen. Den Beobachtern stockte für einen Augenblick der Atem. Der Mann senkte leicht das Haupt und flüsterte einige Worte in einer seltsamen Sprache. Dann hob er es wieder und legte dem Pferd die linke Hand auf. Sofort verebbte dessen wilder Tanz und es beruhigte sich. Zu Verwunderung aller ließ es sich von dem Fremden sogar streicheln. Malvis und seine Männer rieben sich ungläubig die Augen. Dem Alten war es tatsächlich gelungen, das Tier zu bändigen. Anschließend nahm er es bei den Zügeln und drehte sich um zu dem Zuschauer.
"Wie Ihr seht ist es mir gelungen, was Euch versagt blieb. Also nehme ich mir meinen Lohn." Der Pferdehändler protestierte.
"Aber so einfach lasse ich es nicht ziehen." Sein Gegenüber sah ihn daraufhin ungewohnt scharf an. "Na, wie Ihr wollt. Nehmt es aber lasst Euch hier niemals wieder sehen.", fügte Malvis kleinlaut hinzu.
"Diesen Wunsch erfülle ich Euch gern. Lebt wohl!", erwiderte der Alte und ging mitsamt des Pferdes von dannen.

Zur Kapitelübersicht

XXVII. Der Wurfwettbewerb

Zurück im Auenland. Todo und Aurelia hatten einige vergnügliche Tage miteinander verlebt, in denen sie sich auch näher gekommen waren. Sie hatten viele Spaziergänge mit oder ohne Peonie in der näheren Umgebung gemacht. An manchen Tagen war auch Ferdi dabei gewesen. Dann kam der Tag des Abschieds, der den zwei jungen Menschen keineswegs leicht gefallen ist. Sie hofften dennoch beide auf baldiges Wiedersehen.

Zwei Tage nachdem Aurelia abgereist war, erhielt Todo einen Brief von Bürgermeister Willigar Stolzfuß. Das Besondere an ihm war das Anliegen, das dieser dem jungen Hobbit unterbreitete. Der Herr aus Michelbinge bat ihn darin am Weitwurfwettbewerb als Vertreter des Auenlandes teilzunehmen. Dieser wurde seit einigen Jahren im Land ausgetragen. Wann er erfunden wurde, ist nicht so ganz klar, doch ist er inzwischen bereits zu einem festen Bestandteil im Alltagsleben der Hobbits geworden. Alljährlich trafen sich hier im März die besten Steinwerfer aus dem ganzen Auenland um gegen einander anzutreten. Dem Gewinner winkte nicht nur ein Titel sondern auch eine besondere Trophäe. Der amtierende Meister in der Kunst des Steinweitwurfs war ausgerechnet ein junger Bockländer. Es war Dinodas, der Neffe von Merimac Brandybock. Ganz zum Ärger der anderen Auenlandbewohner, die sich seit langem wieder einen der ihren an der Spitze wünschten. Bisher hatte keiner der Jünglinge, die sie ins Rennen geschickt hatten, im Wettstreit gegen Dinodas bestehen können. Nun hofften sie einen Solchen gefunden zu haben, der sich nicht minder gut in der Kunst des Steinwurfs verstand. Todo war zunächst überhaupt nicht begeistert von dieser Idee. Als er später Ferdi von diesem Brief und seinem Inhalt erzählte, war dieser - anders als er selbst - sofort angetan. Es bedurfte einige Überzeugungskunst bis Braunlock Junior schließlich einwilligte.

Ort der Austragung war der Ort Weidengrund, der am Rande von Waldende lag, ein großes Waldgebiet im Ostviertel des Auenlandes. Der Wald lag am östlichen Ende des Grünberglandes und er erstreckte sich von den Grenzen des Südviertels bis nach Waldhof und Weidengrund. Nahe dem Ort floss der Diestelbach entlang. Hier wohnte Todos Tante Angelica Braunlock. Zwei Wochen vor Beginn quartierten sich beide Freunde bei ihr ein um sich vorzubereiten. Natürlich hieß das für Beide täglich früh aufzustehen, wovon insbesondere Todo überhaupt nicht begeistert war. Doch was man anfing, musste man auch zu Ende bringen, da gab es keine Ausflüchte. Ferdi organisierte einige Zielscheiben, die er verschieden hoch an den Kiefern und Buchen des Waldes anbrachte. Die Aufgabe seines Kumpels war es, sie alle zielsicher mit Steinen zu treffen. Das war aber gar nicht so einfach, wie der Hobbit zunächst gedacht hatte. Während er es mit den niedrig angebrachten Objekten leicht hatte, tat er sich mit den Anderen zu Anfangs noch recht schwer. Wie sagte man doch: "Jeder fängt mal klein an ". Nicht anders erging es dem jungen Teilnehmer. Zuerst war er oftmals sehr frustriert, doch sein Freund ermunterte ihn nach Kräften. Mit der Zeit gesellte sich so manches neugieriges Waldtier, wie Eichhörnchen oder Reh, hinzu und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. Zur eigenen Freude aber wurde Todo jeden Tag besser. Schließlich wurde er so gut, dass Ferdi selbst nur noch mit offenem Mund daneben stand und staunte.

Dann war es endlich soweit und der Tag des Wettbewerbs war gekommen. Neben zahlreichen Bewohnern des Landes trafen auch Till Tuk mitsamt Frau sowie der Thain ein. Ebenso wenig ließ es sich Merimac Brandybock nehmen zu kommen, insbesondere natürlich um seinen Neffen Dinodas anzufeuern. Die große Wiese am Rande des Ortes war entsprechend geschmückt worden. Während die meisten Gäste auf den zahlreichen Bänken Platz nahmen, um dem Ereignis bei zu wohnen, traf Todo erstmals auf seinen Kontrahenten. Dieser überragte ihn um eine Kopfgröße. Dinodas spielte mit einem faustgroßen Stein in den Händen, während er den kleineren Hobbit kritisch musterte.
"Hallo! So so, du bist also der Auenländer, der gegen mich antreten will. Wie ich sehe, wird dir das aufgrund deiner Größe wohl kaum gelingen, Kleiner.", sagte er und unterstrich dies mit einem mitleidvollen Gesichtsaudruck. 'Wie arrogant.', dachte sich sein Gegenüber. Mochte er auch kleiner sein, minderte dies sicherlich nicht seine Fähigkeiten. Dies gab er dem Bockländer auch unmissverständlich zu verstehen.
"Das denkst aber nur du, werter Herr Brandybock. Was mir vielleicht an Größe fehlt, ergänze ich umso mehr durch mein Geschick im Steinwurf." Die Selbstsicherheit des Hobbits verblüffte Dinodas ein wenig.
Doch ließ er sich das nicht anmerken und erwiderte prompt: "Ich hab zwar auch schon von deinen Taten gehört, aber ich werde trotzdem gewinnen." Todo verdrehte die Augen und lächelte über die Worte seines Gegenübers.
"Da wäre ich mir nicht so sicher, Dinodas Brandybock. Du magst zwar ein guter Werfer sein, aber jeder findet einmal seinen wahren Meister ", erwiderte er frech. Der Große verzog daraufhin ärgerlich die Mundwinkel.
"Träum weiter, mein Freund! Der Sieg gehört trotzdem mir."
"Wir werden sehen!", erwiderte Braunlock Junior unbeeindruckt. Verdrossen zog der Brandybock davon und ließ ihn stehen. Ferdi, der während des kleinen Wortwechsels in der Nähe gestandet hatte, kam näher und klopfte seinem Freund anerkennend auf die Schulter.
"Oh Mann! Dem hast du es aber gegeben. Respekt!" Der andere Hobbit nickte grinsend. Dann begaben sich Beide zu den anderen Gästen.

Bevor der Wettbewerb begann, stärkte man sich erstmal am reichhaltigen Buffet. Danach postierte sich der Thain so, dass ihn alle verstehen konnten.
"Meine lieben Landsleute! Neben euch allen haben sich außerdem zehn junge Kandidaten hier zusammengefunden, um miteinander in einem bedeutenden Wettstreit zu treten. Wieder einmal ist es an der Zeit den besten Steinwerfer unseres Landes zu küren. Dem Gewinner winkt nicht nur ein Titel sondern auch die bereit gestellte Trophäe." Dabei deutete er mit der rechten Hand auf den Gegenstand, der vor ihm auf einem Pult lag. "Wer von euch Jungs diesen Schatz erringen will, muss dafür Einiges tun. Eure erste Aufgabe ist es die aufgestellten Zielscheiben zu treffen. Die Zweite wird sein, jene zielsicher zu treffen, die wir dort in den hohen Bäumen angebracht haben. Die Dritte ist fürwahr die Schwerste. Zu ihr sage ich erst später etwas. Und für alle Aufgaben habt ihr natürlich nur eine begrenzte Anzahl an Steinen. Doch genug der Worte. Lasst den Wettstreit beginnen!"

Es wurde zunächst Beifall geklatscht, dann trat der erste Teilnehmer an. Nach und nach trat einer nach dem Anderen vor und stellte sich der ersten Aufgabe. Auch Dinodas und Todo meisterten die Sache relativ einfach. Zwei junge Hobbits verfehlten ihr Ziel und schieden aus.
Die nächste Runde war schon schwieriger. Hier trennte sich der Spreu vom Weizen. Während Dinodas die Angelegenheit geschickt meisterte, hatten vier weitere Kanidaten weniger Glück und schieden aus. Nun war es an Braunlock Junior, der als Letzter antrat. Er hatte nur fünf Steine zur Verfügung, mit denen er die im Geäst angebrachten Zielscheiben treffen musste. Skeptisch betrachtete er zeitgleich die Wurfgeschosse und die Zielorte. Er zögerte etwas, was den im Hintergrund stehenden Rivalen zu einem siegessicheren Grinsen veranlasste. Auch Ferdi beobachtete nervös das Zaudern seines Freundes. Er hoffte, dass dieser nicht die Nerven verlor und drückte ihm fest die Daumen. Schließlich nahm Todo sich doch zusammen. Er wollte es dem Bockländer zeigen und holte zum Wurf aus. Wie einem Wunder gleich traf ein Stein nach dem Anderen das Ziel. Während Dinodas diesen Erfolg mit Missmut registrierte, brannte aus dem Lager der Auenländer lauter Applaus auf. Dann legte man eine kurze Pause.

In der Zwischenzeit wurde ein großer Käfig gebracht, in dem sich kleine Spatzen befanden und aufgeregt umher flatterten. Nachdem man sich mit Bier oder Wein in Laune gebracht wurde, bat der Ebrahim Tuk erneut um kurze Aufmerksamkeit.
"Nun, meine lieben Teilnehmer, erwartet euch die letzte und wohl schwierigste Aufgabe. Wir werden jetzt fünf Spatzen aufsteigen lassen. An ihren Füßen werden wir jeweils einen Ballon befestigen. Euer Ziel ist es, diese mit euren Wurfgeschossen zu treffen und zugleich zum Platzen zu bringen. Ich gebe zu, es erfordert großes Können, denn diese kleinen Vögel sind flink. Trotzdem drücke ich jedem Einzelnen unter euch die Daumen. Möge der Beste siegen!"

Die Anwesenden waren nicht minder überrascht über diese neue Aufgabe, die es im letzten Jahr so noch nicht gegeben hatte. Der Erste der übrig gebliebenen Teilnehmer gab daher gleich auf. Der Zweite versuchte nicht desto trotz seines Glücks und schaffte immerhin drei Spatzen zu treffen und deren Ballons zum Platzen zu bringen. Dann war Dinodas Brandybock an der Reihe. Der junge Mann bewaffnete sich mit den Wurfsteinen und trat selbstbewusst. Unter Beifall seiner Landsleute bewältigte er Vier der Ballons. Todo, der neben seinem Freund stand und das Geschehen beobachtete, schwand der Mut. Er hatte wohl den Mund zu voll genommen, gestand er sich selbst ein.
"Das schaff ich nie!", flüsterte er Ferdi resigniert zu. Dieser schüttelte demonstrativ den Kopf.
"Red doch keinen Unsinn! Du wirst es ganz bestimmt schaffen.", erwiderte er aufmunternd.
"Aber das hab ich noch nie gemacht. Auf Zielscheibe zu zielen ist das Eine, so flinke Geschöpfe zu treffen aber was ganz Anderes." Sein Gegenüber blickte ihn schief an.
"Du bist doch schon mit ganz Anderem fertig geworden, oder? Vergesse nicht, du bist der Hoffnungsträger für unser Land. Also zeig es diesem Dinodas. Los jetzt!"

Er versetzte Todo einen herzhaften Stoß, so dass dieser nach vorne stolperte. Die Landsleute auf den Bänken hielten es für das Signal für die letzte Runde und begannen Applaus zu spenden. Während Braunlock Junior zur gezogenen Markierungslinie schritt, ruhten alle Blicke auf ihm. Er konnte dabei ein leichtes Zittern der Hände nicht vermeiden. Sein Widersacher stand wenige Meter von ihm entfernt und beobachtete ihn aufmerksam. Er fühlte sich schon wie ein Sieger, was seinem Gesichtsaudruck zu entnehmen war. Im selben Moment ließ man die Vögel erneut aufsteigen. Todo blickte auf und konzentrierte sich auf die wild durcheinander fliegenden Tiere. Seine Augen versuchten ihren Bewegungen zu folgen, was angesichts ihrer Schnelligkeit gar nicht einfach war. Jetzt oder nie, dachte sich der junge Hobbit, hob den Stein und warf. Das Geschoss pfiff durch die Luft und traf sein Ziel. Mit einem satten Geräusch zerbarst der erste Ballon. Der Junge hätte jetzt vor Freude am Liebsten aufgeschrieen, aber für einen Sieg brauchte es mehr als einen Treffer. Wieder fixierte er einen der Vögel mit seinem Blick. Im richtigen Moment holte er erneut aus und schleuderte den kleinen Brocken gen das mögliche Ziel. Auch diesmal hatte er Glück und ein weiterer Ballon wurde erwischt. Ein weiterer gezielter Wurf war ebenso erfolgreich. Dinodas Siegermiene verwandelte sich plötzlich in einen Ausdruck von Missmut. Es erschien, als hätte er gerade saure Gurken gegessen. Der Erfolg seines Rivalen schmeckte ihm überhaupt nicht. Als auch noch Todos vierter Wurf glückte, sah er bereits seinen Sieg schwinden. Die Spannung, welche die Gäste in Atem hielt, war kaum noch auszuhalten. Nun war nur noch ein Stein übrig. Die Spatzen vollführten derweil waghalsige Luftmanöver auf. Mal zogen sie wohl geordnete Bahnen durch den Himmel, dann schossen sie heran und stiegen blitzschnell wieder auf. Dazwischen flatterte der Vogel mit dem letzten noch intakten Ballon. Dem jungen Hobbit wurde vor lauter Konzentration ganz schwindelig vor Augen. Soeben befanden sich die Tiere wieder über den nahen Baumwipfeln und stürzten sich herab, als Todo zum letzten entscheidenden Wurf ausholte und losließ. Der Stein zischte durch die Luft und oje, er verfehlte nur knapp sein Ziel. Dinodas war in Begriff einen Siegesschrei auszustoßen, als Unerwartetes geschah. Gerade als das Geschoss an einem dicken Ast abprallte, geriet der letzte Spatz in seine Nähe. Der Stein prallte als Querschläger ab, jagte durch die Luft und traf im nächsten Augenblick den verbliebenen Ballon. Unter Freudeschreien der Versammelten zerplatzte er.

Der Bockländer schrie zornig auf, doch es ging im Jubel der auenländischen Gäste unter. Alles sprang von den Bänken auf und plötzlich sah sich der erschöpfte Todo von applaudierenden Landsleuten umringt. Während Dinodas sich die Haare raufte, wurde sein siegreicher Kontrahent hoch gehoben und auf Händen getragen, Das Auenland hatte einen neuen Champion. Obwohl Merimac und seine Sippe zuerst entsetzt und stumm da gesessen hatten, erhoben auch sie sich nun und klatschten Beifall. Es dauerte eine Weile bis man sich wieder gefangen hatte. Mann stellte den Sieger wieder auf seine Beine und nahm auf den Bänken Platz. Ebrahim Tuk, der Thain vom Auenland, trat an einen kleinen Tisch auf dem sich die Trophäe befand. Diese war noch unter einem Tuch verborgen, welches nun entfernt wurde. Alle Blicke richteten sich auf dem Gegenstand, der auf ihm lag. Ein Raunen ging durch die Reihen der Zuschauer. Es war ein sichelförmiger Gegenstand aus massivem dunklem Holz. Er war mit allerlei auenländischen Ornamenten verziert. Wir nennen es einen Bumerang mit glatt geschliffener Oberfläche. Man wartete gespannt auf die Erklärung des Thains, die er auch umgehend gab.
"Meine lieben Landsleute! Ich habe selten so einen aufregenden Wettbewerb wie den in diesem Jahr erlebt. Und ich denke mal, dass euch allen nicht anders ergangen ist wie mir selbst. " Er erntete allgemeines Kopfnicken unter den zahlreichen Gästen. Dann winkte er den jungen Sieger zu sich. "Du mein lieber Junge hast dich tapfer geschlagen. Meinen Respekt! Nun will ich dir und unsren anderen Gästen verraten, um was es sich bei der diesjährigen Trophäe handelt. Auch wenn sie recht unscheinbar aussieht, handelt es sich um einen besonderen Gegenstand der sich seit Generationen in unserem Besitz befindet. Und wir haben uns schließlich dafür entschieden, ihn dem Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs zu überlassen. Ich möchte nun dir, Todo Braunlock, dem Sieger, diesen Gegenstand anvertrauen. Ich glaube, dass er bei dir am Besten aufgehoben ist. Diese Trophäe, die vor mir liegt, trägt den anmutenden Namen Elbensichel." Manch Zuschauer konnte sich bei Erwähnung dieses Wortes ein leises Kichern nicht verkneifen. Zwar war den Hobbits das Werkzeug Sichel ein Begriff, doch dieses im Zusammenhang mit dem Wort Elben zu hören, war doch belustigend. Auch der junge Braunlock wusste zunächst mit diesem Begriff nichts anzufangen.

Daher wollte er es genau wissen. "Elbensichel? Was ist das?", fragte er den Thain verwundert. Ebrahim Tuk deutete auf die Trophae.
"Dazu vielleicht zunächst eine kleine Geschichte. Einer unser Vorfahren, der werte Salazar Tuk, suchte nach einem neuen Spielzeug für seine Kleinen, da die schon Vorhandenen ausgedient hatten. Natürlich musste es aus Holz hergestellt sein. Er wandte sich an einen geschickten Handwerker im Umgang mit Holz in Buckelstadt und bat ihn ein Solches herzustellen. Dieser tat wie gewünscht und überreichte eines Tages meinen Ahnherren diesen Gegenstand für dessen Kinder. Dabei wies er meinen Vorfahren daraufhin, dass es sich dabei um ein Wurfobjekt handelte und wie es zu benutzen war. Natürlich probierte Salazar es sicherheitshalber zunächst zusammen mit einem Verwandten aus. Ahnungslos wie er war, warf er es seinem Gegenüber zu. Zu beider Erstaunen verwandelte es sich in ein umherwirbelndes Etwas, dessen Geschwindigkeit einem Elbenpfeil gleich kam. Nachdem es einen großen Kreis beschrieben hatte, kehrte es zu beider Überraschung zurück. Es war aber so blitzschnell, dass der Spielpartner nicht rechtzeitig in Deckung gehen konnte. So traf es anders als gewünscht, den Verwandten am Kopf. Dieser ging mit einem Schmerzensschrei in die Knie und war für Stunden ohnmächtig." Zahlreiche Ausrufe des Erschreckens waren bei diesen Worten aus den Reihen der Zuhörer zu vernehmen. "Keine Angst, liebe Leute! Der Verwandte hat es glücklicher Weise unbeschadet überstanden", winkte Ebrahim beruhigend ab. "Trotzdem hat es Salazar aufgrund dieses Ereignisses unterlassen, dieses "Spielzeug" seinen Kindern auszuhändigen. Andererseits erkannte er zugleich den Wert der "Elbensichel", wie er sie umgehend namentlich taufte. Und zwar ihren Wert als ein hervorragendes Verteidigungsinstrument im Nahkampf. Sie ist zwar nicht tödlich aber kann ein Gegenüber durchaus außer Gefecht setzen."

Nach dieser Erklärung sahen die Anwesenden den unscheinbaren Gegenstand nun in einem ganz anderen Licht. Nicht anders erging es dem jungen Gewinner des Wettbewerbs, der näher getreten war um die Trophäe genau in Augenschein zu nehmen.
"Nimm sie in die Hand und probiere sie aus!", wurde Todo aufgefordert.
"Die Elbensichel gehört jetzt dir! Sie könnte dir in brenzligen Situationen eine große Hilfe sein. Aber setzte sie weise und mit Bedacht ein.", fügte der Thain ergänzend hinzu. Der Hobbit folgte der Aufforderung und nahm den Gegenstand in die Hand. Dieser wog recht leicht in seiner Hand. Todo drehte und wendete den Bumerang, betrachtete sie aus allen Blickwinkeln. Dann wandte er sich um und durchsuchte die Umgebung nach einem möglichen Ziel. Dabei fiel ihm noch eine Zielscheibe ins Auge, die noch unbeschadet da stand. Er fixierte sie mit dem Bumerang, holte weit aus und warf. Pfeilschnell wirbelte dieser, sich um die eigene Achse drehenden, durch die Luft, beschrieb ein Halbkreis und kehrte zurück. Dabei durchschlug er die Holzscheibe und kehrte in Todos Hand zurück. Die Beobachter saßen mit großen Augen und offenen Mündern da. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Abschließend hielt der Junge stolz und lächelnd den Bumerang in die Höhe.

Zur Kapitelübersicht

XXVIII. Der Vorposten

Dunkle Wolken sind am Himmel aufgezogen. Selbst die Sonne versteckte sich an diesem Nachmittag hinter ihnen. Es schien, als wollt sie ihr Antlitz vor dem Unheil verbergen, das soeben herauf zog. Das neue Unheil näherte sich aus Richtung des großen Flusses und zog in Richtung des kleinen befestigten Vorposten Aceloth. Er lag im südlichen Ithilien, wenige Meilen vom Fluss Poros entfernt. Der gut befestigte Vorposten war einst von Armeledur, dem Vater des jetzigen Königs, errichtet worden. Die Anlage wurde von einem massiven Verteidigungswall umschlossen. Mehrere Verteidigungstürme gab es ebenfalls. Von ihren runden Plattformen aus hatte man bei gutem Wetter einen guten Blick zu allen Seiten. An ihren Fahnenmasten hingen die Weißen Banner Gondors. Um den Vorposten herum war ein tiefer, künstlich ausgehobener Graben angelegt worden. Das Innere der Anlage bestand aus mehreren kleinen Gebäuden sowie Ställen für die Pferde. Eine große Waffenkammer und Vorratskammern waren ebenfalls vorhanden. So ließ es sich hier bei einer möglichen Belagerung längere Zeit aushalten. Und eine Solche stand nun Talith und seinen Männern bevor. Die verlorene Schlacht am Fluss Poros war erst nur der Vorgeschmack gewesen, auf das, was dem alten Königreich zukam. In ihm hatten sich nun die übrig gebliebenen Streitkräfte Gondors zurückgezogen und erwarteten den erneuten Ansturm des Feindes. Sie hatten ihre Stellungen am Ufer des Flusses, angesichts der ungewohnt heftigen Angriffe aus dem Süden, nicht mehr halten können. Nun hatten sie sich hinter den schützenden Gräben der Befestigungsanlage verbarrikadiert. Der jetzige Befehlshaber der königlichen Truppen war Talith, der auch gleichsam als Statthalter von Minas Tirith fungierte. Ihn, ein Angehöriger einer namhaften Familie aus Gondor, hatte Esrildur hierher entsandt. Gerade schritt er die Wehrmauer ab und musterte besorgt sein Gefolge. Dabei entgingen ihm die müden, erschöpft wirkenden Gesichter seiner Männer nicht. Er selbst blickte derweil nicht minder nervös nach Norden.

Inzwischen hatte auch die feindliche Streitmacht den Fluss überquert und war wenige Meilen vor dem Vorposten zum Stillstand gekommen. Auch deren Anführer el Drakim inspizierte gerade seine Truppen. Dabei war er besonders auf die Einheit seines eigenen Volkes stolz. Furchtlose Krieger, die Meister der Bogenkunst waren und auch den Tod nicht fürchteten. In ihrer Fähigkeit mit dem Bogen umzugehen, unterschieden sie sich nur wenig von denen der einstigen Elben von Mittelerde. Zudem lehrten sie mittels ihres nahezu perfekten Umgangs mit Krummschwertern jeglichen Widersachern das Fürchten. Auf ihre bedingungslose Loyalität ihm gegenüber konnte sich Aghanir verlassen. Mit ihrer Hilfe wollte er sich nach der Einnahme des Vorpostens die widerspenstigen Korsaren von Umbar vor knöpfen, denn er hatte die schroffe Abweisung durch deren Führer Teclin?th nicht vergessen. Dieses Vorhaben aber musste zunächst warten. Zuerst wollte er Gondors erstes Bollwerk einnehmen, dann würde sich das Andere sicher wie von selbst erledigen. Denn wer Gondors Streitmacht erfolgreich überrannte, dem würde auch kein anderes Volk mehr Widerstand leisten. Als Nächstes ritt er die Reihen der Truppen der verbündeten Haradrim ab. Dabei empfand er insbesondere deren neuartige Reittiere sehr imposant , die regelrechten Rammbögen glichen. Diese hatten die Südländer nach dem Aussterben der großen Murmakils gezüchtet und eigneten sich nicht nur hervorragend für den Ritt durch die Wüste. Zufrieden kehrte El Drakim zu seinen Landsleuten zurück. Während er die ferne Festung Aceloth mit seinem verschlagenen Blick ins Visier nahm, dachte er an die Worte seines unheimlichen Gönners. Dieser hatte ihm verkündet, dass die Tage Gondors bald gezählt sein würden. Zwar sei das Zeitalter der Menschen angebrochen, doch galt es nicht für das alte Königreich. Vielmehr würde es das Zeitalter der Südländer werden, deren Chance gekommen war, sich für ein und allemal aus der Knechtschaft der arroganten Nachkommen der Dunedain zu befreien. Dieser Vorstellung, nicht nur der König des eigenen Volkes sein zu können, hatte den Machtbesessenen Khandrim beflügelt und zum Diener des unheimlichen Fremden Talarin werden lassen. Dieser hatte ihn überzeugt, nicht länger zu zögern, sondern umgehend den Angriff auszuführen. Zu diesem Zwecken hatte man Gondors Aufmerksamkeit auf einen anderen Ort gelenk, wodurch Truppen des Königs anderorts gebunden worden waren. Bis der erforderliche Nachschub in Aceloth eintraf, war es sicher bereits gefallen. Davon war Talarin, sein Herr, überzeugt gewesen. El Drakim schob die Gedanken beseite und konzentrierte sich wieder auf das bevorstehende Ereignis. Als er schließlich den Zeitpunkt gekommen sah, gab er das Signal für den Aufbruch.

Auch im Vorposten war man im Begriff alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Mit der unerwarteten Widerstandsfähigkeit des Feindes hatte Talith nicht gerechnet. Dabei fürchtete er sich aber weniger um sich, als um so mehr um seine Soldaten. Die letzten Kampfhandlungen waren zermürbend gewesen und hatten erheblich an der Kampfmoral seiner Männer gezerrt. Ihn hatte Esrildur mit der Führung seiner Streitkräfte in Süd Ithilien betraut. Es war eine sehr verantwortliche und ebenso schwere Bürde. Er war sich dieser Verantwortung durchaus bewusst und unternahm alle Möglichkeiten, den Feind von den Grenzen des Landes fernzuhalten. Angesichts der neuen überraschenden Angriffswelle nützen ihm aber seine hervorragenden Fähigkeiten alleine nichts, wenn nicht bald Nachschub eintreffen würde. Das war auch der Grund, warum er Tagein, Tagaus nach Norden Ausschau hielt. Er erwartete einen Boten aus Minas Tirith. Dieser, so hoffte er, würde mit Kund von anrückenden Nachschub kommen. Diesen brauchte man dringend, um den Vorposten weiterhin halten zu können. Talith versuchte inzwischen seine Soldaten bei Laune zu halten. Er beschwor ihren Kampfeswillen trotz der misslichen Lagen, in der sie sich befanden. Während viele Männer schweigsam bei aneinander saßen, waren andere dabei den umgebenen Graben mit Öl auszufüllen. Dieses würde man im Verteidigungsfall entzünden, um den Gegner aufzuhalten. Außerdem wurden Fässer mit heißem Pech an verschiedene Stellen auf die Wehrmauer postiert Plötzlich bemerkte Talith den einsamen Reiter, der sich dem Vorposten näherte. Erleichterung machte sich auf seinem Gesicht breit. Auch die anderen Soldaten vernahmen die Ankunft des Reiters und schöpften neue Hoffnung. Als dieser die Mauern erreichte, wurde sofort das Tor geöffnet und der Fremde eingelassen Der Statthalter eilte zügig herab, um den Ankömmling zu empfangen. Zu seiner Verwunderung handelte es sich bei dem Fremden nicht um einen Kurier des Königs. Vielmehr erblickten die Anwesenden zu ihrem Erstaunen den Sohn des Königs höchst persönlich. Er stieg derweil gerade von seinem Pferd und schritt Talith entgegen. Mit einer freundschaftlichen Geste begrüßten die Beiden sich.
"Seid gegrüßt, Talith! Ich komme mit Botschaft von meinem Vater in diesen düsteren Tagen. Wie ich vor meiner Ankunft festgestellt habe, hat unser Feind eine große Streitmacht aufgestellt." Inzwischen hatten sich auch einige Soldaten um die Beiden versammelt und blickten diesen gespannt an.
"Ja, das ist wahr. Unsere Widersacher sind stärker als ich zunächst angenommen habe." erwiderte der Befehlshaber besorgt. Esrilmir blickte in die gespannten Gesichter der Umherstehenden.
"Hm, wir sollten drinnen weiter sprechen, Talith!". Den übrigen Anwesenden war nach dieser Aufforderung die Enttäuschung anzumerken.
"Wie Ihr wollt. Folgt mir!" wurde der Königsohn aufgefordert. Talith wies mit der rechten Hand auf ein kleines Gebäude innerhalb des großen Hofes. So ließen die Beiden die anderen Männer stehen und betraten gemeinsam den schlichten Empfangssaal. Nachdem die Tür geschlossen war, berichtete Esrilmir.
"Tut mir leid, dass ich solch Geheimnis daraus mache, aber die Nachricht sollst du zuerst erfahren." Der Statthalter war gespannt und stellte jene Frage, die ihm unter den Nägel brannte.
"Aber nun berichtet mir endlich. Was ist mit dem Nachschub an Soldaten, den ich angefordert habe?" Das Gesicht seines Gegenübers verdunkelte sich daraufhin, was auf nicht Erfreuliches schließen ließ.
"Tut mir Leid, Talith, aber bis die Verstärkung eintrifft, müssen wir uns noch etwas gedulden!" Der Angesprochene verzog während dieser Antwort ärgerlich sein Gesicht.
"Was soll das bitte schön heißen? Doch nicht etwa, dass man uns nicht zur Hilfe kommen wird?" Esrilmir schüttelte entschieden den Kopf.
"So ist das nicht, werter Talith. Aber unvorhergesehene Ereignisse anderer Orts haben dazu geführt, dass unsere Soldaten anders als ursprünglich vorgesehen nicht rechtzeitig hier eintreffen werden. Mein Vater und ich bedauern dies sehr, aber unsre Hilfe wurde auch im Auenland benötigt."

Anschließend erzählte er alle Neuigkeiten. Man hatte ersatzweise Truppen aus Dol Amroth angefordert. Dessen Statthalter hatte auch sofort zugesagt. Dennoch würde es etwas länger dauern, bis dessen Armee vor Ort eintraf. Talith hörte schweigend zu. Er wirkte zwar nach außen sehr ruhig, war innerlich aber sehr angespannt. Diese Informationen waren alles andere als gut. Schließlich beendet der Königssohn seinen Bericht und blickte anschließend sein Gegenüber mitfühlend an.
"Ich bin untröstlich dir keine angenehmeren Dinge berichten zu können. Trotzdem hat mich mein Vater gebeten, dich und deine Männer hier zu unterstützen. Einen Wunsch dem ich gerne nachgekommen bin. Was wirst du nun tun?", fragte Esrilmir neugierig. Der Angesprochenen ließ nicht lange mit einer Antwort auf sich warten.
"Was ich beabsichtige zu tun? Ich werde tun, was ein König von seinem Heerführer erwartet. Diese Stellung hier bis zum letzten Mann zu verteidigen "

Esrilmir wollte etwas erwidern, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und einer der Soldaten hereinstürmte. Man sah den Mann zuerst missbilligend an. Ein Blick in dessen Gesicht aber sagte ihnen, dass etwas passiert war.
"Meine Herren! Die feindliche Streitmacht nähert sich dem Vorposten!" In diesem Moment schwand beiden Männern die Hoffnung, einen erneuten Kampf vor Eintreffen der Unterstützung aus Dol Amroth vermeiden zu können. Umgehend eilten sie nach draußen. Dort erwarteten sie die immer noch da stehenden neugierigen Männer. Doch statt ihnen eine Erklärung zu geben, befahl Talith die Wehrmauer zu besetzen: Dann folgten er und Esrildurs Sohn selbst hinauf um sich einen Überblick zu verschaffen. Oben angelangt, genügte ihnen ein Blick gen Süden um die Situation richtig einzuschätzen. Tatsächlich hatte sich das feindliche Heer inzwischen in Gang gesetzt und marschierte auf den Vorposten zu. Dabei hatte sich der Gegner sich neu aufgestellt, wie beide Männer rasch feststellten. An der Spitze näherte sich eine Infanterie aus rekrutierten Söldnern. Dahinter folgten die Kavallerie aus Harads und Khandrim, den gefährlichen Bogenschützen aus der Wüste. Eine gefährliche Mischung, geführt von einem noch gefährlicheren Mann namens Aghanir el Drakim, ihrem Anführer wohlgemerkt. Noch hatten die beiden Söhne Gondors mit ihm bisher keine persönliche Bekanntschaft gemacht. Doch brannten sie darauf, diesen Mann zwischen die Finger zu kriegen und zur Revanche zu fordern. Wer, zum Teufel, fragten sie sich, war dieser Mensch, der es fertig brachte, es mit dem Königreich Gondors aufzunehmen.

Plötzlich löste sich ein Reiter aus der Menge heraus und näherte sich der Mauer. Talith und Esrilmir bemerkten den seltsam anmutenden Mann und unterbrachen ihre Unterredung. Der seltsame Ankömmling stoppte sein Pferd dicht vor der Wehrmauer. Die beiden Männer musterten den Fremden von Kopf bis Fuß herab, dessen Bekleidung etwas befremdlich wirkte. Viel vom Gesicht des Mannes sah man nicht, da dieses hinter einer Adlermaske verborgen war. Ansonsten gehüllt in eine schwarze robuste Rüstung hockte dieser unbeweglich auf seinem schwarzen Hengst. Die Rivalen fixierten sich gegenseitig mit ihren Augen und tauschten abschätzige Blicke aus. In Agahnirs Augen spiegelten sich Arglist und Tücke wieder, was seinen Widersachern auf der Mauer Unbehagen bereitete. Minutenlang starrten sich die ungleichen Menschen schweigend an. Es war zunächst Esrilmir, der das Schweigen brach.
"Wer seid Ihr?", rief er von der Mauer herab. Der Angesprochene ließ sich einen Augenblick Zeit für die Antwort.
"Könnt Ihr Euch das nicht denken, Mann aus Gondor?", erwiderte der Fremde.
"Dann seid Ihr also dieser Aghanir el Drakim aus Khand.", mutmaßte der Thronerbe. Der Fremde bestätigte dies mit einem Nicken.
"Und was wollt Ihr hier?", fragte er noch. Sein Rivale entlockte diesem einen leisen Lachen.
"Das solltet Ihr ebenfalls wissen, oder?" Er machte eine Sprechpause, dann meinte er in einem Anflug von Spott. "Ich sage es mal so: Die Herrschaft über Gondor mitsamt seinem Besitz, dies ist mein Begehr." Die Beiden auf der Mauer glaubten ihren Ohren nicht zu trauen.
"Dann lasst Euch Folgendes gesagt sein. Niemals wird sich Gondor vor ein paar lauisgen Südländern wie euch beugen. Geht zurück in Eure trostlose Wüste, woher Ihr stammt. So wahr ich, Esrildurs Sohn, hier stehe. Diese Veste wird niemals fallen.", rief Ersilmir dem Reiter zu. Aghanir fand die Bemerkung so lustig, dass es ihn dazu veranlasste, in ein Gelächter auszubrechen.

Talith und Esrilmir hatten keine Lust mehr, sich weiter provozieren zu lassen. Daher wandten sie sich ab und erteilten stattdessen weiter Befehle an ihre Männer. Bogenschützen bezogen rings um die Wehrmauer Stellung. Fackeln wurden entzündet, um aus den gewöhnlichen Pfeilen später feurige Geschosse zu machen. Diese würden nicht nur das Öl im Graben entflammen. Die wenigen Katapulte, über die man verfügte, wurden über Rampen auf die Mauer gezogen. Anschließend belud man sie mit schweren Steinen. Die nächsten Stunden voller Arbeit für die Männer Gondors vergingen, während sich das feindliche Heer den Vorposten näherte. Schließlich hatte es sein Ziel erreicht und kam vor der Mauer zum Stillstand. Talith betrachtete die Reihen des Gegners, der ebenfalls einige Belagerungsmaschinen herbei geschafft hatte. Eine gespenstische Ruhe kehrte ein. Der Heerführer schritt die Reihen seiner Männer ab. Er nahm deren zunehmende Furcht wahr. Er wusste, dass es nun an ihm lag, die letzten Reserven in ihnen zu mobilisieren Auf eine rechtzeitig eintreffende Unterstützung aus Dol Amroth dachten beide in diesen verzweifelten Stunden nicht mehr. Nach dem Rundgang nahmen sie wieder ihre Position ein und Talith hielt eine kurze Rede an seinen Männern.
"Ihr Männer Gondors! Der Moment der Entscheidung ist gekommen. Wir können derzeit nicht mit Hilfe rechnen, also liegt es an allein in unserer Hand. Ob diese Veste fällt oder ob sie dem feindlichen Ansturm standhalten wird. Trotzdem aber lasst die Hoffnung nicht fahren, sondern als Sturm gegen die Mauer des Feindes branden. Beweist, dass wir die Menschen Gondors zu allen Zeiten würdige Beschützer der freien Völker Mittelerdes waren und noch immer sind. Also Männer, kämpft für das Land und unseren König!"

Nachdem der Statthalter geendet hatte, tat sich zunächst noch nichts. Noch immer saß der feindliche Anführer unbeeindruckt auf seinem Pferd wenige Meter vor dem Tor und machte zunächst keine Anstalten zu seinen Einheiten zurückzukehren. Er sah herauf und grinste spöttisch.
"Gut gesprochen. Herr Befehlshaber!" klang es abschätzig aus seinem Munde Sein schwarzes Tier scharrte derweil unruhig mit den Hufen und blähte demonstrativ die Nüstern auf. Es wäre jetzt sicherlich das Leichtestes für Gondors Männer gewesen, Aghanir in seiner jetzigen ungeschützten Position abzuschießen. Doch ihr Respekt selbst vor dem Feind verbot ihnen dieses feige Vorgehen. Außerdem wartete dieser sicherlich auf solch eine Tat, um es als Vorwand zum Angriff zu nutzen. Diesen Gefallen wollte man ihnen aber nicht tun. So wartete man gespannt darauf was der Rivale nun tat. Dieser gab nun dem Ross die Sporen und jagte zu seinen versammelten Einheiten zurück. Wenige Minuten danach erschallten die Kriegshörner. Es war wohl das Angriffssignal, denn die Vorhut des feindlichen Heeres setzte sich umgehend in Bewegung. Es war das Fußvolk der Söldner, die mit Speeren oder Schwertern bewaffnet auf den Vorposten zu marschierte. Ihr Marsch wurde von der Musik von Trommeln und den Hörnern der Haradrim im Hintergrund begleitet. Zugleich feuerten sich die Männer des Feindes durch lautes Johlen und Brüllen ihrerseits an. Die Männer Gondors wirkten für einen Moment eingeschüchtert, angesichts dieses imposanten Aufmarsches des Gegners. Dann befahl man die Hörner Gondors erschallen zu lassen. Als diese ertönten schien es die Soldaten aufzumuntern und sie rückten demonstrativ zusammen. Inzwischen näherten sich die ersten Söldner der Mauer. Sie trugen schwere lange Leitern mit sich, um damit die Wehrmauer zu überwinden. Die anderen Verbände, bestehend aus Harads und Khandrim blieben zunächst untätig auf ihrer Posten. Als die Söldner endlich in Reichweite der Pfeile gerieten, gab Talith seinen Männern das Signal.
"Entzündet die Pfeile, Männer!", befahl er den versammelten Bogenschützen um sich herum. Diese taten wie ihnen geheißen und Sekunden später waren unzählige flackernde Lichter entflammt. Soeben richtete der Feind seine ersten Leitern auf. Zugleich erteilte Esrilmir den Befehl zum Abschuss und plötzlich regneten Hunderte von entflammten Pfeilen auf die Gegner ein. Ein Dutzend Söldner wurden sofort von ihnen erwischt. Entweder gingen sie gleich tödlich getroffen zu Boden oder standen plötzlich in Flammen und rannten schreiend in ihrer brennenden Kleidung davon. Dabei irrten sie wild um sich schlagend übers Schlachtfeld in Richtung des Flusses. Für einen Moment machte dieser Anblick betroffen. Schließlich waren es Menschen wie die Männer Gondors. Im nächsten Moment aber besannen sie sich jedoch. Es handelte es sich ja hier um Feinde, die selbst auch keine Gnade walten lassen würden.

Wieder jagt eine Salve von Pfeilen von der Mauer herab auf die heran stürmenden Söldner, die nun damit beschäftigt waren ihre Leitern an der Mauer aufzurichten. Doch zunächst scheiterte dieses Vorhaben und die Verteidiger behielten so vorerst die Oberhand. Die bereits aufgerichteten Leitern wurden einfach umgestoßen. Die sich hoch hangelnden Feinde purzelten herab und fielen über einander. Dabei schossen Gondors Bogenschützen ohne Unterbrechung. Zahllose Söldner erlitten dabei den Tod. Talith beobachtete die Situation und war selbst etwas erstaunt angesichts dieses ersten Erfolges. Eigentlich hatte er mit mehr Widerstand durch den Feind gerechnet. Neue Hoffnung keimte angesichts dieses ersten Niederlage des Feindes unter den Männern Gondors auf. Sie bejubelten lautstark ihren eigenen Zwischensiegs und ermutigten sich so selbst. El Drakims wilde Horde zu unterschätzen, wäre jedoch Leichtsinn gewesen. Das war den Heerführern durchaus bewusst. Daher brachen sie anders als ihre Männer nicht in Freudentaumel aus. Da sie deren Motivation aber nicht dämpfen wollten, vermied man jegliche laute Äußerung von Skepsis. So erwartete man die Reaktion des feindlichen Heerführers. Die ließ nicht lange auf sich warten. Aghanir ließ seine Belagerungsgeräte, bestehend aus Skorpionen und Ornaghs, in Stellung bringen. Die Geräte wurden schnell von Männern der Haradrim mit ihrer tödlichen Fracht beladen. Auf Befehl des Anführers wurden diese in Richtung Vorposten befördert. Kurze Zeit darauf sahen die Soldaten Gondors mächtigen Steinen auf sich niedergehen. Während das Mauerwerk von schweren Steinbrocken getroffen wurde, prasselten indes die Geschosse auf die Köpfe der Soldaten nieder. In den Lärm von donnernden Einschlägen in das Mauerwerk, mischten sich nun plötzlich die Schreie der Männer. Gegenüber dem Bewurf mit diesen scheußlichen Waffen hatten die Verteidiger zunächst nichts entgegenzusetzen. Hilflos mussten Esrilmir und Talith mit ansehen, wie ihre zahllosen Bogenschützen und Soldaten unter dieser zweiten Angriffswelle des Feindes zu Boden gingen und sich nicht mehr erhoben. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als vorerst die anderen Männer zu deren eigenen Schutz von der Mauer abzuziehen. Das war natürlich mit der Gefahr verbunden, dass die Söldner am Boden nun die Chance bekamen, den Mauerwall zu erklimmen. Um diese Gefahr zu minimieren, musste es den Verteidiger zunächst gelingen, die feindlichen Belagerungswaffen auszuschalten. Zeit für die Trauer über die verlorenen Männer blieb ihnen nicht. Sie mussten schnell eine Einscheidung treffen und entschlossen sich ebenfalls die eigenen Katapulte einzusetzen.
"An die Katapulte, Männer! ", brüllte er den Soldaten zu, die umgehend zu den Maschinen eilten und diese mit Steinen beluden. Minuten später war alles bereit. "Feuer! ", erfolgte der Befehl, dann verließen die schweren Geschosse die Katapulte. Talith verfolgte ihren rasanten Flug durch die Luft. Die abgefeuerten Geschosse zerstörten zu seiner Genugtuung einen Teil der feindlichen Kampfgeräte. Doch auch die Eigenen erlitten durch den feindlichen Beschuss nach und nach schweren Schaden. Währenddessen war das Fußvolk der Söldner nicht untätig geblieben, hat seine Chance dank der Ablenkung genutzt. Etliche Leitern hatten sie aufgerichtet und erklommen nun den Wall. Ihre erste Vorhut erschien auf der Mauer, so dass Gondors Soldaten zu den Schwertern greifen mussten. Sie warfen sich mutig den herab springenden Söldner entgegen. Schwerter klirrten aufeinander und zugleich herrschte ein heftiger Tumult. Ein Kampf Mann gegen Mann entbrannte.

Inzwischen stand Esrilmir etwas abseits auf der Mauer, als er plötzlich den Lärm von Hörnern vernahm. Er sah hinüber zu den feindlichen Einheiten und sein Gesicht verblasste. Zu seinem Erschrecken setzten sich nämlich gerade weitere Kavallerie des Gegners in Bewegung, um ihrer Vorhut zur Hilfe zu eilen. Der Boden vibrierte leicht unter den zahlreichen Tritten der Tiere, was selbst er unter seinen Füßen spüren konnte. Auf ihren Rücken standen nicht nur die Männer sondern auch Männer der Khandrims mit gespannten Bögen. Esrilmir überlegte rasch. Diese Wesen und ihre Bemannung durften auf keinen Fall die Wehrmauer erreichen, denn die Khandrims würden seine Männer wie Fliegen abschießen. Er blickte herab zur Einheit der Reitern, die sich im Hof versammelt hatte und auf ihren Einsatz wartete. Obwohl dem Königssohn nicht wohl bei dem Gedanken war, blieb ihm nichts anderes übrig als ihren Ausritt anzuordnen. So gab er den Anführer der berittenen Einheit den entsprechenden Befehl, auszurücken. Die Männer am Tor öffneten dies kurz und die Gruppe preschte zum Tor hinaus. Umgehend eilte Esrilmir zurück zum Mauerrand und blickte seiner Einheit hinterher, die dem Feind entgegen ritt. Es waren nicht mehr als 1000 Mann, die sich den feindlichen Linien näherten. Derweil ertönten die Kriegshörner der Harads und ihrer Verbündeten und leiteten den Kampf ein.

Sethel und seiner Reiterstaffel nahmen Aufstellung und verharrten zunächst ruhig und gelassen auf ihren Tieren. Das änderte sich aber rasch. Gondors Männer bekamen plötzlich große Augen als sie die Reitkreaturen der Feinde aus der Nähe erblickten. Diese Geschöpfe überragten die Eigenen und glichen ihrem Aussehen nach wilden braunen Keilern mit gewaltigen Stoßzähnen, die nach oben geborgen waren. Obwohl sie plump wirkten, bewegten sie sich nicht minder schnell und flink. Auf ihnen saßen mehrere feindliche Schützen, die ihre Widersacher ins Visier nahmen. Im nächsten Moment entbrannte der Kampf. Zunächst gelang es den Harads dank ihrer neu gezüchteten Geschöpfe die Oberhand zu gewinnen. Diese fegten die Reiter samt den Pferden wie Schneebälle durch die Luft oder überrannten sie einfach. Sethel ließ sich trotz der Verluste nicht ins Bockshorn jagen. Er wies seine Einheit an, sich zu verteilen und die Reitkreaturen direkt anzugreifen. Ein Teil der Reiter beschoss mit ihren Bögen den Feind auf den Rücken der Tiere und holte so Dutzende von jenen herunter. Ein weiterer Teil ging dazu über, mit ihren Schwertern gezielt die kurzen aber kräftigen Beine der Tiere zu attackieren. Während die Reiter den zermalmenden Beinen der Tiere geschickt auswichen, hieben sie immer wieder zu. Das taten sie solange bis die ersten Kreaturen mitsamt Besatzung zu Boden gingen. Nicht nur sie jubelten über den Erfolg. Auch Talith und Esrilmir atmeten erleichtert auf und hofften inbrünstig, dass sich dieser Erfolg fortsetzte. Doch nun griffen die tückischen Khandrim ein und lehrten ihre Feinde mittels ihrer gefürchteten Bogenkunst das Fürchten. Vom Rücken der Pferde aus nahmen sie die Einheit der Reiter in die Zange und feuerten wahre Pfeilsalven auf ihre Gegner ab. So dezimierten sie mehr und mehr die berittenen Soldaten um Sethel. Auf der Mauer des Vorpostens nahm man das mit Erschrecken zu Kenntnis. Zeitgleich wurde die Aufmerksamkeit plötzlich auf ein neuerliches Geschehen vor dem Tor des Vorpostens gelenkt. Talith vernahm plötzlich dumpfe Schläge gegen das massive Außentor des Vorpostens.
Gleichzeitig hörte er einen Soldaten ihm zurufen: "Herr! Seht dort unten!" Der Befehlshaber eilte zum Mauerrand. Ein Blick genügte, um das neue Unheil zu erkennen, das sich aufbraute. Der Gegner hatte inzwischen eine Art Holzbrücke über den Graben geworfen und befestigt. Ein Dutzend feindlicher Männer hatten sich dort versammelt mitsamt einem Rammbock, den sie soeben wuchtig gegen das Tor stießen. Dieses hielt zwar sicherlich Einiges aus, aber ewig konnte es dem Druck nicht standhalten.

Inzwischen dauerte die Schlacht schon einigen Stunden an. Vom Nachschub aus Dol Amroth war weit und breit nichts zu sehen. Die anhaltenden Schläge erschütternden derweil immer noch das Haupttor. Talith dachte einen Moment nach, dann fielen ihm die Fässer mit heißem Pech ein, über die sie noch verfügten.
"Fearan! Du und einige Männer, schafft schnell die Behälter mit dem Pech zum Mauervorsprung über dem Haupttor. Rasch!", rief der Heerführer einem Soldaten zu. Dieser verstand sofort und rief seinerseits eilig ein paar Männer zusammen. Er und sie begannen die Fässer an erwähnten Platz zu schaffen. Derweil gelang es mehr und mehr Söldnern die Mauer zu erklimmen und den tapferen Verteidiger von Aceloth arg zu zusetzen. Während die Fässer mit Pech zum vereinbarten Ort geschafft wurden, griff Esrilmir als Unterstützung selbst zum Schwert und mischte sich in die Menge der Kämpfenden. So hoffte er den Feind eine Weile ablenken zu können, um sein Vorhaben zum Erfolg zu verhelfen.
Während er sich auf die Eindringlinge zu bewegte, brüllte er den Soldaten zu: "Gebt mir Rückendeckung, Männer!". Als ein geschickter Schwertkämpfer stürmte er mit wirbelnder Klinge auf die Gegner zu. Dabei wich er flink den feindlichen Hieben aus und holte die ersten Söldner von den Beinen. "Das ist für Gondor! ", brüllte er einem weiteren Gegner zu. Er holte weit mit seiner Waffe aus und schlug zu. Nach und nach beförderte er somit einen Gegner nach dem Anderen ins Jenseits. Sein Zorn war groß und verlieh ihm enormen Widerstandswillen. Die Söldner waren verblüfft und wichen erschrocken vor dem wütenden Krieger zurück. Er kämpfte wie ein Berserker, ohne Rücksicht auf sich selbst zu nehmen. Er wusste was von ihm und seinen Soldaten abhing. Was geschehen würde, wenn sie scheiterten. Würde der Vorposten Aghanir in die Hände fallen, wären die relativ dicht besiedelten Siedlungen Gondors ihn schutzlos ausgeliefert. Auf weiter Flur wäre der neue Feind mit Hilfe seiner neuen Reittiere und berittenen Bogenschützen gegenüber den Streitkräften Gondors und ihrer Verbündeter klar im Vorteil. Soweit durfte es nicht kommen. Inzwischen hatten Talith mitsamt einigen Soldaten trotz Widerstand die Fässer zum Mauervorsprung über dem Haupttor geschafft, während unten die Feinde weiterhin mit ihrem Rammbock dem Tor zusetzen. Er beugte sich über die Mauerbrüstung, lächelte dabei siegessicher.
"Nun Männer! Schickt den Feind endlich zur Hölle! ", rief er seinen Männern zu. Diese kippten daraufhin die Fässer um und das kochende Pech ergoss sich über den Köpfen der Feinde. Schreckliche Schreie klangen von unten herauf, die aber dann rasch verstummten. Ebenso verstummten die donnernden Schläge am Tor. Der Statthalter atmete erleichtert auf und blickte dann wieder nach unten. Keiner der Gegner hatte überlebt, das konnte er sehen. Abschließend nahm er ein Fackel in die Hand und warf diese herab. Im Nu brannte die Holzbrücke lichterloh und mit ihr der Rammbock ab. Heldir drehte sich um, sah aufmunternd in die völlig entkräfteten Gesichter seiner Soldaten. Ein Blick zum restlichen Teil der Wehrmauer reichte ihm um zu erkennen, dass Esrilmir mitsamt weiteren Männern die Widersacher erfolgreich zurückgeschlagen hatten. Sie eilten auf einander zu und fielen sich freundschaftlich in die Arme. Anschließend begutachteten sie die verbliebene Einheit. Ein Blick über das Schlachtfeld sagte ihnen, dass ihrer Reiterstaffel und deren Anführer Sethel den Angreifern erlegen waren. Dieses war auch von zahllosen Körpern ihrer Feinde übersät. Sie hatten zwar diesen ersten Angriff auf Aceloth für sich entscheiden können, doch um welchen Preis? Inzwischen hatten sich auch Aghanirs verbliebene Verbände zum Fluss zurückzogen. So schnell würde er wohl nicht zu einem zweiten Schlag ausholen.

Zur Kapitelübersicht

XXIX. Die Verschwörung

Das letzte Licht der im Westen versinkenden Sonne fiel auf die Stadt, welche man im Königreich auch das "Juwel des Nordens" nannte. Sie befand sich in den Ebenen von Arnor, dem Land nördlich von Gondor. Am großen Fluss Grauflut gelegen, war sie Heimat von inzwischen 82.000 Menschen aller Rassen. Umgeben war sie von einer großen Wehrmauer, die den Ort umschloss. Drei eiserne Stadttore führten in und aus dem Ort, die jeweils von zwei runde Türmen mit Kuppeldach flankiert wurden. Mehrere Hauptstraßen und zahlreiche Nebengassen durchzogen das Areal von Dun Maroth. Links und rechts der Wege befanden sich Wohnhäuser und vielerlei Läden, in denen es so gut wie alles zu kaufen gab. Zentrum der Stadt war ein großer Platz mit einem gewaltigen Springbrunnen. Von ihm aus führte eine breite große Treppe zu einem weiteren Tor, über das zum Eingangsbereich der Residenz des Königs gelangte, der aber nur noch selten hier verweilte. So diente sie heutzutage hauptsächlich als Sitz der Statthalter von Dun Maroth. Durchschritt man das erste Tor, gelangte man über eine große breite Brücke, unter der sich der Fluss seinen Weg durch die Stadt bahnte. Ein weiteres Tor führte zu einer geräumige Parkanlage mit viel Grün und Baumbestand.

Eine große steinerne Statue auf einem Sockel bildete den Mittelpunkt der Anlage. Sie stellte das Abbild von Tar Temeacil, dem ruhmreichen Großvater des jetzigen König Esrildur dar. Er hatte zugleich einst den Grundstein für diese Stadt gelegt. An mehrenden hohen Fahnenmasten wehte auch hier das Weiße Banner Gondors. Von hier aus führte ein gut bewachtes Hauptportal in das Innern der, aus weißem Sandstein errichteten, Residenz. Es war ein sechswinkliger Kuppelbau, der von sechs kleineren Türmen flankiert wurde. Durch das Hauptportal betrat man die prunkvolle Halle, die übrigens als Wahrzeichen der Stadt galt. Sie trug den klangvollen Namen "Halle des Meneltarma".

Hier wohnte und empfing das Stadtoberhaupt Diplomaten, Gesandte oder hohe Gäste aus allen Winkeln des Königreiches. Die übrigen Bewohner lebten je nach sozialem Status in komfortablen oder weniger gut ausgestatteten Häusern. Zu ihnen zählten unter Anderem zahlreiche gutbetuchte Händler, die sich inzwischen auch zu einer einflussreiche Handelsgilde zusammen getan hatten. Führendes Mitglied der Gilde war der Ratsherr Nathaniel, der aus Lond Daer stammte und zugleich im "Rat der Sechs" saß. Daneben nannten auch einige adelige Familien Dun Maroth ihr Zuhause. Letztendlich gingen hier auch viele einfache Menschen wie Bäcker, Landwirte, Schneider oder Schmiede hier ihrem Handwerk nach. Regiert wurde die Stadt von Statthalter Meneldil und fünf weitere Ratsmitgliedern, die ausschließlich aus den aristokratischen Familien stammten. Seit dem Sturz des vorherigen Verwalters Telpeth hatte sich der Ort inzwischen wieder weitgehend von den Strapazen erholt. Zwar hörte man davon, dass außerhalb der Stadt noch zersprengte Anhänger der verbotenen Bruderschaft ihr Unwesen trieben, doch maßen die neuen Herren dem wenig Bedeutung bei.

Das änderte sich aber erneut, als ein mysteriöses Ereignis das Nördliche Königreich heimsuchte. Eines Tages entdeckten nämlich Fischer eine große Zahl an toten Fischen, die an die Ufer des Grauflut und umliegender Flüsse angeschwemmt wurden. Zunächst hielt man es für einmaligen bedauernswerten Zwischenfall und schenkte diesem daher keine besondere Beachtung. Wider allen Erwartungen hielt dieses mysteriöse Fischsterben jedoch an und dezimierte mehr und mehr die Bestände in den hiesigen Flüssen. Erwähnenswert war, dass der Fisch hier ein wichtiges Lebensmittel darstellte und zahlreichen Händlern der Hauptstadt ihr Auskommen sicherte. Darum traf dieser anhaltende Verlust sie umso schwerer und führte schließlich zur Aufruhr unter den Menschen des Landes.

Schnell fiel der Verdacht auf die zwielichtigen Anhänger der dunklen Bruderschaft, welche man für das Übel verantwortlich machte. Umso mehr setzten die Menschen nun ihre Hoffnung in den neuen amtierenden Statthalter Meneldil. Man hoffte, dass er mit der wieder erstarkenden Bruderschaft kurzen Prozess machen würde Doch obwohl der Statthalter ein loyaler Gefolgsmann von Esrildur war, gehörte er nicht gerade zu den taktisch klügsten Männern des Landes. Zwar entsandte er zahlreiche Soldaten in die umgebenen Gebiete um den ominösen Ordensbrüdern Herr zu werden, doch ging er dabei nicht sehr geschickt und durchdacht vor. So schlüpften seinen Männern nicht wenige dieser Schurken durch das Netz. Zu allem Übel stellten nun auch noch Staaten wie Umbar ihren Handel mit dem Nördlichen Königreich ein. Wohl aus dem Grund, dass diese vom Ausbruch einer Seuche ausgingen und um die eigenen Bestände fürchteten. So kam die Versorgung mit frischem Fisch schließlich gänzlich zum Erliegen. Das alleine wäre aber noch kein Anlass für den aufkeimenden Zorn der Menschen gewesen. Hinzu kam, dass mit Flusswasser versorgte Gemüse- und Getreidefeldern zunehmend miserable Erträge abwarfen. Alle Maßnahmen des Hohen Rates, die Krise einzudämmen, schlugen fehl.

Als Reaktion auf die Jagd nach den Anhängern der Bruderschaft folgte deren Vergeltung in Form von Entführungen und vereinzelten Überfällen auf Reisende. In dieser Situation kippte die Stimmung der Stadtbewohner um. Von einem Augenblick zum Anderen verwandelte sich das Vertrauen in Zorn über den eigenen scheinbar unfähigen Statthalter. Insbesondere die Mitglieder der Handelsgilde, die ihre Einnahmen schwinden sahen, wetterten gegen den untätigen Mann aus Gondor. Eingeschüchtert und resigniert verkroch sich Meneldil mehr und mehr in seine Residenz und ließ kaum noch Gäste ein. Das hatte die Folge, dass nicht wenige inzwischen lautstark seinen Rücktritt forderten.

Dieses Verhalten veranlasste schließlich die führenden Gildenmitglieder eine dringliche Sitzung unter Leitung des Vorsitzenden Nathaniel einzuberufen. Inzwischen hatte die Gilde auch ein neues Mitglied aufgenommen, der ebenfalls zur Zusammenkunft geladen worden war. Sein Name war Talarin, der sich vor einiger Zeit in Dun Maroth niedergelassen hatte. Womit er sein Geschäft betrieb, war nicht so ganz durchschaubar. Dennoch bedachte er die Vermögenskasse der Gilde mit üppigen Spenden, was man gern annahm. Um diese Einnahmequelle weiter sprudeln zu lassen, vermied man es ihm neugierige Fragen zu stellen. Zudem hatte er mit seinem immensen Wissen die anderen Mitglieder für sich einnehmen können. Selbst Nathaniel bedachte zunächst sein Verhandlungsgeschick mit großem Respekt. Augenfällig war nur Talarins außergewöhnliches Engagement darin, den amtierenden Statthalter zu diskreditieren. Das veranlasste den Vorsitzenden schließlich dazu, auf Distanz zu dem neuen Mann zu gehen. Allerdings hegten in diesen Tagen auch die anderen Mitglieder einen argen Missmut gegen den missliebigen Amtsträger aus Gondor. Somit stand Talarin nicht mehr als Widersacher alleine da. Soeben trafen die übrigen führenden Personen im Haus der Handelsgilde ein.

Gemeinsam begab man sich in den Sitzungsraum, wo Nathaniel und die Übrigen sie bereits erwarteten.
"Meine werten Mitglieder!", eröffnet Nathaniel die Sitzung. "Wie ihr alle wisst komme ich gerade aus dem Hohen Rat unter Vorsitz von Meneldil, dem Statthalter. Leider muss ich euch aber enttäuschen. Trotz einer langen Besprechungen haben wir keinen bedeutsamen Fortschritt darin erzielt, wie man der augenblicklichen Lage Herr werden kann." Ein breites Murren unter den Anwesenden folgte.
"Das kann doch nicht sein!", schimpfte Markolus, der Vertreter der Fischer. "Da hockt dieser Rat stundenlang zusammen und nichts kommt heraus."
Nathaniel versuchte ihn zu besänftigen."Es ist nicht so, dass gar nichts passiert, werter Markolus. Er hat schon ausreichend Soldaten in die umgebenen Gegenden entsandt um die Übeltäter zu fassen. Außerdem versuchen die örtlichen Heilkundigen seit geraumer Zeit die Ursache des Fischsterbens zu ergründen." . Diese Worte beruhigten den Vertreter aber überhaupt nicht, sondern heizten seine gereizte Stimmung vielmehr an.
"Wenn dieser Seuche und seinen Verursachern nicht bald ein Ende bereitet wird, gehen meine Fischer zugrunde. Ihr wisst, was das bedeutet." Natürlich wusste Nathaniel nur zu gut was das bedeuten würde. Trotzdem musste er als Mitglied des Hohen Rat das eigene Gremium in Schutz nehmen und seine Neutralität wahren.
"Ich bin guter Hoffnung, dass dies gelingen wird, werter Markolus. Wir müssen dem Statthalter noch eine Chance geben." Er hoffte, dass seine Worte unter die Versammelten Früchte trugen. Zumindest der Fischer schwieg zunächst.
Plötzlich meldete sich aus einer anderen Ecken der Vertreter der Landwirte sich zu Wort. "Eure Worte in Ehren, Herr Vorsitzender, doch was haltet Ihr von folgenden Gerüchten. Die nämlich besagen, dass der werte Statthalter den Vorlieben des täglichen Lebens in seiner Residenz größere Aufmerksamkeit schenkt, als den Nöten der hiesigen Einwohner. Man spricht von reichhaltigen Gelagen und amüsanten Vergnügen." Unverständnis machte sich in Nahaniels Gesicht breit.
"Das ist Unsinn und dummes Geschwätz der Leute", wiegelte er ungehalten ab. "Ich selbst, der sich öfters in der Residenz aufhält, kann solche Gerüchte nicht bestätigen." Nun mischte sich plötzlich der bislang schweigsame Talarin ein.
"Hm, aber Ihr verbringt doch nicht etwa den ganzen Tag und die folgende Nacht dort, oder? Also woher wollt Ihr wissen, was dort in Euer Abwesenheit passiert?"Mit diesem listigen Einwurf hatte der Vorsitzende nicht gerechnet. Für einen Augenblick wusste er nicht, was er einem solchen infamen Einwand entgegnen sollte. Das nutzte der Wortführer um nachzusetzen.
"Seht Ihr! Gänzlich könnt Ihr die Gerüchte um das Treiben des Statthalters nicht zerstreuen."

Während die Anwesenden weiter stritten, vernahm man von draußen plötzlich ein lautes Stimmengewirr. Vielfach wütende Rufe klangen gedämpft in den Raum. Daraufhin verstummten die Mitglieder und horchten. Erneut war es Markolus, der sich wieder zu Wort meldete.
"Hört nur. Das werden die Einwohner der Stadt sein, die auf die Straßen gehen um ihren Unmut Luft zu verschaffen. Wir müssen also bald zu einer Entscheidung kommen, sonst wird es zum Aufruhr kommen."

Nathaniel erhob sich, schritt zu dem großen Fenster hinter ihm und öffnete es. Nun waren die zornigen Stimmen der Menschen von draußen überlaut zu hören. Als er herab blickte sah er eine Gruppe Landsmänner, vorwiegend Fischer, sich auf dem Platz versammeln. Deren Gesichter schauten finster und wütend drein. Tatsächlich roch die Luft bereits nach einem mächtigen Aufstand, der drohte. Der Vorsitzende wandte sich schnell wieder vom Fenster ab und schloss es. Er blickte einmal in die Runden, bevor er wieder seine Stimme erhob.
"Also gut, werte Mitglieder der Gilde. Was schlagt ihr also vor?" Orphiris stand auf und blickte in die Runde.
"Meiner Meinung nach sollten wir eine Petition an den König verfassen, in dem wir die Absetzung Menedils fordern. Außerdem sollten wir vorschlagen, den nächsten Statthalter selbst wählen zu dürfen. Was meinen die Übrigen?" Für diesen Vorschlag erntete er breite Zustimmung unter den Anwesenden. Anders aber als Nathaniel, der sich dieser Idee nicht anschloss. Trotzdem musste er sich der mehrheitlichen Entscheidung beugen, wollte er nicht selbst ins Fadenkreuz der Kritik geraten. Nachdem das Schriftstück verfasst und von allen unterschrieben war, wurde Talarin damit beauftragt es dem König nach Minas Tirith zu überbringen.

Zur Kapitelübersicht

XXX. Die Verhängnisvolle Entscheidung

Die Vorkommnisse im nördlichen Teil des Reiches blieben nicht gänzlich verborgen und waren inzwischen auch König Esrildur zu Ohren gekommen. Dieser konnte solche Ereignisse gerade jetzt alles andere als gebrauchen, befanden sich doch seine eigenen Truppen derzeit in Aceloth im Krieg mit den Südländern. Er selbst fühlte sich momentan außerstande selbst nach Dun Maroth zu reisen um nach dem Rechten zu sehen. Sein Sohn wiederum war nach Süd Ithilien unterwegs. So blieb ihm nichts Anderes übrig zu hoffen, dass sein Statthalter Meneldil die Lage wieder in Griff bekam. Gerade befand er sich in seinem Thronsaal im Gespräch mit Beraterin, als einer seiner Turmwächter herbei eilte und die Ankunft eines Mannes aus Dun Maroth vermeldete. Esrildur horchte neugierig auf und beendete die Besprechung. Die Berater zogen sich zurück während ein seltsam anmutender älterer Mann den Saal betrat. Verwundert blickte der König von seinem Thron herab dem Besucher entgegen. Er war von großem Wuchs und trug ein bläuliches samtfarbenes Gewand, das ihm bis zu den Füßen herab reichte. In der einen Hand trug er einen braunen Stab, dessen oberes Ende kreisrund zusammen lief. Beim Näher kommen erkannte der Regent, dass die Spitze ein Art Sonnensymbol darstellte. Noch konnte der Regent das Gesicht des Mannes nicht erkennen, da es unter einer Kapuze verborgen war. Dieses lüftete der Fremde erst als er wenige Meter vor dem Thron stehen blieb. Nicht minder wunderlich war das Gesicht des älteren Herrn an zu sehen. Schwarze Haare umrahmten das längliche Gesicht. Aus stahlblauen klaren Augen blickte der Fremde den König an. Er trug zudem einen schwarzen spitzen Bart.

Obwohl Esrildur auf Anhieb keine Sympathie für diesen Mann empfand, wollte er sich nicht von Vorurteilen leiten lassen. Tatsächlich klang die Stimme aus dem Munde des Besuchers eher einlullend und ruhig. Sie hatte etwas Einnehmendes und dennoch Bestimmendes an sich.
"Seid gegrüßt, Ihr großer König von Gondor. Ich komme mit Botschaft in dieser schwierigen Stunde." , entfuhr es dessen Mund. Dabei verneigte er sich ein wenig. Esrildur winkte ihm zu, sich wieder zu erheben.
"Das höre ich zwar gern, doch hab meine Zweifel, dass Ihr das könnt. Wer seid Ihr, Fremder?" Der Angesprochene stützte sich auf seinen Stab, als hätte er Mühe sich auf den Beinen zu halten.
"Oh verzeih mir! Das hab ich ganz vergessen. Ich bin Talarin aus Dun Maroth, Oberhaupt einer alt ehrwürdigen Familie der Stadt.", erwiderte der Besucher verlegen.
"Und was für eine Botschaft habt Ihr für mich, Talarin?", wollte der König wissen. Der Angesprochene verzog traurig die Mundwinkel.
"Nun, mein Herr. Ich bin als Gesandter der Handelsgilde hier. Ihre Vertreter haben mich beauftragt, Euch folgendes Anliegen zu ermitteln. Zuvor muss ich jedoch erwähnen, dass meine Familie zu den Vielen gehört, die dieser Tage großes Leid erdulden müssen. Der Fischhandel stellt sei Generationen unser Einkommen dar. Wie Ihr sicher wisst, grasiert derzeit eine schlimme Seuche in unsren Gewässern und lässt die Fischte sterben. Wenn nicht gehandelt wird, stehen wir bald vor dem Ruin."

Davon hatte der König ebenfalls gehört und konnte das Leid des Fremden und seiner Familie durchaus nachvollziehen. Esrildur hatte bereits einige Heiler ins Nördliche Königreich geschickt um der Sache auf den Grund zu gehen, doch bisher ohne Erfolg.
"Ich verstehe zwar Euer Leid, aber wie kann ich helfen?", fragte er den Besucher nachdenklich. "Ursache dieses Schreckens, so glauben wir Menschen aus Dun Maroth, sind die üblen Anhänger der Dunklen Bruderschaft." Der König wurde hellhörig.
"Meines Wissens wurde sie aber vor langem schon verboten und eine Mitgliedschaft darin unter Strafe gestellt.", widersprach dieser umgehend.
"Gewiss oh König! Allerdings haben sie nicht gänzlich aufgehört ihr Unwesen zu treiben. Außerdem sind sie in letzter Zahl wieder zahlreicher geworden.", warf Talar ein. Esrildur runzelte die Stirn.
"Warum wendet Ihr Euch dann nicht an Meneldil, meinen Statthalter. Er kann Euch sicher eher helfen." Ein wütendes Leuchten erklomm daraufhin ins Talarins Augen.
"Wäre ich denn soweit gereist, wenn er das könnte? Statt die Not zu bekämpfen, verschanzt sich Euer Mann in seiner Residenz. Währen dessen treiben die Schurken aus der Bruderschaft ungestraft ihr Unwesen.", entfuhr es dem Mann mit ärgerlicher Stimme. Der König konnte und wollte das Gesagte nicht glauben. Meneldil war ihm ein loyaler Gefolgsmann und sorgte seinem Wissen nach stets für Ruhe und Gerechtigkeit. Dass er es zu ließ, dass diese Bruderschaft frei agierte, war einfach unmöglich. Nun wiederum stieg in ihm selbst Ärger auf. Wer war dieser Talarin, dass er es wagte, das Ansehen seines eigenen Getreuen in den Schmutz zu ziehen?

Abrupt erhob er sich vom Thron und blinzelte den Besucher zornig an. "Ihr wisst, dass ich Euch sofort für diese unverschämten Behauptungen ins Gefängnis sperren könnte, Fremder.", sprach Esrildur mit gereizter Stimme. Sein Gegenüber wich zwar etwas zurück, doch war auf seinem Gesicht kein Anflug von Furcht zu erkennen.
"Ja, gewiss das könntet Ihr!", erwiderte Talarin erstaunlich gelassen. "Doch würdet Ihr gegen den Willen Eures eigenen Volkes handeln?" Diese gestellte Frage verwirrte den König. Im selben Moment zog das Gegenüber eine Schriftrolle aus seinem Gewand hervor und hielt es ihm aus ausgestreckter Hand entgegen. "Lest es, König! Dann könnt Ihr von mir aus mit mir tun, was Ihr beliebt.", fügte der Mann hinzu.

Zögerlich nahm Esrildur das Schriftstück entgegen und entrollte es. Während er es las, schüttelte er mehrmals ungläubig den Kopf. Das Pergament enthielt eine Petition der Bewohner von Dun Maroth. Darin wurde unmissverständlich der Rücktritt des Statthalters gefordert. Zu allem Überfluss forderten die Bewohner auch noch die freie Wahl eines neuen Statthalters in Eigenregie. Unter der Petition befanden sich unzählige Namen und Unterschriften. Dabei waren auch die von ihm bekannten Persönlichkeiten der Stadt. Fassungslos ließ sich der König in seinen Thron zurückfallen und musste erstmal tief atmete. Sein Gegenüber war inzwischen wieder einen Schritt vor getreten und beobachtete den Regenten aus forschen Augen.

Für Esrildur schien eine Welt unter zugehen, als er zunächst über das Gelesene nachdachte. Obwohl es ihm absonderlich erschien, musste er dennoch sich dem Willen seines eigenen Volkes unterwerfen. Schließlich wollte er kein weiteres Schlachtfeld innerhalb seines Reiches auftun. Wie sehr wünschte er sich in diesen Minuten seinen Sohn herbei, doch war dieser weit weg im fernen Ithilien.
"Nun, König! Was werdet Ihr nun?", fragte Talarin lauernd."Bedenkt, dass es der Wunsch Eures eigenen Volkes ist. Ihr müsst dem Elend ein Ende setzen." Das Gegenüber erhob sich erneut.
"Das werde ich. Doch nun geht mir schnell aus den Augen, sonst werde ich doch noch meine Soldaten rufen!", drohte Ersildur erbost dem Besucher. Dieser lächelte selbstzufrieden und verschwand. Inzwischen ließ der Herrscher einen Schreiber kommen und ein Schriftstück anfertigen, in dem er Meneldil seines Postens enthob und seinem Volk die freie Wahl eines eigenen Statthalters zugestand. Es wurde einem königlichen Kurier übergeben, der es umgehend nach Dun Maroth bringen sollte.

Als zwei Tage später Talarin wieder die Stadttore von Dun Maroth passierte, nahm er sofort die Spannung wahr, die immer noch zwischen den Mauern des Ortes lastete. Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen als er durch die verwaiste Straßen ritt. Dieser Eindruck täuschte aber. Je mehr er sich dem Zentrum näherte, desto deutlicher nahm er das laute Stimmengewirr wahr, das von dort hinüber drang. Als er den Platz erreichte, blickte Talarin ein wenig verwundert auf die große Menschenmenge, die vor dem Tor der Residenz versammelt war. Zu seiner Freude spürte er die Aufregung, die von den Versammelten ausging. Die Menschen hielten unzählige Fackeln in den Händen, in dessen Schein ihre zornigen Gesichter wie entstellte Fratzen zu wirken schienen. Nicht wenige stießen sich ständig wiederholende wütende Rufe aus oder streckten ihre geballten Fäuste gen Tor aus. Er stieg vom Pferd und mischte sich unter die Menschen. Hier und dort schnappte er Wortfetzen auf, die nichts Gutes verhießen. Als die Leute Talarin erblickten, brachen sie in ausnahmslose Begeisterung für seine Person aus. Das schmeichelte ihm, denn lange genug hatte für diesen Tag vor gearbeitet. Nun war der Erfolg spürbar nah. Er bahnte sich mühselig einen Weg durch die Menge und schritt die Treppe zum Tor hinauf.

Plötzlich klirrten Waffen auseinander und zwei Soldaten verwehrten ihm den weiteren Weg. Er war nicht so dumm, als das er dies ignorierte. Talarin sah die Männer scharf an.
"Wie? Ihr verwehrt den Bürgern dieser Stadt den Zugang zur Residenz?" Auf diese scharfe Bemerkung folgte umgehend die schroffe Antwort des Wachhabenden.
"Nein, aber Aufrührern und Strauchdieben wie Ihr es seit!" Sein Gegenüber tat einen Schritt zurück und wies auf die Menschenmenge.
"Aber mein Herr. Das sind die Bürger dieser Stadt und sie fordern doch nur ihr Recht ein. Wollt Ihr ihnen das etwas verweigern?" Der Soldat ließ sich jedoch nicht beirren.
"Hier gelten immer noch die Gesetze des Königreiches und nicht die der Straße. Der Statthalter als Stellvertreter des Königs befindet alleine darüber, wem er Einlass gewährt." Dann wandte sich der Soldat laut an die Versammelten.
"Geht heim und kommt wieder wenn ihr Vernunft angenommen habt." Anders als erhofft machten die Leute aber keine Anstalten den Heimweg anzutreten, sondern verharrten unbeweglich an ihrem Platz. Den beiden Soldaten war angesichts dieser Unvernunft an ihrer Stelle nicht wohl zumute. Diese Unsicherheit ermutigte Talarin, mit Worten nachzusetzen.
"Meine Herren! Ihr seid tapfere Soldaten Gondors. Wollt Ihr es wirklich zu lassen, dass durch Uneinsichtigkeit Blut unter dem eigenen Volk vergossen wird? Das würde den guten Ruf Euers Königs überall in der Welt schweren Schaden zufügen. Also denkt nach und gewährt uns Einlass."

Plötzlich lenkten die Beteiligten ihre Blicke. Ein weiterer Reiter kam auf dem Platz angeritten.
"Macht Platz für den königlichen Kurier!", kam es scharf aus dessen Munde. Sofort machten die Menschen Platz und ließen ihn vorbei. Vor der Steintreppe brachte er sein Pferd zum Stehen und stieg herab. Er eilte an Talarin geradewegs vorbei auf die Wachhabenden zu. Daher bemerkte keiner das wissende Lächeln des kleinen Mannes. Der Bote hielt den Soldaten eine Schriftrolle entgegen.
"Ich habe ein wichtiges Schriftstück des Königs, das ich Statthalter Meneldil persönlich überreichen soll.", rief er aus. Die Männer ließen ihn umgehend passieren. Der Kurier hastete eilig über die Brücke zum nächsten Tor. Auch hier ließ man ihn durch.

Er durchquerte die kleine Parkanlage, die irgendwie verwaist und leer wirkte. Vor nicht zu all langer Zeit war sie noch von Gästen oder Gesandten bevölkert gewesen. Inzwischen aber war von jenen Zeiten nichts mehr zu spüren. Bedrückende Stille war eingekehrt, seit dem der Statthalter sich vor der Außenwelt abschottete. Knarrend öffnete sich das Hauptportal zur Residenz für den Kurier. Ihn empfing eine hohe Empfangshalle, die eine kuppelförmige Decke besaß. Diese war mit kunstvollen Wandmalereien verziert, auf denen Gebirgsformationen abgebildet waren. Adler und andere Vögle zogen ihre Bahnen darüber am blauen Himmel. Kleine Täler mit Flüssen durchschnitten die Berglandschaft auf deren silbrigem Wasser wunderschöne Schwanenboote dahin glitten. Der Boden des Raumes bestand indes aus weißen Marmorplatten. Es war immer wieder ein erhabener und imposanter Anblick für jeden Besucher, der diese Halle aufsuchte.

Der Bote hatte in diesem Moment allerdings keine Augen für die Malereien. Vielmehr galt sein Interesse alleine dem anwesenden Statthalter, der gerade mit seinen Vertrauten im Gespräch war. Hinter dem hohen Lehnstuhl befand sich ein weiteres großes Wandgemälde, das alles Andere in Schatten stellte. Auf ihm waren sechs Schiffe abgebildet, die sich innerhalb einer stürmischen See aufhielten. Im Hintergrund erhob sich ein einsamer Berg. Auf dem Deck des Vordersten stand ein Mann mit Flügelhelm und schillernder Rüstung, dessen Hand ein Schwert gen Himmel richtete. Für jene die nicht wissen, sei erwähnt, dass es sich bei der Szene um die Flucht von Elendil, dem Getreuen, und seiner Söhne nach Mittelerde handelte. Stolz war sein Blick aus hell leuchtenden Augen, der dem Betrachter zugewandt waren. Der Kurier eilte indes auf die kleine Gruppe Menschen zu. Meneldil wusste bereits um die Ankunft des Mannes und wandte sich diesem gespannt zu. Der Besucher blieb wenige Schritte vor dem Statthalter stehen und neigte leicht das Haupt.

"Werter Statthalter Menedil! Der König schickt mich um euch folgendes Schriftstück zu übergeben."

Zögernd nahm der Angesprochene diese entgegen und öffnete sie. Während er las, wich ihm zunächst die Farbe aus dem Gesicht. Wenig später verwandelte es sich in eine finstere Miene. Dann ließ er das Pergament langsam gen Schoß sinken und sah die Umherstehenden der Reihe nach traurig an. Man erahnte, dass es nicht Gutes enthalten musste.
"Was ist Herr? Was steht in dem Papier?" , wollte einer der Vertrauten wissen. Meneldil ließ sich einen Augenblick Zeit mit der Antwort.
"Nun meine lieben Gefolgsleute. Der König persönlich bittet mich darum von meinem Amt zurückzutreten." Diese Neuigkeit traf die Anwesenden wie ein Hammerschlag. Ihr Herr, der Statthalter, wurde von Esrildur aufgefordert, seinen Stuhl zu räumen. Das konnte doch nicht sein, denn schließlich war er immer ein loyaler Mann Gondor gegenüber gewesen. Nicht wenig hatte er dazu beigetragen, um diese Stadt nach dem Ende von Telpeths Willkürherrschaft wieder aufblühen zu lassen. Dennoch gab es für sie keine Anlass an der Glaubhaftigkeit des Dokumentes zu zweifeln. Meneldil wandte sich mit deprimiertem Gesichtsausdruck an den Kurier.
"Richtet meinem König aus, dass ich seiner Bitte entsprechen werde. Gleichwohl tue ich dies mit schweren Herzen und großer Trauer." Der Bote sprach ihm sein Bedauern aus und verabschiedete sich sofort. Im nächsten Moment erhob sich der Statthalter schwerfällig von seinem Stuhl.
"Lasst mich bitte einen Moment allein!", bat er seine Gefolgsmänner.

Als sie den Raum verlassen hatten, ging er um seinen Stuhl herum und betrachtete eine Zeitlang das Wandgemälde dahinter, das Elendils Schiffe auf ihrer Flucht zeigte. Dabei gingen ihm tausende Gedanken durch den Kopf. Mit Stolz hatte er einst das Amt des Statthalters übernommen, obwohl er gleichwohl geahnt hatte, dass damit viele Herausforderungen verbunden sein würden. Er erinnerte sich an den Tag als er in Begleitung der Soldaten Gondors erstmals den Boden dieser Stadt betreten hatte. Mit Entsetzen hatte er das erblickt, was der Tyrann Telpeth ihm als Erbe hinterlassen hatte. Ein Ort voller verängstigter und verarmter Menschen hatte Meneldil angetroffen. Es hatte ihm und seinen Leuten viel Zeit und Energie abverlangt, um wieder Ruhe und Ordnung in Dun Maroth wieder her zu stellen. Sie waren gerade dabei gewesen, ihre alte Pracht wieder zu erlangen, als die neuerliche Krise über die Stadt herein gebrochen war. Er als Statthalter hatte die Angelegenheit wohl unterschätzt und nicht konsequent genug agiert. Durch sein Zaudern war ihm zunehmende die Kontrolle aus den Händen geglitten. Andere entgegenwirkende Kräfte hatten daraufhin die Gunst der Stunde genutzt und jene auf ihre Seite gezogen, die vormals hinter ihm gestanden hatten. Allen voran die einflussreichen Mitglieder der Handelsgilde, was Meneldil sehr betrübte. Er hatte wohl seine Führungsfunktion nicht zu Genüge wahrgenommen, denn warum sonst hatte ihm sein König das Vertrauen entzogen. Wie aber konnte er nun mit aufrechtem Haupt nach Minas Tirith zurückkehren? Schließlich drehte er dem Bild den Rücken zu und ließ einen letzten Blick durch den Raum gleiten.

Dann verließ er schweren Herzens die Halle und ging nach draußen, wo sein Gefolge bereits auf ihn wartete. Langsam schritt er durch den Park und passierte das nächste Tor. Bereits hier hörte er die wütenden Rufe der Stadtbewohner, die kaum noch zu bändigen waren. Mit mulmigem Gefühl überquerte er die große Brücke, unter dem das Wasser des Graufluts dahin floss. Schließlich stand er vor der letzten Tür, die ihn noch vom Mob der Strasse trennte. Mit einem lauten Quietschen öffnete sie sich vor ihm. Kaum erschien er in Sichtweite der aufgebrachten Menge, flogen ihm die ersten Steine entgegen. Sofort stellten sich seine Soldaten schützend vor ihm. Mit solchem Hass hatte selbst Meneldil nicht gerechnet. 'Was musste in die einst so friedlichen Bewohner des Ortes gefahren sein?', fragte er sich bestürzt.
"Hängt ihn auf; Leute!", brüllte ein Jemand aus der Menschenmasse. Nun jedoch schritt Talarin ein. Er wollte keinen offenen Kampf mit Gondor, also rief er die Leute zur Ruhe auf.
"Lasst den Statthalter passieren! Wer ihm ein Haar krümmt, bekommt es mit mir zu tun." Dabei klang etwas so Bedrohliches aus seiner Stimme heraus, was sämtliches Rufen und Brüllen augenblicklich verstummten ließ. Dann wandte er sich dem erschrocken wirkenden Statthalter. "Keine Angst! Niemand wird Eure Abreise behindern. Es tut mir leid, dass es soweit gekommen ist. Aber es ist nun mal der Wille des Volkes. Also kehrt heim nach Gondor!"

Meneldil glaubte dem alten Mann im blauen Mantel kein Wort. Der Namen dieses Fremden war ihm bereits vor langem zu Ohren gekommen. Talarin so nannte er sich. In ihm vermutete der Statthalter bereits seit Längerem, den wahren Verursacher des Übels. Leider besaß Meneldil noch keine Beweise dafür. Langsam schritt er anschließend durch die Gasse zwischen den stummen Menschen hindurch. Als er kurz aufblickte, sah er an einem der Fenster des Hauses der Handelsgilde die Gestalt des Vorsitzenden Nathaniel stehen. Dieser blickte mit traurigem Blick zu ihm herab. 'Selbst meine eigenen Ratsmitglieder haben mich verraten.', dachte sich resigniert der Statthalter im Stillen. Dann wandte er sich ab und schritt dem Ortsausgang entgegen, wo Pferde für ihn und seine engsten Vertrauten bereitstanden. Ohne einen Blick zurück zu werfen, bestieg Meneldil sein Ross und ritt mit seinen Männer gen Süden.

Zur Kapitelübersicht

XXXI. Der Widerstand

Zwei Tage waren inzwischen vergangenen, seit sich der Aufruhr, bedingt durch Meneldils Fortgang, gelegt hatte. Allen Verantwortlichen der Stadt war jedoch bewusst, dass man rasch handeln musste um keinerlei Machtvakuum entstehen zu lassen. Dies nämlich konnte schnell zu weiteren Unruhen führen, die wiederum anarchische Zustände verursachen würden. Daher kam der inzwischen geschrumpfte Hohe Rat eilends zusammen um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Da die Stadt momentan führungslos war, benötigte man jemanden, der sozusagen kommissarisch die Amtsgeschäfte des abgesetzten Statthalters weiterführte. Zumindest solange bis ein Neuer durch eine freie Wahl bestimmt wurde. Dieses Recht hatte der König per Dekret den Einheimischen zuerkannt.

Die überwiegende Zahl der Mitglieder des Rates war sich bei der Zusammenkunft rasch einig. Man wollte Talarin bitten, die Aufgabe vorübergehend zu übernehmen, denn er hatte Führungsstärke bewiesen und wusste zudem eine große Zahl der Menschen hinter sich. Nur der Vorsitzende der Handelsgilde, Nathaniel, hegte Bedenken, doch beugte er sich der Mehrheit. So wurde diese Bitte an Talarin herangetragen, der sich erstaunlicher Weise auch sofort dazu bereit erklärte. Ausgestattet mit den erforderlichen Machtbefugnissen wies er umgehend die hiesigen Streitkräften an, eine erneute Jagd auf die umher streuenden Angehörigen der Dunklen Bruderschaft zu starten. Während Meneldil in diesem Zusammenhang wenig erfolgreich agiert hatte, gelang es unter der Talarins Führung die zahlreichen Strolche zu ergreifen und ihrem finsteren Treiben ein Ende zu setzen. Ungewohnt für hiesige Verhältnisse wurden in den folgenden Tagen und Wochen öffentliche Tribunale und Hinrichtungen von Gefangenen durchgeführt.

Ein solcher war für diesen Tag angesetzt worden. Dazu war auf dem Platz vor der Residenz eine Hinrichtungsstätte in Form eines Galgens errichtet worden. Unweit davon war ein langer Tisch und Lehnstühle aufgebaut worden, an dem der Hohe Rat unter Vorsitz des Ratsherrn Talarin über den Gefangenen richten würden. Im Laufe des Mittags hatten sich zahlreiche Schaulustige versammelt um dem Geschehen bei zu wohnen. So etwas hatte man bisher noch nie in der Geschichte der Stadt erlebt. Die illustre Menge verstummte erst als ein Gefangener, umringt von seinen Bewachern, auf einem Pferdekarren, auf dem Platz eintraf. Schweigend sahen die Bewohner zu wie der Gefangenen von seinen Bewachern vom Wagen gestoßen wurde und anschließend zum Richtplatz gezerrt wurde. Zeitgleich öffneten sich das Portal der Residenz und die Mitglieder des Hohen Rates erschienen. Sie kamen die breite Treppe herab und nahmen umgehend auf den Stühlen hinter dem breiten Tisch Platz.

Nach einer kurzen Zeit der Beratung untereinander, erhob sich Talarin und wandte sich mit gut hörbarer Stimme an die Menge.
"Werte Stadtbewohner von Dun Maroth! Ich habe dieses Tribunal ins Leben gerufen um über Jene zu richten, die für das Übel verantwortlich sind, welches eure Stadt heimgesucht hat. Einen solchen seht ihr nun vor euch. Doch will ich nicht ungerecht erscheinen und dem Gefangenen die Gelegenheit bieten, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen und sich zu seiner Schuld zu bekennen." Diese Worte sprachen den Versammelten aus dem Herzen und bewegte sie dazu in einem Sturm aus begeisterten Zurufen auszubrechen. Man ließ sie eine kurze Weile gewähren bis der Ratsherr um Ruhe bat. "Gefangener! Seid Ihr Euch dessen bewusst, was man euch vorwirft?" Er erntete dafür ein beharrliches Schweigen. "Nun denn, Ihr schweigt. Dann wiederhole ich nochmals die Anklage. Euch wird die Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation, die Mittäterschaft an Entführungsfällen und der Verschmutzung der hiesigen Flüsse mit giftigen Stoffen zur Last gelegt. Das ist eigentlich genug um Euch zum Tod zu verurteilen. Also was sagt Ihr dazu?" Der Beschuldige schwieg stattdessen. Weder seiner Haltung noch seinem Gesichtsausdruck war zu entnehmen, was er in diesem Augenblick fühlte. Scheinbar teilnahmslos nahm er die Anschuldigungen zur Kenntnis. Mit seiner Ignoranz stachelte er den Zorn unter den Zuhörern noch zusätzlich an. Talarin, für den das Urteil längst feststand, bestärkte dies in der Auswahl seiner nächsten Worte. "Euer Schweigen, Gefangener, deute ich als Mangel an Einsicht und Reue. Also entscheidet Ihr Euch für den Tod."
Kaum waren diese Worte gesprochen erhob sich plötzlich Nathaniel, ein gemäßigtes Mitglied des Rates und wandte sich an den Ratsherrn."Ihr solltet nicht verfrüht ein solches Urteil sprechen. Noch ist nicht bewiesen, dass dieser Mann wirklich schuldig ist."

Diese Bemerkung verfehlte nicht die Wirkung bei den Zuschauern. Ein leises Raunen ging durch die Reihen der Menschen. Alle sahen nun abwechselnd Nathaniel und den Ratsherrn an und waren gespannt wie dieser regierte. Dessen Kopf ruckte augenblicklich. Über sein Gesichts legte sich ein ungewohnt düsterer Schatten. Mit solchem Widerspruch hatte Talarin nicht gerechnet. Entsprechend scharf klang nun seine Stimme.
"Hab ich mich verhört? Wollt Ihr etwa den Beschuldigten in Schutz nehmen?" Daraufhin schüttelte Nahaniel energisch das Haupt.
"Nein das tue ich nicht! Aber ich mag keine vorschnellen Urteile, wie Ihr sie aussprecht", konterte er. Für einen Augenblick blickten sich beide Kontrahenten finster an, dann wandte sich der Ratsherr überraschend an die anderen Mitglieder.
"Was meint Ihr? Haltet Ihr den Gefangenen etwa auch für unschuldig?" Drei weitere Mitglieder schwiegen sich aus. Nur Altarion, ein weiteres Mitglied äußerte sich dazu.
"Ich muss Nahaniel beipflichten. Wir brauchen Beweise, nicht nur Mutmaßungen, um zu einem angemessenen Urteil zu gelangen, Herr Ratsherr.", sagte er betont leise. Talarin sah angesichts dieses Widerstandes schon seine Felle schwimmen und geriet innerlich in Rage. Allerdings unternahm er alles um sich dies nicht anmerken zu lassen. Daher blieb er äußerlich zurückhaltend und ruhig. Dennoch beabsichtigte er sein erklärtes Ziel rasch zu erreichen. Schließlich hoffte er auf diese Weise seine Macht und Stellung sichern zu können. Damit nicht noch weitere Mitglieder des Rates ins Wanken gerieten oder sich gar den Widerständlern anschlossen, wollte er schnell eine Entscheidung erzielen.
"Ich respektiere die vorgebrachten Zweifel. Dennoch bitte ich die Mitglieder des Rates nun zu einem Urteil zu gelangen. Wer den Angeklagten für schuldig hält, der hebe nun bitte die Hand!"

Gespenstige Stille legte sich auf den Ort des Geschehens. Gespannt warteten die Menschen auf die Entscheidung des Rates. Während die zuvor schweigsamen Mitglieder der Reihe nach aufstanden und die Hände hoben, blieben Nathaniel und Altarion demonstrativ sitzen. Über Talarins Mundwinkel huschte ein siegreiches Lächeln. Stolz erhob er sich erneut und verkündete das Urteil. Ich denke das Ergebnis ist eindeutig. Hiermit spreche ich den Gefangenen für schuldig und verurteile ihn zum Tod durch den Strick!"

Im selben Moment erhoben sich zwei der sechs Mitglieder und verließen den Ort. So bekamen sie auch nicht mehr mit wie der Verurteilte zum Galgen geführt wurde und alsbald das Todesurteil vollstreckt wurde. In den folgenden Wochen wurden weitere Hinrichtungen durchgeführt. Während ein Teil der Stadtbevölkerung begeistert den Veranstaltungen bei wohnte, empfanden Andere nur Abscheu und Widerwille. Zu jenen, welche die Hinrichtungen als Akt der Barbarei empfanden, gehörte, wie erwähnt, der Führer der Handelsgilde Nathaniel. Vor allen Dingen die Begeisterung unter den Menschen für den augenblicklichen Amtsträger Talarin, bereitete ihm zunehmend Unbehagen. Nicht desto trotz war dessen Feldzug gegen die Dunkle Bruderschaft von Erfolg gekrönt. Auch das mysteriöse Fischsterben nahm von einem Tag zum anderen ein Ende. Auch der Getreide- und Gemüseanbau lebte wieder auf. So war es auch nicht verwunderlich, dass sich die Bevölkerung des Nördlichen Königreiches Talarin als neue Führungsperson wünschte. Allerdings konnte er nicht so ohne weiteres die Funktion eines Statthalters einnehmen, da ein Solcher nicht in einer freien Wahl bestimmt werden konnte. Also schuf man innerhalb des Gremiums des Stadtrates einen neuen Titel, der mit ähnlichen Machtbefugnissen ausgestattet sein sollte. Diesen Titel sollte Talarin nach dem Willen der Bevölkerung verliehen werden. Allerdings wusste man auch, dass das nicht ohne Segen und Zustimmung von Tar Esrildur geschehen konnten.

Als der König wiederum von dem Ausgang der Wahl in Kenntnis gesetzt wurde, empfand er für das Ergebnis geringe Sympathie. Doch musste er die Verdienste des Mannes um Dun Maroth und dessen Wohlergehen anerkennen und diesem einen gewissen Respekt zollen. Nach reichlich Zeit des Nachdenkens entschied sich Esrildur dennoch, dem Wunsch seines Volkes zu entsprechen. Er verlieh Talarin den neuen Titel "Hoher Ratsherr" und stattete diesen mit allen Rechten eines bisherigen Statthalters aus. Allerdings vermied es der Regent dem neuen Ratsherrn persönlich die Urkunde zu überreichen, was viele seiner Sympathisanten unter der Bevölkerung Arnors missbilligten. Talarin selbst nahm wenig Anstoß daran, schließlich war er an sein Ziel seiner Wünsche gelangt.

Was es für die Zukunft des Königreiches brachte war noch ungewiss. Nach Aufnahme seines neuen Amtes führte er erstmal einige Veränderungen durch. Insbesondere machte er sich erstmal daran, unwillige Zeitgenossen aus Ämtern oder Funktionen zu entfernen. Dazu gehörte der bisherige Vorsitzende der Handelsgilde, Nathaniel, der unschön aus seinem Posten gedrängt wurde. Um dies zu bewerkstelligen, wurden allerorts Gerüchte über dessen angebliche Verwicklung in eine Korruptionsaffäre gestreut. Diese Vorwürfe erregten Missmut und Bestürzung unter den anderen Gildenmitgliedern, die als Folge sofort auf Distanz zu ihm gingen. Zunächst wurde ihm nahe gelegt, von sich aus zurückzutreten, doch Nathaniel war sich keiner Schuld bewusst und lehnte einen Rücktritt kategorisch ab. So kam es zu einem Streit zwischen ihm und den übrigen Mitgliedern, der schließlich eskalierte und einen Misstrauensantrag ihrerseits gegenüber Nathaniel zur Folge hatte. Dessen negatives Ergebnis erzwang schlussendlich seinen Rücktritt. Während sich der Verlierer bitteren Herzens aus der Mitgliedschaft in der Gilde sofort zurückzog, wurde in seiner Abwesenheit alsbald ein neuer Vorsitzender gewählt. Es war Markolus, der Vertreter des Fischgewerbes, dem das Amt übertragen wurde. Zwar war er wegen seiner aufbrausenden Natur und des Mangels an diplomatischem Geschick nicht unumstritten, doch derzeit der einzige Kandidat, der sich für das Amt anbot.

Während dieser Vorgang gänzlich unbemerkt von statten ging, kam es in der Folgezeit zu einem schwerwiegenden Vorfall, der großes Aufsehen erregte. Es war der plötzliche Freitod des Ratmitglieds Altarion, der großes Aufsehen unter der Stadtbevölkerung auslöste. Wilde Gerüchte um die Ursache seines Ablebens machten die Runde unter den Menschen. Ratsherr Talarin regierte sofort und berief einen neuen Mann in den vom ihm umbenannten Hohen Rat, das Entscheidungsgremium der Stadt. Damit wollte er jeglichem Aufkommen von erneuter Unruhe entgegenwirken. Als Altarions Nachfolger wurde Markolus benannt.

Während sich das öffentliche Leben rasch wieder beruhigte, gab es dennoch einige Männer in der Stadt, denen der Ratherr keinen Sand in die Augen zu streuen vermochte. Die Meisten von ihnen waren eben die Personen, die Talarin durch seine Machenschaften aus Posten oder Funktionen gedrängt hatte. Ihr Rädelsführer wurde, was wohl nicht überraschte, der abgesetzte Vorsitzende Nathaniel. Er war nicht dumm und vermutete, wie die anderen Leidtragenden, den neuen Ratsherrn Talarin als Verursacher ganzen Übels. Weder er noch die Übrigen waren bereit, sich dem neuen Machthaber kampflos zu ergeben. In den nächsten Tagen traf man sich an geheimen Orten um eine Strategie zu entwickeln, den neuen Machthaber zu bekämpfen. Eine offene Auseinandersetzung verwarf man sehr schnell, da ihr Gegner sofort bewaffnete Soldaten gegen sie einsetzen würde. Also musste man zunächst herausfinden, was Talarin genau vorhatte. Die Widerständler unter Nathaniel erdachten einen Plan unbemerkt in die Residenz einzudringen und die Pläne des Ratsherrn auszuspionieren.

Nun brauchte es nur noch jemanden, der mutig genug war und dies tat. Sofort erklärte sich Belegrid, Sohn des verschiedenen Ratsmitglied Altarion, dazu bereit. Er hegte nämlich einen persönlichen Hass gegen den neuen Herrn von Dun Maroth. Der Tod seines Vaters hatte ihn schwer getroffen. Daher schwor er umgehend Rache an demjenigen zu üben, der in seinen Augen dafür die Verantwortung trug. Die Widerständler wussten natürlich, dass man nicht so ohne weiteres in die Residenz gelangen konnte, da ihre Mauern unüberwindbar und die Tore gut bewacht wurden. Daher griff man zu einer List und stahl unbemerkt eine Rüstung der hiesigen Torwächter. In dieser Kleidung sollte es Belegrid möglich sein hinein zu gelangen ohne besonderes Aufsehen zu erregen. Man hatte hierfür die all abendlich stattfindende Wachablösung als geeigneten Zeitpunkt bestimmt.

Der junge Mann zog sich die für ihn ungewohnte Rüstung über und begab sich, begleitet von den Glückwünschen der Übrigen, an diesem Abend zum Zentrum der Stadt. Verborgen im dunklen Schatten einer Häuserecke wartete er solange bis eine Gruppe aus Soldaten vorbei kam. Er verließ sein Versteck und reihte sich möglichst unbemerkt in die Reihe aus sechs Mann ein. Zu seinem Glück nahm zunächst keiner der Übrigen Notiz von dem Neuling. Zusammen mit ihnen näherte er sich dem Hauptportal. Dabei versuchte Beregril sich ihrer Haltung und dem Schritt anzupassen, um kein Aufsehen zu erregen. Das war zu seinem Leidwesen nicht ganz einfach, denn schließlich war er Handwerker aber kein Soldat. Als die kleine Truppe das Tor erreichte, wurden sie vom Hauptmann der Torwache aufgehalten. Sie wurden aufgefordert sich in einer Reihe aufzustellen. Danach inspizierte er die Wachablösung. Er schritt die Männer ab und besah sich aufmerksam jeden Einzelnen. Sein jetziger Herr hatte dies ausdrücklich so angeordnet. Als er Beregril erreichte, blieb er einen Augenblick länger stehen. Sein Gegenüber fühlte sich sehr unwohl in seiner jetzigen Rolle und wünschte sich inbrünstig, dass ihn keine falsche Mimik oder Bewegung verriet. Er atmete innerlich auf, als sich der Hauptmann endlich von ihm abwandte und davon ging. Das hat doch recht geklappt, dachte sich der Handwerker zufrieden.

Plötzlich aber blieb der Soldat zu aller Überraschung stehen und machte kehrt. Beregril rutschte fast das Herz in die Hose, als er den Andere abermals auf sich zu kommen sah. Diesmal bedachte ihn der Hauptmann mit auffallend misstrauischem Blick.
"Ich habe sechs Männer angefordert, also warum sind hier sieben?", wollte er umgehend wissen. Er erntete allgemeines Achselzucken unter den versammelten Männer. Daraufhin machte er sich daran, den Neuling zu befragen. "Dich habe ich eigentlich noch nie hier gesehen. Sag mir rasch wer du bist und was du hier tust?" Der Angesprochene überlegte sich schnell, was er darauf antworten sollte.
"Mit Verlaub, Herr Hauptmann. Ich bin Beregril und erst seit kurze Zeit im Dienst Eures Herrn." Was Besseres war ihm gerade nicht eingefallen. Er konnte nur hoffen, dass ihm sein Gegenüber dies abnahm. Tatsächlich entspannten sich die Gesichtszüge des Soldaten nach dieser Erklärung. Dennoch ließ er nicht locker.
"Das beantwortet aber trotzdem noch nicht meine erste Frage. Wieso sind hier sieben Männer? Ich habe nämlich nur Sechs angefordert." Beregril ersann rasch eine möglichst plausiblen Begründung, die den Hauptmann zufrieden stellen würde.
"Das ist wahr, Herr Hauptmann! Allerdings hat der Hohe Ratsherr Talarin nachträglich einen weiteren Mann angefordert. Er hat vernommen, dass sich Widerständler in der Stadt aufhalten, die ihm dem Leben trachten. Also hat er verfügt, dass die Wachmannschaft verstärkt werden soll." Daraufhin sah ihn sein Gegenüber ungläubig an. Wie konnte es sein, dass dieser einfache Soldat etwas wusste, was ihm selbst nicht bekannt war? Seine Augen verengten sich.
"Ist das so?", wurden die Übrigen vom Hauptmann scharf gefragt. Beregril war bewusst, dass er mit dem Feuer spielte. Seine Tarnung konnte augenblicklich auffliegen, wenn jetzt die übrigen Männer der Truppe nicht mitspielten Aus dem Seitenwinkel seiner Augen heraus beobachtete der Handwerker die Reaktion der anderen Soldaten. Unerwarteter Weise bestätigten die Angesprochenen Beregrils Aussage mit einem Nicken. "Trotzdem muss ich mir das zuerst vom Ratsherrn erst bestätigen lassen.", erwiderte der Hauptmann. Da ergriff plötzlich ein weiterer Torwächter das Wort.
"Aber Herr! Der Ratsherr befindet sich in einer wichtigen Beratung und hat ausdrücklich gewünscht, nicht gestört zu werden!" Der Kommandant tippte sich an die Stirn. Das stimmte natürlich. Talarin hatte befohlen ihn nur in Notfällen zu stören.

Also unterließ er jegliche weitere Befragung und gab den Weg frei. Das Tor wurde geöffnet, sodass die fünf Soldaten passieren konnten. Zwei blieben als Wachablösung zurück, während die Übrigen weiter marschierten. Sie überquerten die Brücke und kamen zum nächsten Tor. Hier erfolgte eine weitere Wachablösung. Beregril und zwei weitere Männer waren zur Bewachung des Hauptportals abkommandiert worden. Man durchquerte gerade die Parkanlage der Residenz, als der Handwerker eine junge Stimme an seinem Ohr vernahm.
"Wer du auch immer bist, Kamerad. Entweder du bist tollkühn oder lebensmüde, dass du dich so einfach in die Höhle des Löwen wagst. Aber keine Angst, wir werden dich nicht verraten. Wir mögen diesen Ratsherrn ebenso wenig. Unser einziger wahrer Herr bleibt unser König. Er ist der Einzige, dem wir dienen und verpflichtet fühlen. Was immer du auch vorhast, wünschen wir dir viel Glück Aber beeile dich!" Das war wohl zugleich das Startsignal und die Aufforderung zu verschwinden.

Er ließ sich nicht zweimal bitten und tauchte im nahen Gebüsch unter. Wie man ihm verraten hatte, gab es nur noch einen weiteren Zugang zur Residenz. Dieser befand sich nahe der Mauer und führte in die unteren Gewölbe des Gebäudes. Dort befanden sich die Kerker und Vorratsräume, also ein Bereich der nicht minder bewacht wurde. In einem geeigneten Moment löste er sich aus dem Gebüsch und lief zur rechts gelegenen Mauer. Dort suchte er den begrünten Boden nach dem erwähnten Bodengitter ab. Nach einiger Zeit fand er dieses. Allerdings war es durch eine starke Kette mitsamt Schloss gesichert. Für Beregril stellte es aber kein unüberwindliches Hindernis dar, denn er war von Beruf Schlosser und kannte sich darin aus. Er holte umgehend sein Werkzeug hervor und begann mit der Arbeit. Es dauerte nicht lange, dann öffnete sich das Schloss. Behutsam machte er sich anschließend daran, das Gitter hochzuheben, ohne viel Lärm zu machen. Wenig später begann er mit dem Abstieg in die unterirdischen Gewölben. Die Luft wurde immer stickiger, je tiefer er kam. Hatte er zunächst nicht viel sehen können, klärte sich mit der Zeit seine Sicht. Aus der Ferne sah er einen flackernden Lichtschein auf sich zukommen. Nach Durchquerung des langen Stollens versperrte ihm eine vergitterte Tür das Weiterkommen. Abermals griff er zum Besteck und öffnete in Windeseile dessen Schloss.

Nun betrat er ein kahles Steingewölbe, das von Fackelschein erhellt wurde. Mehrere Nischen waren in die Steinwände eingelassen, dessen Innern von eisernen Gitterstäben abgeschirmt wurden. Zweifelsfrei handelte es dabei um das Verlies der Residenz. Derzeit saßen oder lagen innerhalb der Zellen mehrere Personen. Zumeist waren es Menschen wie er, die fest schliefen. Als er genauer hinsah, bemerkte er unter ihnen auch drei sonderbare Geschöpfe, die nicht größer als Kinder waren. Zuerst dachte er an Zwerge, doch sahen diese hier etwas anders aus. Sie sahen ausgemergelt aus. Ihr Anblick erregte sein Mitleid, doch konnte er augenblicklich nichts für sie tun. Er sah wenige Meter vor sich eine Treppe, die in einen weiteren Raum führen musste. Von dort vernahm er die Stimmen zweier Männer, die sich unterhielten. Er blickte derweil wieder zu den Gefangenen hinüber. Einer der Kleinen öffnete soeben die Augen. Furcht huschte sofort über dessen eingefallenes Gesicht, als er soeben den fremden Mann erblickte. Ängstlich drückte sich der Gefangene an die hinter ihm befindliche Wand. Beregril wusste im ersten Augenblick nicht, warum sich dieser vor ihm fürchtete. Dann aber fiel ihm ein, dass er ja noch immer die Kleidung der Torwache trug. Also nahm er kurzerhand den Helm ab und lächelte dem Gegenüber beruhigend zu.

Der kleine ältere Herr mit verfilzten graubraunen Locken schien zunächst verwirrt über dieses Verhalten. Beregril trat näher an das Gitter und kniete sich davor. Nun befanden sich Beide auf gleicher Augenhöhe.
"Keine Angst, kleiner Mann! Ich werde Euch nichts tun. Aber sagt mir bitte, wer Ihr seid?" Sein Gegenüber schien zunächst nachzudenken, ob er dem Anderen vertrauen konnte oder nicht. Schließlich überzeugte ihn Beregrils gutmütiger Blick und der Halbling krabbelte näher an das Gitter heran. "Also wer seid Ihr?", wurde der Halbling erneut gefragt.
"Ich bin ein Hobbit, mein Herr", erwiderte dieser mit schwacher tonloser Stimme.
"Ein Hobbit? Noch nie davon gehört!" Das entlockte dem kleinen Mann ein kaum merkliches Lächeln.
"Was? Ihr kennt die Hobbits aus dem Auenland nicht? Schade, denn eigentlich hätte ich Euch gern um einen Gefallen gebeten. Bin übrigens Fillibert Braunlock aus Langgrund." Der Große dachte angestrengt nach. Vom Auenland hatte er tatsächlich schon gehört, war aber noch keinem seiner Bewohner bisher über den Weg gelaufen. Umso verwunderlicher war es für ihn gerade an diesem finsteren Ort einem Auenländer an zu treffen. "Könnt Ihr mir trotzdem diesen Gefallen tun, großer Mann?", bettelte der Hobbit.
"Ja, natürlich.", beantwortete Belegril die Frage spontan und war bewegt.
"Da ich kaum noch Hoffnung habe hier lebend heraus zu kommen, möchte ich Euch bitten meinem Jungen Todo etwas zu übermitteln. Natürlich nur wenn Euch nicht zu viel Mühe macht eine Reise ins Auenland anzutreten. Richtet ihm bitte aus, dass ich ihn sehr lieb habe und immer bei ihm sein werde." Diese Worte rührten Beregril noch mehr sehr.
"Seid beruhigt, kleiner Mann. Ich verspreche, Eurem Sohn diese Nachricht zu überbringen. Trotzdem solltet Ihr die Hoffnung nicht aufgeben. Sicher wird es einen Weg hier heraus geben." Darauf erwiderte sein Gegenüber nichts. Fast hätte er vergessen, wofür er hier war. Er musste weiter, so sehr er den Hobbits auch gern aus der momentanen misslichen Lage geholfen hätte.

Er erhob sich und begab sich zum Fuße der Treppe. Noch immer unterhielten sich die zwei Soldaten. Wie sollte er an ihnen vorbei gelangen, ohne Lärm zu verursachen. Im selben Moment sagte einer Soldaten etwas, was Beregril wieder hoffen ließ.
"Ich werde gerade mal etwas zu Trinken besorgen. Hab schon einen trockenen Hals."
Der Zweite erwiderte mürrisch: "Ja tu das. Aber bring was Gutes mit. Ich kann das Wasser nicht mehr saufen. Da kommt man sich schon vor wie eine Kuh." Für diese Bemerkung erntete er das Lachen des Ersteren. Dann hörte man sich entfernende Schritte und das Zuschlagen einer Tür.

Beregril nahm sofort die Chance wahr und schlich die Treppe hoch. Oben angekommen sah er einen Soldaten an einem Holztisch sitzen, der ihm den Rücken zudrehte. Lautlos trat er auf diesen zu. Jetzt oder nie, dachte er sich. Mit einem Stein in der Hand schlug er zu und traf das ahnungslose Gegenüber am Hinterkopf. Sofort kippte der Soldat seitwärts vom Stuhl und blieb bewusstlos am Boden liegen. Beregril huschte aus dem Raum und fand sich in einem weiten Korridor wieder. Große Gemälde zierten die Wände für die Beregril jedoch keine Augen hatte. Mehrere Türen zur linken und rechten Seite standen ihm zur Auswahl. Über viel Zeit alle Räume abzuklappern verfügte er nicht, denn der zweite Soldat konnte jede Minute wieder auftauchen. Kurzerhand entschied er sich und huschte zur Tür am rechten Ende des Flurs. Dahinter verbarg sich ein weiterer kleinerer Raum, von dem ebenfalls zwei Türen abzweigten. Allmählich kam ihm das Gebäude wie das Innere eines Labyrinths vor. Welche der Türen sollte er nun wählen?

Diese Entscheidung wurde ihm abgenommen, da er plötzlich Stimmen hinter einer der Türen vernahm. Langsam ging er auf sie zu und drückte vorsichtig die Klinge herunter. Er öffnete sie einen Spalt, aber nur soviel das er gerade genügend sehen konnte. Zu seiner Erleichterung befand sich dahinter der Empfangsaal der Residenz. Er hatte sein Ziel erreicht. Sein Blick erfasste eine Gruppe Menschen die sich darin aufhielten und miteinander sprachen. Einer von ihnen war der Hohe Ratsherr Talarin.

Doch was war das? Beregril machte große Augen, als er die anderen Gäste betrachtete. Sie trugen fußlange dunkelblaue Umhänge, bestickt mit allerlei Runenzeichen. Er wusste, dass Elben solche Schriftzeichen verwendet hatten, doch diese hier waren sicher keine aus dem Schönen Volk. Ihre Gesichter verbargen sie unter Kapuzen, als wollten sie nicht erkannt werden. Dem Widerstandskämpfer war zweifellos bewusst, um wen es sich bei den Besuchern handelte. Sie gehörten zur Dunklen Bruderschaft. Was aber hatte der Ratsherr mit ihnen zu schaffen? Da keine Soldaten anwesend waren, handelte es sich sicher nicht um eine Vorführung von Gefangenen. Zudem trug keiner unter ihnen Fesseln an Füßen oder Händen. Die Angelegenheit wurde Beregril immer suspekter. Dann vernahm er die Stimme des Ratsherrn, wie er gerade zu den Übrigen sprach. "Meine lieben Getreuen, die hier versammelt seid. Mit Freude kann ich euch mitteilen, dass sich die Stadt bereits unter unserer Kontrolle befindet. Ich habe bereits fast alle, die meinen Plänen im Weg stehen, beseitigt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dem ganzen Nördlichen Königreich das gleiche Schicksal ereilt. Der ahnungslose König in Gondor weiß noch nicht, dass ihm die Kontrolle über sein Königreich bereits entgleitet. Hier in Dun Maroth hat es begonnen und von hier aus werden sich bald überall im Reich Schatten und Finsternis ausbreiten. Daher haltet euch bereit, meine Getreuen!"

Dem heimlichen Zuhörer war die Bedeutung dieser Worte durchaus bewusst. Dieser Mann hegte finstere Pläne und machte gemeinsame Sache mit den Mitgliedern der Dunklen Bruderschaft. Also hatten die Scheinfestnahmen oder Hinrichtungen nur dem Zweck gedient, das Volk zu täuschen. Beregril musste so schnell wie möglich die Übrigen informieren. Die Menschen mussten gewarnt werden. Mehr Informationen bedurfte es eigentlich nicht mehr, also schloss er die Tür wieder und trat den Rückweg an. Er nahm den gleichen Weg wie er ihn gekommen war. Als der abermals das Verlies betrat, blickte er ein letztes Mal zu dem am Boden kauernden Hobbit. Dieser hob nur für einen Moment den Kopf. Aus dem Gesichtssausdruck des kleinen Mannes heraus las er die Bitte, sein Versprechen zu halten. Beregril nickte stumm und huschte dann Richtung Stollen. Nicht zu früh, denn plötzlich hörte eine aufgeregte Stimme hinter sich. Der Soldat musste zurückgekehrt sein und seinen bewusstlosen Kameraden entdeckt haben. Der Flüchtige spurtete so rasch er konnte durch den Stollen Richtung Bodengitter. Als er hinaus kletterte, herrschte bereits helle Aufregung. Man hatte Talarin soeben informiert, dass sich ein Eindringling in der Residenz befand. Sofort versetzte dieser die hiesige Torwache in erhöhte Alarmbereitschaft und ordnete an, das gesamte Gebäude zu durchsuchen. Doch nicht alle Soldaten befolgten den Befehl des Ratsherrn. Beregril wurde am Tor von den zuvor kennen gelernten Männer empfangen. Sie geleiteten ihn auf sicherem Weg nach draußen, wo er umgehend seine Rüstung ablegte und in den dunklen Gassen der Stadt abtauchte.

Zur Kapitelübersicht

XXXII. Wanderung in Waldende

Es waren einige Tage seit dem Weitwurfwettbewerb vergangen. Obwohl die meisten Besucher den Ort Weidengrund schon Richtung Heimat verlassen hatten, entschieden sich die jungen Hobbits noch ein paar Tage bei Angelica Braunlock zu bleiben. Dies nutzten beide um sich noch einige Erholung zu gönnen. Insbesondere Todo war das sehr recht, der schon mit leichtem Greuel an die bevorstehende Arbeit auf den Tabakfeldern dachte. Auf ihm lastete nämlich derzeit alleine die Verantwortung über das Gut der Braunlocks und seiner Pflege, solange sein eigener Vater verschollen blieb. Immerhin hatten sich aber einige Dorfbewohner bereit erklärt, ihn bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben zu unterstützen, was auch von Nöten war. Daran dachte er jedoch in diesen Tagen so wenig wie möglich.

Es war ein ungewöhnlich frühlingshaftes Wetter, das dem Auenland in diesem Jahr beschert wurde. Es lud regelrecht dazu ein, die eigene Wohnstube zu verlassen und sich im Freien aufzuhalten. Beide Hobbits hatten schon immer eine gemeinsame Vorliebe für ausgedehnte Wanderungen gehabt. Während es um Langgrund herum kein größeres Waldgebiet gab, bot sich das nahe Waldende geradezu an. Für den heutigen Tag hatten sich die Jungen eine solche Tour vorgenommen. Früh morgens waren sie bereits, mit dem notwendigen Proviant im Gepäck, aufgebrochen und gen Wald marschiert. Als sie den von Kiefern und Buchen bewachsenen Ort betraten, schien es ihnen als betreten sie eine andere Welt. Ein ruhiger friedlicher Platz, an dem es dennoch nicht ganz still war. Die ersten Waldtiere hatten ihren Winterschlaf beendet und nutzten die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages um Kraft und Energie zu tanken. Einige waren aber auch schon auf der Suche nach Nahrung. Hier und da konnten beide Freunde kleine rotbraune Eichhörnchen beobachten, die den moosbedeckten Erdboden nach Nüssen oder Ähnlichem absuchten. Als sie die Besucher bemerkten huschten sie jedoch wieder flink aufwärts in das Geäst der umher stehenden Holzriesen. Die kleinen Vögel indes begrüßten die Wanderer mit einem wahren Zwitscherkonzert. Die Hobbits marschierten gemütlich den kleinen Pfad entlang, an dessen Rändern Himbeer-oder Brombeersträucher wuchsen. Früchte trügen sie zum Bedauern der beiden Süßmäuler aber erst im späten Sommer. Bis dahin war es leider noch einige Monate hin. Am Waldboden raschelte und knackte es unaufhörlich. Tausend kleine Tiere waren stetig unter und über der Erde unterwegs. Ja diese beschauliche Atmosphäre liebte Todo schon seit seinen frühesten Kindertagen. In diesem Moment erinnerte er sich, was ihm sein Vater einst über den Alten Wald nahe Bockenburg erzählt hatte: 'Ein unheimlicher Ort, über den man sich eine Menge seltsame und auch unheimliche Geschichten bis zum heutigen Tage erzählte.'

In Waldende hingegen gab es nichts, was auf solche mysteriöse Vorgänge hindeutete. Trotzdem lebten auch die hiesigen Bäume auf ihre Weise, ohne sich allerdings fortzubewegen. Sicher waren viele unter ihnen auch schon sehr alt. Könnten sie sprechen, hätten sie bestimmt eine Menge Geschichten aus vergangenen Zeiten des Auenlandes zu erzählen. Ereignisse, die die beiden Jungen nur aus Erzählungen her kannten. Während Todo Gedankenversunken die Umgebung betrachtete, hielt Ferdi weiterhin Ausschau nach etwas Essbarem innerhalb des Waldes. Zwar waren ihre Rucksäcke gut gefüllt, doch verspürte er seit einiger Zeit Lust auf etwas Süßes.

Plötzlich vernahm er ein zunehmendes Summen der Luft. Für gewöhnlich verursachten nur Bienen solche Geräusch Er sah sich sofort nach ihnen um, konnte aber zunächst nichts derlei entdecken. Während sie weitergingen, wurde das Summen immer lauter. Ferdi blickte nach oben und spürte mit seinen Blicken einen Bienenstock auf, der an einem der umher stehenden Bäume hing. Ein Lächeln huschte über seine Mundwinkel. Wo es einen Bienenstock gab, da war auch eine Menge leckerer Honig vorhanden. Allerdings hing dieser unerreichbar am dicken Ast eines nahen Baumes. Er machte seinen Kumpel darauf aufmerksam. Dabei deutete er gleichzeitig mit der rechten Hand auf das hohe Geäst.
"Sieh mal, Todo! Da hängt ein Bienenbau im Baum. Der ist bestimmt voll von leckerem Honig. Wollen wir uns den entgehen lassen?" Der Freund blieb ebenfalls stehen und sah nun auch hinauf. Er sah zwar auch das Gebilde im Baum, verspürte aber alles andere als die Lust, mit dessen Bewohnern Bekanntschaft zu machen.
"Aber bestimmt ebenso viele bösartigen Bienen drin, Junge.", gab er daher zu bedenken.
"Ach komm schon! So ein paar Bienchen, die schaffen wir mit links.", wiegelte Ferdi ab. Darüber dachte der andere Hobbit einen Moment nach.

Nach einem kurzen Abwägen von Für und Wieder stimmte er der Idee zu. Schließlich liebte auch er Honig. Allerdings störte ihn die schwindelerregende Höhe, in der das Bienenhaus hing. So ohne Weiteres kamen sie bestimmt nicht dran, denn sie waren ja nur kleine Hobbits von zwei Fuß Länge. Selbst ein großer Mensch hätte da Mühe gehabt es zu erreichen.
"Und wie bitte schön sollen wir es herunter holen?", fragte Todo unsicher.
"Lass mich kurz nachdenken. Mir wird schon was einfallen.", erwiderte Ferdi. Sie standen eine Weile unschlüssig herum, bis Tuk Junior schließlich die zündende Lösung gefunden hatte.
"Wir können da zwar nicht hoch gelangen aber es vom Baum holen." Der Andere runzelte die Stirn.
"Und wie bitte schön?", wurde Ferdi daraufhin gefragt.
"Ich denke mal, dass du deine Elbensichel bei dir trägst, Junge. Oder? Wenn du mit ihr auf den Bienenstock zielst, wird ihre Wucht sicher ausreichen, um ihn zu uns herab zu holen.", erklärte Ferdi dem Freund. In der Tat trug Todo diesen Gegenstand im Rucksack. Er hatte den Bumerang eher beiläufig als bewusst eingesteckt. Dies konnte sich jetzt durchaus als nützlich erweisen.

Also öffnete er den Rucksack und holte die Elbensichel heraus.
"Na mach schon, Junge!", rief der Andere ganz ungeduldig. Braunlock Junior wog den schönen Gegenstand einen Moment in der rechten Hand, bevor er damit den Bienenstock ins Visier nahm. Dann holte er aus und schleuderte den Bumerang von sich weg. Beide Freunde verfolgten seinen rasanten Flug durch die Luft. Sekunden später traf er mit einem satten Klatschen den zuckenden Bienenstock, der im nächsten Augenblick gen Erdboden herab fiel. Es folgte ein heftiger Aufprall, der den ganzen Bienenbau ins Mark erschütterte. Trotzdem hatte es keinen großen Schaden davongetragen. Ferdi war außer sich Freude und hüpfte vergnügt auf der Stelle. Diese war aber nur von kurzer Dauer. Nachdem sich die kleinen Bewohner des Bienenstocks vom ersten Schock erholt hatten, hatten sie die Verursacher des Übels schnell ausgemacht. Umgehend vereinigten sich zu einem großen Schwarm. Die dichte dunkle Wolke aus Insekten stieg auf und nahm nun wiederrum die Störenfriede ins Visier. Den beiden Hobbits blieb das Lachen im Hals stecken, als sie den wütenden Schwarm auf sich zu fliegen sahen. Nun galt es Fersengeld zu geben, um dem Mob aus Bienen zu entkommen.

Sie nahmen beide Beine in die Hand und flüchtet ins Unterholz. Verfolgt von den zornigen Insekten bahnten sich die Jungen mühsam einen Weg quer Feld ein durch das dichte Gestrüpp. Sie fielen dabei nicht wenige Male über umgestürzte Baumstämme und sahen sich sofort den Angriffen durch schmerzhafte Stiche ausgesetzt. So schnell wie möglich quälten sie sich wieder auf die Beine und liefen was sie konnten. So ging es eine ganze Weile, bis die Hobbits einen ausgehöhlten Baumstamm entdeckten in den sie hinein flüchteten. Es verging noch eine Zeit bis der Bienenschwarm von den Flüchtenden abließ und zum Bienenstock zurückflog.

"Wer kann man nur auf eine solche Idee kommen, sich mit einem Schwarm Bienen anlegen? Nur zwei Idioten wie wir!", brummte Todo ärgerlich Dabei rieb er sich selbst die schmerzhaften Hautstellen. Seinem Freund war es nicht besser ergangen.
"Wieso? Es war doch einen Versuch wert gewesen, oder nicht?", konterte Ferdi umgehen.
"Tja, und was ist das Ergebnis, werter Herr Tuk? Einen Haufen Blessuren aber kein Honig.", entgegnete sein Gegenüber.
"Hm, wir könnten es ja noch mal versuchen.", sagte Ferdi.
"Untersteh dich! Ich habe heute bereits genug von deinen gut gemeinten Vorschlägen.", erwiderte der Kumpel sofort. Die Beiden blieben noch eine Weile im Baumstamm sitzen, bis sie die Luft für rein hielten.

Während die Sonne bereits langsam gen Westen sank, setzten die Freunde ihren Weg fort. Als am Abend die Dämmerung hereinbrach, verebbten nach und nach die zahlreichen Geräusche und Stimmen im Wald. Die Hobbits erreichten eine kleine Lichtung. Sie beschlossen die folgende Nacht hier zu rasten. Während Todo mit dem Auspacken der Rucksäcke beschäftigt war, suchte sein Freund die nahe Umgebung nach Brennholz für das geplante Lagerfeuer ab. Mit mehr als genügend Material kehrte er später zum Rastplatz zurück, an dem der zweite Hobbit inzwischen die mitgebrachte Brotmahlzeit auf einer ausgebreiteten Decke verteilt hatte. Gemeinsam stapelten sie anschließend das gesammelte Holz zu einem hohen Haufen zusammen und entzündeten es.

Während sich die Dunkelheit und die Stille über den Wald ausbreiteten, versammelten sich die beiden Jungen um diese Feuerstelle. Sie hatten unter Anderem Brotteig mitgenommen, den sie nun auf Holzstäben aufspießten und über der Glut rösten ließen. Nachdem sie eine gute Mahlzeit zu sich genommen und satt geworden waren, begannen sie gemeinsam Volksweisen aus dem Auenland zu trällern. Allerdings taten sie das mit angemessener Lautstärke, denn sie wollten auf keinen Fall die hiesigen Waldbewohner aus deren Schlaf aufschrecken. Trotzdem lockte es, unbemerkt von den beiden Hobbits, zahlreiche Nachttiere an. Am Boden oder auf Bäumen sitzend lauschten sie aufmerksam dem Gesang der jungen Männer. Es gefiel den Tieren offenbar sehr, endlich mal wieder fröhliche Lieder innerhalb ihrer Gefilde zu hören. Außerdem hatte sich noch ein weiteres Geschöpf sich zu den Zuhörern gesellt. Es saß hoch oben in der Baumkrone und beobachtete aus Adleraugen die kleinen Hobbits. Einen der beiden kannte es schon. Schon seit geraumer Zeit verfolgte es jeden Schritt der beiden. Allerdings so, dass es die Beobachteten bisher nicht bemerkten. Dies sollte auch vorerst so bleiben, denn dem geflügelten Boten erschien es noch nicht an der Zeit, es auf eine Begegnung ankommen zu lassen. Zunächst sollten sie noch das friedvolle Dasein innerhalb ihrer Gemeinschaft eine Weile leben können. Als ihr Gesang verstummte, verließ das Geschöpf seinen Standort wieder und schwebte hinfort. Todo und sein Freund zündete sich indes eine Pfeife mit Tabakkraut an und beobachtete schweigsam den nächtlichen Himmel.

Hoch im Osten erblickte man die Remmirath, auch Siebengestirn genannt. Todo faszinierte der Anblick der vielen Sterne am Himmel. Dabei fiel ihm auch einer unter ihnen auf, der heller schien als die Anderen.
"Sag Ferdi! Siehst du auch diesen Stern?", fragte er den Freund und deutete dabei gen Himmel.
"Welchen meinst du denn?", wurde er wiederum gefragt.
"Na diesen dort, der heller als die Übrigen erstrahlt.", gab Todo ihm zur Antwort.
"Ach so den. Ja, der ist mir auch schon aufgefallen.", erwiderte sein Gegenüber.
"Hat er einen Namen?", wollte Ferdi wissen.
"Ja, ich glaub es ist 'Flammifer der Westernis', den man auch 'Earendils Stern' nennt." Der Tuk machte daraufhin ein fragendes Gesicht.
"Earendils Stern? Hab ich noch nie gehört." Der junge Braunlock kicherte.
"Was? Du kennst Earendil nicht?" Der Gefährte hob die Schulter.
"Muss man den denn kennen?" Dafür erntete ein verständnisloses Kopfschütteln.
"Lieber Ferdi. Vielleicht solltest du auch mal ein wenig mehr lesen."

Anschließend erzählte er seinem Freund in Kürze die Geschichte von Earendil, dem Seefahrer. Ein Mann aus dem Großen Volk, der in der Zeit höchster Not aus Mittelerde los gesegelt war, um das sagenhafte Land Valinor zu finden. Wie er unter schwersten Entbehrungen dieses endlich erreicht hatte und vor das Angesicht der Götter getreten war, um Hilfe für sein geknechtetes Volk zu erbitten. Sie erhörten zwar sein Flehen, doch für ihn selbst gab es kein Zurück zu Seinesgleichen. In einem wunderschönen Schwanenschiff, eigens für ihn angefertigt und von den Göttern geweiht, wurde er gen Firmament gehoben und durchfährt seitdem den Himmel über Mittelerde. Auf der Stirn trägt er einen der Silmaril, welcher das Licht der Zwei Bäume enthielt und ihm von seiner geliebte Elbin Elwing überbracht worden war. Ferdi lauschte interessiert der Geschichte und wunderte sich darüber, was Todo so alles wusste. Nachdem dieser seine kurze Geschichte beendet hatte, saßen sie noch eine ganze Zeit beisammen bis beide schließlich von der Müdigkeit übermannt wurden. In Decken eingehüllt, schliefen sie irgendwann ein.

Am nächsten Morgen wurden sie vom Vogelgezwitscher geweckt. Nach einem kleinen Frühstück setzten sie ihre Wanderung fort. An einem hohen Baum machte Ferdi plötzlich Halt und sah hinauf. In seinem Kopf begann es zu arbeiten. Dieser erschien als der Richtige für das neuerliche Vorhaben.
"Siehst du den Baum vor uns, Todo?" Sein Partner nickte, verstand aber die gestellte Frage nicht so recht.
"Ja, warum?", hakte er deshalb nach.
"Er erscheint mir geeignet zu sein um dir etwas zu zeigen. Doch das nicht alleine. Ich möchte dir zudem gern etwas beibringen.", antwortete sein Gegenüber.
"Da bin ich aber gespannt!", bemerkte Todo.

Interessiert beobachtete er seinen Kameraden anschließend dabei, wie dieser den Rucksack ablegte und auf den Baum zuging. Er umfasste fest den Stamm mit beiden Händen und kletterte an ihm hinauf. Es war schon bemerkenswert, wie er sich mitsamt den Beinen immer höher schraubte bis er schließlich einen breiten Ast zu fassen bekam. An ihm zog er sich hoch und setzte sich auf diesen.

"Und nun bist du dran, mein Freund. Es ist gar nicht schwer und überaus nützlich für den Fall, dass man nach oben entkommen muss. Also los, komm hinauf!" Der unten stehenden Hobbit war überhaupt nicht davon angetan. Die Skepsis stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er war noch nie auf einen Baum geklettert und glaubte nicht, dass ihm das je gelingen würde. Dafür war er einfach zu unbeholfen, davon ging er aus. Sein Freund oben aber gab ihm zu verstehen, dass es immer ein erstes Mal geben musste. Zögerlich legte Todo ebenfalls seinen Rucksack ab und wandte sich dem Baum zu. Er umfasste den Baumstamm mit beiden Armen und drückte beide Füße fest gegen die Rinde. Anschließend versuchte er ebenfalls hinaufzuklettern, doch die Angelegenheit erwies sich nicht als allzu einfach. Es bereitete ihm große Mühe die erforderlichen Bewegungen koordiniert auszuführen.

Nachdem er es mehrere Male erfolglos versucht hatte, ließ er es resigniert sein. Er war total verschwitzt, so verausgabt hatte er sich während der letzten Aktion.
"Lass es gut sein, Ferdi! Das schaff ich nie und nimmer.", rief er dem im Baum sitzenden Hobbit zu. Dieser war aber überhaupt nicht von der Absicht des Gefährten, so einfach aufzugeben, angetan.
"Das kommt überhaupt nicht in Frage, Junge! Wir werden hier solange bleiben, bis du es endlich gemeistert hast.", schallte es lachend aus der Höhe hinab.
"Aber wenn es doch keinen Zweck hat!", widersprach Todo mürrisch.
"Du musst mal damit aufhören, bei jedem Anflug von Schwierigkeiten den Kopf ein zu ziehen. Mach es mal stattdessen wie ein Tuk. Augen zu und durch.", entgegnete ihm der Kamerad.

Tja wohl oder übel musste der jungen Hobbit einen neuen Versuch starten, denn Ferdis Worte ließen keinen Widerspruch zu. Also überwand sich Braunlock Junior und versuchte erneut den Baum zu erklimmen. Wieder drückte er beide Beine fest gegen den Stamm und stieß sich ab, wobei sich beide Arme um diesen klammerten. Diesmal gelang es ihm seine Bewegungen besser zu koordinieren und er erklomm zum eigenen Erstaunen endlich den Baum. Sein Freund quittierte den Erfolg mit Beifall und lachte fröhlich. Todo schnaufte wie eine Lokomotive als er oben ankam und musste erstmal nach Luft schnappen.
"Siehst du, Todo! Du hast es doch gepackt. Ich würde meinen Hut vor dir ziehen, falls ich einen besitzen täte. Aus dir wird noch mal ein richtiger Tuk!", sagte Ferdi und klopfte dem Freund dabei anerkennend auf die Schulter. 'Na, wenn solche Mühe von Nöten war, um ein Tuk zu werden, ließ er es besser bleiben.', dachte sich der erschöpfte Hobbit.
"Du bist ein Schinder!", erwiderte er mürrisch.
"Was heißt hier Schinderei? Solche Fähigkeiten sollte zumindest ein jeder Hobbit besitzen, ob er nun aus dem Auenland oder aus dem Bockland stammt.", widersprach ihm sein Gegenüber energisch."Und in solchen Zeiten, wie wir es erleben, braucht es Solche. Davon bin ich überzeugt.", fügte er hinzu. Irgendwie hatte der Freund ja Recht, gestand sich Todo innerlich ein. In der Tat hatte sich hier nun einiges verändert. Das heutige Auenland war nicht mehr das, was er selbst aus seinen Jugendtagen her kannte. Obwohl man sich inmitten dieser grünen Idylle kaum vorstellen konnte, dass es etwas Anderes außer Frieden und Ruhe in dieser Welt gab, waren beide ja eines Besseren belehrt worden.

Während er sein nass geschwitztes Hemd zum Trocknen über einen benachbarten Ast hing, griff sein Freund in die Hosentasche und holte etwas hervor. Neugierig musterte er das Etwas in dessen Hand, das verborgen in ein Tuch eingewickelt war. Als Ferdi es auseinander gewickelt hatte und der Inhalt zum Vorschein kam, wurden Todos Augen groß. Tuk Junior grinste über beide Ohren, während er es dem anderen Hobbit präsentierte. Zu dessen Erstaunen, war es der abgebrochene Teil einer Honigwabe.
"Woher hast du die denn her?", fragte dieser verblüfft.
"Tja, mein werter Freund. Dachtest du etwa, ich würde den Wald ohne eine Süßigkeit verlassen.", lautete daraufhin die Antwort. Anschließend teilte er sie kameradschaftlich und verputzte den erbeuteten Honig.

Plötzlich hörten sie das Wiehern eines Pferdes durch den Wald hallen. Umgehend spitzten sie Augen und Ohren und hielten aus ihrer luftigen Höhe Ausschau nach dem möglichen Verursacher. Noch war nichts zu sehen.
"Siehst du! Jetzt weißt du wozu es gut ist, mal schnell ein so gutes Versteck zu haben.", erklärte Ferdi seinem Kameraden. Im nächsten Augeblick erspähten sie den unbekannten Reiter, der aus dem Innern des Waldes erschien. Es war kein Soldat oder irgendein Strolch, das stellten sie sofort fest. Stattdessen erkannten sie, dass es sich bei dem Fremden um einen älteren Mann handelte. Er trug einen ebenfalls braunen Umhang, unter dem er ein blaues vergilbtes Gewand trug. Auf die Hobbits machte er nicht den Eindruck als führe etwas Böses im Schilde. Trotzdem wollten sie unentdeckt bleiben und verhielten sich daher möglichst geräuscharm, als er gerade unter ihrem Baum vorbei ritt.

Wie es der Umstand auch immer wollte, griff Todo soeben unbedarfter Weise nach seinem inzwischen trockenen Hemd um es sich über zustreifen. Im selben Moment tat er jedoch eine so ungeschickte Bewegung, dass er den Halt verlor und vom Ast rutschte. Ein leiser Schrei entfuhr seinem Mund als er herab stürzte. Glücklicherweise landete er auf seinem Allerwertesten. Seinem Kameraden entglitt zeitgleich ein Fluchen. Der verursachte Lärm schreckte das fremde Pferd und seinen Führer auf. Blitzartig ruckte der Kopf des Reiters herum. Seine grauen Augen weiteten sich vor Erstaunen als er die kleine Gestalt am Boden erblickte. So viele wunderliche Geschöpfe er schon gesehen hatte, war dieses etwas Außergewöhnliches. Obwohl es der Größe nach einem Zwerg gleichkam, trug es keinerlei Bart. Auch wirkte es nicht wie ein Krieger oder Kämpfer, wie er es von Zwergen gewohnt war. Vielmehr wirkte der Kleine eher von gemütlicher und friedfertiger Art. Auch dessen dummes Gesicht hat etwas Erheitertes an sich, was ihm spontan ein Lächeln entlockte. Der Kleine aber schien das alles andere als amüsant zu finden. Er rappelte sich auf, streifte sich schnell das Hemd über und klopfte sich den Staub von der Hose. Der Fremde machte kehrt und brachte wenige Meter vor dem Halbling schließlich sein Ross zum Stehen.

Neugierig blickte er auf den Hobbit herab, was diesem wiederum überhaupt nicht zu gefallen schien. Weniger aus Misstrauen, sondern vielmehr, weil er es nicht mochte, angestarrt zu werden. Der Kleine verschränkte beide Arme über der Brust und blickte zu seinem Gegenüber auf.
"So habt Ihr Euch jetzt satt gesehen, der Herr?", wurde der Reiter gefragt.
Der Fremde schien die Frage amüsant zu finden und erwiderte daher lächelnd: "Oh entschuldigt, dass ich Euch so anstarre, kleiner Mann. Es ist nur so, dass ich einen solchen Anblick nicht gewöhnt bin.", erklärte er. Der Hobbit wusste nicht so ganz worauf der Andere hinaus wollte.
"Was meint Ihr bitte schön damit?" Der Mann bemühte sich nicht unverschämt zu klingen.
"Nun ja mein junger Herr. Eure ganze Erscheinung erscheint mir etwas ungewohnt. Insbesondere, wenn ich mir so Eure Füße ansehe." Sein kleines Gegenüber schien diese Bemerkung wenig zu belustigen und regierte entsprechend unwirsch.
"Keine Diskriminierung bitte schön! Was meine Füße anbelangt, bin ich sehr stolz darauf. Ich brauche meine Füße nicht wie ihr Menschen in Schuhen zu verstecken."

Plötzlich vernahm man eine weitere junge Stimme von oben herab.
"Das kann ich ebenfalls bestätigen." Der Kopf des Mannes ruckte hoch und sah soeben überrascht einen weiteren Halbling den Baum hinab klettern. Einen Zweiten zu erblicken, erstaunte den Fremden noch vielmehr. Ungläubig schüttelte er das Haupt. Die Blicke des großen Mann wanderten von einem Hobbit zum Anderen.
"Sagt mir, ihr Zwei, zu welcher Art von Geschöpfen gehört ihr?" Diese Frage löste bei den Jungen Unverständnis aus.
"So so, Ihr reitet durch dieses Land, aber kennt seine Bewohner nicht. Das ist doch nicht zu fassen.", bekam er entrüstet zur Antwort. "Wir sind Hobbits, falls Ihr es genau wissen wollt", fügten sie hinzu. Sofort legte ihr Gegenüber die Stirn in Falten. Er schien angestrengt nach zudenken.
"Hm, wenn ich mich recht entsinne, sagt mir der Begriff etwas. Ich hab ihn vor langer Zeit mal vernommen. Ein alter Weggefährte hat ihn mir mal gegenüber erwähnt, doch hab ich mir ehrlich gesagt nie etwas Genaues darunter vorstellen können." Die beiden Freunde sahen ihn daraufhin schief an. Dass es immer noch Angehörige des Großen Volkes gab, die wie dieser hier noch wenig mit dem Wort Hobbit anfangen konnten, begriffen sie nicht. Dieser Reiter schien wohl nicht aus dem angrenzenden Königreich zu stammen, was zugleich ihre Neugierde weckte. Wenn dieser Mann nicht von dort kam, woher dann? War er vielleicht gar ein Großer, der Übles im Schilde führte? Danach sah er aber eigentlich nicht aus.
"Wer seid Ihr eigentlich, Herr? Und was führt Euch hierher?", wurde er gefragt.
"Mein Name wird euch zwar nichts sagen, aber ich will ihn euch trotzdem verraten. Man nennt mich den Weitreisenden."

In der Tat konnten die Hobbits mit diesem Namen nichts anfangen, doch war dies in diesem Augenblick nicht von großer Bedeutung.
"Darf ich vorstellen, ich bin Ferdibrand Tuk. Und dieser werte Herr ist mein Freund Todo Braunlock." Dabei deutete er auf seinen braunlockigen Gefährten. Der Fremde hob die Augenbrauen.
"Es freut mich, euch Hobbits mal kennen zu lernen. Auf meiner langen Reise habe ich dies und das über euer Völkchen gehört."
"Ich hoffe nur Gutes, der Herr!"
, bemerkte Todo ungeniert.
"Oh, junger Mann. Sei versichert, dem ist so.", erwiderte der Mann lachend. Als man ein wenig Vertrauen zu einander gefasst hatte, boten die jungen Männer ihm an, mit ihnen zusammen eine Brotmahlzeit einzunehmen. Obwohl er eigentlich in Eile war, nahm er das Angebot dennoch an. Sie vergaßen auch das Pferd nicht mit ein paar Brotkrumen und Zuckerwürfeln zu beglücken, was es seinerseits mit einem freudigen Wiehern erwiderte. Als sie sich dann zusammengesetzt hatte, wollten die Hobbits vieles auf einmal wissen.
"Sachte, sachte junge Herren. Eines nach dem Anderen.", bremste er sie aus.
"Ich komme aus dem Land Khand." Auf den Gesichtern seiner Zuhörer spiegelt sich Unverständnis ab. Das hatte er erwartet. "Na hattet ihr denn gedacht, dass die Welt nur aus dem Auenland oder dem Königreich besteht? Wenn ja, muss ich euch sagen, dass es noch viele andere Länder in Mittelerde gibt. Manche sind noch immer verlassen, andere Orte wiederum sind Heimat neuer Völker geworden. Mein Zuhause ist eher wenig besiedelt.", unterrichtete er sie.

Anschließend erzählte er ihnen dass es sich dabei um eine öde und trockene Landschaft handelte. Dessen Klima war für Menschen und Hobbits aus dem Norden alles andere als angenehm anzusehen. Er erwähnte auch jene kleine wunderbare Stammesgemeinschaft, in der er bisher gelebt hatte. Als er ihre Wohnhäusern beschrieb, blickten sich Ferdi und Todo gegenseitig ungläubig an. Sie konnten sich gar nicht vorstellen wie ein Mensch in einem Zelt, so wetterfest es auch sein mochte, leben konnte. Seiner Schilderung nach musste es aber doch ein recht gemütliches und warmes Heim sein. Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, machte er erstmal eine Erzählpause.

"Ist es denn nicht schwer, wenn man von seiner Heimat getrennt ist? Also ich könnt mir nicht vorstellen jemals das Auenland zu verlassen.", bemerkte Todo. Sein Gegenüber sah ihn plötzlich eindringlich an.
"Bist du dir da so sicher, Junge? Gäbe es wirklich nichts, was dich dazu bewegen könnte, deine Heimat zu verlassen? Nicht mal, wenn du jemanden verloren hättest, der dir lieb und teuer wäre?" Diese unerwartete Antwort versetzte Todo einen kleinen Stich ins Herz. 'Jemand, der ihm lieb und teuer war?' Natürlich kannte er einen Solchen, keine Frage. Allerdings hatte er derzeit wenig Hoffnung ihn jemals wieder zu sehen. "Bei der Gelegenheit, junge Freunde: auf meiner Reise erfuhr ich etwas, was zwar nichts mit euch zu tun haben muss, aber euch dennoch vielleicht interessieren könnte.", sagte der Fremde beiläufig."Als ich nach Arnor kam, hat mir einen reisender Händler aus Dun Maroth berichtet, dass in den Kerkern der Stadt ein paar sonderbare Gefangene sitzen. Er erwähnte, dass man sie in Begleitung einiger Schurken aufgegriffen habe. Was glaubt ihr wohl als was der Händler sie bezeichnet hat?" Beide junge Hobbits hoben nichtsahnend die Schulter. "Merkwürdig, aber es soll sich um kleine Geschöpfe aus eurem Volk handeln." Diese Neuigkeit elektrisierte die Jungen. Das blieb ihrem Gegenüber nicht verborgen. "Hm, wenn ich euch beide so ansehe, kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Hobbits, die gemeinsame Sache mit Schurken machen. ", murmelte der Mann.
"Das tun sie auch nicht!", widersprach Ferdi sofort. "Wir haben mit solchen Abschaum nichts zu tun. Es ist vielmehr so, dass man sie entführt hat. Ja wohl so ist es!" Der Mann runzelte nachdenklich die Stirn.
"Hm, dann stellt sich für mich die Frage, aus welchem Grund dies geschehen ist. Könnt ihr mir das beantworten?"

Umgehend erzählten die Freunde ihm von jenen schlimmen Ereignissen, die ihre Heimat heimgesucht hatten. Gespannt lauschte er ihren Ausführungen. Ab und zu schüttelte er allenfalls bestürzt den Kopf, schwieg aber ansonsten und ließ sie reden. Währenddessen machte er sich so seine eigenen Gedanken. Da musste es jemanden geben, der es auf das Kleine Volk abgesehen hatte. Jemanden, der einen tiefen Groll gegen sie und ihre Art hegte. Zu seiner eigenen Schande musste er sich selbst eingestehen, dass er bislang ebenfalls wenig Sympathie für die Auenlandbewohner empfunden hatte. Er hatte sie bislang eher für dumm und einfältig gehalten. In diesen Moment wurde er jedoch eines Besseren belehrt. Diese zwei kleinen Kerle, die ihm gegenüber saßen und munter drauf los plauderten, erschienen weder von dummer noch einfältiger Natur zu sein. Vielmehr gelangte er inzwischen zu der Erkenntnis, dass es sich um durchaus aufgeweckte intelligente Geschöpfe handelte. Er erklärte sich dies mit dem Umstand, dass man unlängst in einem neuen Zeitalter lebte, dessen Veränderungen sicher auch nicht spurlos an den Hobbits vorbei gegangen.

Je mehr der Weitreisende darüber nach grübelte desto mehr dämmerte es ihm, dass ihn sein Weg nicht zufällig in dieses beschauliche Stückchen Land geführt hatte. Ob sie ihm vielleicht gar bei der Erfüllung seiner Mission behilflich sein konnten? Jedenfalls haben sich Dinge in Bewegung gesetzt, deren Ausmaße noch nicht absehbar waren. Auch er, der die Fähigkeit der Voraussicht besaß, konnte die Absichten der Götter nicht gänzlich durchschauen. Das machte die Aufgabe nicht leichter. Ebenso wenig glaubte er, die beiden so einfach von der Notwenigkeit überzeugen zu können, sich ihm anzuschließen und das Auenland zu verlassen. Andererseits war ihm nicht verborgen geblieben, wie besonders der eine Hobbit namens Todo Braunlock auf seiner Erwähnung der Gefangenen reagiert hatte. Anhand dessen ungewöhnlicher Reaktion schloss er darauf, dass eine intensivere Verbindung zwischen diesem und den Entführten bestehen musste. Wenn er herausfinden konnte, inwiefern das zu traf, vermochte diese Erkenntnis sich durchaus als nützlich für seine Zwecke erweisen. Zugleich kam es ihm jedoch etwas schändlich vor, den jungen Mann auf diese Weise in seinem Sinne einzuspannen. Darum nahm er zunächst erstmal Abstand von dieser Idee. Schließlich erhob er sich, denn die Zeit saß ihm im Nacken.
"Tut mir Leid junge Hobbits, aber ich fürchte, dass ich schon viel zu viel Zeit vertrödelt habe. Es gibt wichtige Dinge, die ich zu erledigen habe. Also lebt wohl und haltet die Ohren steif." Der Mann bestieg sein Pferd und winkte ihnen zum Abschied noch mal zu. Während auch die Hobbits ihre Sachen zusammen packten, um heimwärts zu ziehen, ritt der alte Mann sein Ross.

Zur Kapitelübersicht

to be continued ...

©Perian

© LotR-FC.de 2007 - 2020

Letzte Änderung: 30.06.2019 21:28:19